Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Auszug aus einer sehr speziellen Buchbesprechung von B. Biedermann

  


Zur Geschichte der Fla-Rak-Truppe der Luftwaffe der Bundeswehr

Das Buch "'Blazing Skies' - Die Geschichte der Flugabwehrraketentruppe der Luftwaffe" der Bundeswehr ist im Jahr 2004 erschienen.
Die Autoren, Oberst a. D. Wilhelm von Spreckelsen und Oberstltn. a. D. Wolf-Jochen Vesper, Jahrgang 1945 bzw. 1943, haben selbst viele Jahre bei dieser Truppe gedient und sie mitgestaltet. Sie haben in akribischer Weise die Entwicklung ihrer Waffengattung beschrieben, manchmal so detailliert, dass wahrscheinlich nur Insider nachvollziehen können, was da wann und warum abgelaufen ist.

Beim Lesen der sehr umfangreichen Anhänge und Anlagen, sie nehmen immerhin fast ein Drittel des Buches ein (136 von 490 Seiten), gewinnt man den Eindruck, dass niemand vergessen wurde, der jemals bei den FlaRak eine Rolle gespielt hat. Das Buch ist gewürzt mit vielen Episoden aus dem Leben der Truppe, wodurch die mitunter ermüdenden Passagen über Struktur-, Standortveränderungen und technischen Modifizierungen etwas aufgelockert werden.
Auffällig sind einige Parallelen in den Anfängen der Fla-Raketentruppen in Bundeswehr und NVA. In beiden Armeen unterlag die Bildung dieser neuen Waffengattung der höchsten Geheimhaltung. Die ersten zukünftigen FlaRak-Soldaten der Bundeswehr flogen im Mai 1958 in die USA, ziemlich genau in der Zeit, als sich die ersten NVA-Soldaten auf die Ausbildung in der Sowjetunion vorbereiteten. Abgesehen davon, dass die einen wie die anderen zunächst enorme Sprachprobleme hatten, gab es im weiteren Verlauf der Entwicklung dann allerdings kaum noch Gemeinsamkeiten. Was einem deutschen Leser allerdings sofort auffällt, das sind begriffliche und sprachliche Eigenheiten im gesamten dienstlichen Bereich der FlaRak. Die Vermischung englischer und deutscher Wendungen und Begriffe ließ ein sprachliches Kauderwelsch entstehen, das mitunter absurde Formen annimmt.
Eine solche Erscheinung hat es bei den FRT der NVA im Zusammenhang mit Russisch nie gegeben. Da gab es zwar die gemeinsame Kommandosprache Russisch, die auch bei Übungen angewendet wurde, aber im normalen Dienst wurde bei uns deutsch gesprochen. Die Vorschriften und technischen Beschreibungen lagen alle in deutscher Sprache vor.
Auch wenn es die Autoren verwundern und betroffen machen wird: Für mich als ehemaligen Fla-Raketenoffizier der NVA, Jahrgang 1942, der wie von Spreckelsen und Vesper Anfang der 60er Jahre dabei war, entstand beim Lesen der Eindruck, dass sie ungewollt ein permanentes Dilemma ihrer Waffengattung beschrieben haben.
Dieses Dilemma ergab sich daraus, dass die einzige Konstante in der Entwicklung der FlaRak in fortwährenden Änderungen der Strukturen der Verbände, Truppenteile und Einheiten, Unterstellungsveränderungen und sehr häufigen Standortwechseln bestand. Hinzu kamen permanente Veränderungen an der technischen Konfiguration der Komplexe. Kaum war eine Modifikation abgeschlossen, schon wurde die nächste begonnen.
Das konnte naturgemäß nicht zu einer Konsolidierung der Truppe und ihrer Geschlossenheit beitragen. Die Bataillone haben im Schnitt fünfmal in 10 Jahren den Standort gewechselt, einige sogar noch häufiger.
Zweifellos gab es auch objektive Gründe dafür. So zog das Ausscheiden Frankreichs aus der militärischen Struktur der NATO natürlich auch notwendige Veränderungen im Luftverteidigungssystem nach sich.
Eine weitere gravierende Änderung musste sich nach der Auflösung der NVA im Zuge der Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen werden. Noch während die Luftverteidigung sich darauf einstellte, dass in den Jahren 1991/92 der Luftgegner in Wegfall geraten war, begann der Wandel der Bundeswehr in eine Einsatzarmee.

