Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Der internationale Markt für bodenständige Luftabwehr

Auszugsweise Übersetzung und Kommentierung eines Beitrages zum 5. Jahrestag des Konzerns der Luftverteidigung "ALMAZ-ANTENY" aus der Zeitschrift "Nationale Verteidigung" ,
Autor Said Aminow, bearbeitet von S. Horst

1. Teil : Die Abwehrsysteme mittlerer und großer Reiche für aerodynamische und ballistische Ziele



 
FlaRak-Komplex "Patriot" PAC-3 - Israel.-amerikan. Komplex Arrow-2 - Franz.-italienischer FRK SAMP/T

Die gegenwärtig aktiven Entwickler und Produzenten für bodenständige Luftabwehrmittel sind in den USA Raython und Lockheed Martin für die Systeme Patriot und THAAD, in Russland ALMAS-ANTEY und FAKEL für S-300 "Favorit" und S-400 "Triumpf", in Europa stellt die Entwicklungsgemeinschaft EURO-SAM (Frankreich - Großbritannien - Italien) das bodenständige System SAMP/T und die Rakete ASTER-30 her, und in Israel wird gemeinsam mit den USA (Raython und Boeing) durch Military Industries, Aircraft Industries und Tadiran das System ARROW-2 und -3 entwickelt und getestet. Während sich die Systeme Patriot im Westen und die Systeme Favorit und Triumpf in Russland im breiten Einsatz befinden, sind die anderen bodenständigen Systeme noch in der Erprobung bzw. in der Einführung.

Die Konkurrenten auf den Markt für bodenständige Luftabwehrsysteme

Der Hauptkonkurrent für die russischen Fla-Raketensysteme (FRS) großer Reichweite ist gegenwärtig der amerikanische Fla-Raketenkomplex (FRK) PAC-3 "Patriot" , entwickelt von der Firma Ratheon. Die Geschichte seiner Entwicklung der nachfolgenden Modernisierungen ist praktisch analog zum System S-300P. Der FRK "Patriot" hat eine große Verbreitung in den Streitkräften der NATO und bei den Hauptverbündeten der USA gefunden. Gegenwärtig produzieren die USA den FRK "Patriot" in den Modifikationen PAC-2, PAC-3 und GEM+. (PAC bedeutet Patriot Advenced Capability - Patriot mit weiter entwickelten Eigenschaften.) Der FRK "Patriot" war 1991 während der Gefechtshandlungen zur Befreiung Kuweits gegen den Irak eingesetzt. Im Verlaufe der Operation "Wüstensturm" musste er erstmals operativ taktische Raketen abwehren. Das Ergebnis war nicht überzeugend. Ausgehend von diesen Ergebnissen wurden die neuen Modifikationen PAC-2, PAC-3 (weitere Informationen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/MIM-104_Patriot) und GEM+ und die neue Generation der Raketen ERINT und GEM+ geschaffen. Diese wurden im Krieg 2003 gegen den Irak eingesetzt. Die Informationen zur Effektivität des Einsatzes sind spärlich und widersprüchlich.

Andere Konkurrenten auf dem Markt der Luftabwehrsysteme sind die europäischen Komplex SAMP/T (weitere Informationen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/Samp/t ) und die dazugehörigen Raketen der neuen Generation ASTER - 30.
Der Komplex wird vom europäischen Konsortium UROSAM entwickelt. Er soll für die Streitkräfte Frankreichs und Italiens produziert werden. Die Rakete ASTER-30 realisiert ebenso wie die russische Rakete 9M96 und die amerikanische ERINT die Technologie der direkten Zielvernichtung durch extrem genaue Lenkung der Rakete zum Ziel.