Im Übrigen ehrt es die Autoren, dass sie der Integration der Fla-Raketentruppen der LSK/LV der Nationalen Volksarmee in die Bundeswehr einen gesonderten Abschnitt gewidmet haben. Sie bezeichnen den Prozess "allgemein als exemplarisch" für das Gelingen der "inneren" Wiedervereinigung. In diesem Zusammenhang zollen sie eine hohe Anerkennung allen Soldaten der alten Bundeswehr, die sich diesem Auftrag zu stellen hatten, aber auch denjenigen aus der NVA, die ihr Herz und ihren Verstand eingesetzt haben, die neuen Verhältnisse mitzugestalten. Letztendlich habe aber nur eine geringe Zahl von ihnen eine neue Heimat in der Bundeswehr gefunden,
"da das Material und die Infrastruktur des alten Systems sich als wenig oder nicht geeignet erwies" 1

Ob es tatsächlich am Material gelegen hat, wird noch zu untersuchen sein, und welches System das alte war, das liegt wohl mehr im Auge des Betrachters.

Zur Illustration der o. g. These von den laufenden Veränderungen als der einzigen Konstanten in der Entwicklung der FlaRak hier ein entsprechender Auszug aus dem Buch. Er soll deutlich machen, dass es bei den FlaRak-Truppen zu keiner Zeit zu einer dauerhaften, stabilen Gruppierung kam. Die Nachsteuerungen in der Struktur der 90er Jahre

" waren die Konsequenz von Entscheidungen, die sich an kurzfristig Erreichbarem eher orientierten als an langfristig Haltbarem, wohl in der Hoffnung, es würden auch mal wieder andere Zeiten kommen." 2

Wie es dann wirklich kam, beschreiben die Autoren so:

Kurz zusammengefasst geschah innerhalb nur einen Jahres folgendes:
 
April 1992Deassignierung der FlaRakg 35 und 37;
1./35 und 2./35 werden FlaRakG 31 als 5. und 6. Staffel unterstellt.
 
1. Juli 1992 Deassignierung des FlaRakG 32
3./36 wird FlaRakG 31 als 3. Staffel unterstellt
1./31, 2./.31 und 3./31 werden FlaRakG 36 als 3., 5. und 6. Staffel unterstellt u. gleichzeitig deassigniert
 
1. Oktober 19923./37 und 4./37 werden FlaRakG 31 als 1.und 2. Staffel unterstellt
3./35 und 4./35 werden FlaRakG 38 als 5. und 6. Staffel unterstellt
1./37 und 2./37 werden FlaRakG 39 als 5. und 6. Staffel unterstellt
FlaRak 31 wird FlaRakKdo 2, FlaRakG 36 wird FlaRakKdo 3 "OL" unterstellt
 
31. Dezember 1992FlaRakG 32, 35 und 37 werden außer Dienst gestellt
 
1. Januar 1993 FlaRakKdo werden in FlaRakG, FlaRakG in FlaRakGrp umbenannt
1./32 und 2./32 werden FlaRakGrp 33 als 6. und 5. Staffel unterstellt und gleichzeitig assigniert
3./32 und 4./32 werden FlaRakGrp 34 als 5. und 6. Staffel unterstellt und gleichzeitig assigniert
Deassignierung der FlaRakGrp 31
Neuassignierung der FlaRakGrp 38 mit 1. bis 4. Staffel.3

Auch wenn man beachtet, dass es sich bei diesen Maßnahmen um die Umsetzung der Luftwaffenstruktur 4 handelt, bleibt bei einem fachkundigen Militär zum Beispiel die Frage offen, warum es in der Zeit des Kalten Krieges keine generelle und langfristige Konzeption für die bodenständige Luftverteidigung der Bundesrepublik gegeben hat. Oder: Falls es sie gegeben hat, warum sie nicht eingehalten wurde?

Von Spreckelsen und Vesper geben selbst eine nachvollziehbare indirekte Antwort auf diese Frage.

"Hauptgrund dafür ist zweifellos die häufige Änderung der politischen Vorstellungen über den Gebrauch von Streitkräften. () Der nunmehr beschlossene Wegfall der HAWK- und ROLAND-Einheiten der Luftwaffe ist leider zweifellos auch ein Verzicht auf die Fähigkeit der Luftwaffe, bodengestützte Luftverteidigung im Gesamtspektrum einer Bedrohung zu betreiben."4

Meines Erachtens liegen die Ursachen tiefer, bzw. gibt es eine Reihe weiterer Gründe. Die Luftverteidigung spielte in der NATO von Anfang an eine sekundäre Rolle. Den US-Strategien folgend (massive retailation, flexible response) setzte man auf starke offensive Luftstreitkräfte und den Einsatz von Kernwaffen. Außerdem befand sich die Bundesrepublik, was Luftverteidigungsmittel anging, in einer stärkeren Abhängigkeit von den USA als bei anderen Waffensystemen. Mehrere Anläufe, eigene FlaRak-Systeme mittlerer Reichweite zu entwickeln, mussten auf Druck der Amerikaner abgebrochen werden. Die jeweiligen Begründungen, u. a. dass die Bundesrepublik ja in die gemeinsame Luftverteidigung der NATO eingebettet sei, bestätigen nur die dominierende Rolle der USA.

Im Übrigen: Von ehemals sechs Flugabwehrraketengeschwadern gibt es nunmehr noch drei. Ob das angesichts des nach der Vereinigung um 108.000 km² vergrößerten Territoriums der Republik für eine bodenständige Luftverteidigung ausreichend ist, darf bezweifelt werden, zumal von der integrierten Luftverteidigung der NATO auf deutschem Boden nicht mehr viel geblieben ist. Deutschland ist heute ein Haus ohne Dach. Die Bundeswehr ist nicht in der Lage, den Luftraum unseres Landes auch nur einigermaßen zu schützen. Auch wenn scheinbar keine aktuelle Bedrohung aus der Luft vorhanden ist, so wäre der gegenwärtige Zustand im Falle der Notwendigkeit kurzfristig nicht zu ändern. Wie schnell sich die Lage jedoch verändern kann, sollten die Ausführungen von Prof. Martin Van Crefeld von der Hebräischen Universität Jerusalem deutlich machen. In einem Interview am 11.September 2009 sagte er sinngemäß: "Die kollektive Vertreibung der Palästinenser ist die einzige sinnvolle Strategie Israels. Daran wird uns niemand hindern. Wir haben einige hundert Kernsprengköpfe und Raketen und könnten sie in alle Richtungen einsetzen, z. B. auf Rom. Die meisten europäischen Hauptstädte sind Ziele unserer Luftwaffe. Wir haben die Fähigkeit, die Welt mit in den Abgrund zu reißen. Und ich versichere Ihnen, bevor wir untergehen, wird das geschehen." Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass dieses Szenario tatsächlich eintritt. Es sollte uns aber deutlich machen, dass sich die Lage jederzeit ändern kann. Wie oft haben sich in der Geschichte Verbündete von heute in Feinde von morgen verwandelt? Deshalb ist jeder gut beraten, der in seiner Außen- und Sicherheitspolitik auch diese Möglichkeit im Auge behält.


1  Blazing Skies, Isensee Verlag Oldenburg, 2004, S. 276.
2  Ebenda, S. 260.
3  Ebenda, S. 305.
4  Ebenda, S. 312.

 
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