Auf der Grundlage eines Abkommens der israelischen Firma IAI Israel Aero Industries und des amerikanischen Konzerns Lockheed Martin aus dem Jahr 1988 wurde der Antiraketenkomplex Arrow (Pfeil) und seine Weiterentwicklung Arrow - 2 geschaffen. (weitere Informationen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/Arrow-Rakete) Der Komplex ist seit dem Jahr 2000 in den Luftstreitkräften Israel eingesetzt.
Die USA arbeiten seit 1992 an dem mobilen Antiraketenkomplex THAAD (Theater High Altitude Area Defense), der für die Bekämpfung von OTR und ballistischen Raketen in Höhen von 40 - 150 km, auf Entfernungen von 200 - 2.500 km vorgesehen ist. (weitere Informationen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/THAAD) Die Rakete NIOKP wird von Lockheed Martin gebaut und die Mehrzweckfunkmesstation von Raytheon entwickelt. Die Erprobung der Systeme begann 2005. Ab 2009 soll dieser Komplex in Kleinserie produziert werden.
1999 begann in den westlichen Staaten die Entwicklung eines FRS der neuen Generation mit der Bezeichnung MEADS (Medium Extended Air Defense Sytem). (weitere Informationen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/MEADS) Es handelt sich um ein internationales Projekt für die Luft- und Raketenabwehr der NATO. Es wird gemeinsam durchgeführt von den USA (58 %), der BRD (25 %) und Italien (17 %).
Man plant das System MEADS 2014 einzuführen. Dann soll es die Systeme Patriot und Hawk ersetzen. Die mobile Funkmesstation zur Zielortung baut Lockheed Martin, die Station zur Feuerführung wird gemeinsam mit den europäischen Firmen Selex und EADS entwickelt.
Der amerikanische FRK "Patriot" bzw. seine Weiterentwicklung PAC-3 sind in Europa eingesetzt in der BRD, in den Niederlanden, in Spanien und Griechenland. Der Einsatz in Polen und Rumänien wird vorbereitet.

Amerikanische Marktsituation in Asien, dem Nahen Osten und Afrika

Der FRK "Patriot" ist in Südkorea, Taiwan, Japan stationiert und wird seit Jahren auf die moderne Modifikation PAC-3 umgerüstet. Indien hat sich für die Ausrüstung seiner Luftabwehr noch nicht endgültig entschieden. Die nationalen Ambitionen schwanken zwischen dem russischen System "Favorit" und dem amerikanischen PAC-3. Die Türkei erklärte 2006 die Absicht, bodenständige Luftabwehrmittel zu kaufen. Der mögliche Vertrag soll ein Volumen von ca. 800 Millionen Dollar haben. Aufgrund der Mitgliedschaft in der NATO werden natürlich amerikanische Angebote favorisiert.

Die Länder am persischen Golf sind beim Kauf von Bewaffnung traditionell auf die USA orientiert. So hat Saudi Arabien einen Milliarden Kontrakt zum Kauf von Luftabwehrmitteln mit den USA geschlossen.

Von den afrikanischen Ländern hat Ägypten über Jahrzehnte sowjetische/russische Technik für die bodenständige Flugabwehr eingesetzt. Gegenwärtig orientieren sich die ägyptischen Militärs verstärkt an westlichen Waffensystemen. Die weiteren großen nordafrikanischen Länder Libyen und Algerien sind mit russischen Waffenlieferanten verbunden. Im Libyen General Gaddafis werden vor allem russische Waffen zur Luftverteidigung eingesetzt. Es hatte in den 80er Jahren die stärkste bodenständige Luftverteidigung außerhalb des Warschauer Vertrages

Andere Teile der Welt sind nach den vorliegenden Informationen weniger an bodenständigen Flugabwehrsystem interessiert

Die Sowjetische Seite hatte vor dem weitreichenden Fla-Raketensystem S-300 bereits das bis 250 km reichende System S-200 im weltweiten Einsatz.
1990 waren davon 343 Fla-Raketenabteilungen in den Ländern der Sowjetunion und 52 FRA in anderen Ländern von Vietnam bis Libyen eingesetzt. (weitere Informationen unter : http://www.lv-wv.de/frt/technik/frk_s200.html) und http://rammstein.dfmk.hu/~s200/#) zu diesem Zeitpunkt verfügten die USA und die NATO über kein ähnliches System und schon gar nicht in der Verbreitung.

 
Die Mehrzweckfunkmesstation S-300 PMU2 - Transport- und Startcontainer S-300 PMU2 - Start einer Rakete S-300 PMU2

Die russische Situation auf den weltweiten Märkten für bodenständige Flugabwehrmittel großer Reichweite

Anforderungen an bodenständige Luftverteidigungsmittel haben sich seit den 80er Jahren deutlich verändert. Die Fla-Raketenkomplexe sollen gleichzeitig mehrere aerodynamische und ballistische Ziele kleinster Reflexionsfläche mit hoher Geschwindigkeit in allen Höhen mit großer Vernichtungswahrscheinlichkeit bekämpfen können. Die weitreichende Lösung S-200 wurde nicht weiterentwickelt, weil ihre Technik überlebt und der Aufwand ihres Einsatzes zu groß war. Es entstanden die Systeme Patriot auf der amerikanischen Seite und die Familie der Fla-Raketensysteme S-300 auf der sowjetischen, später russischen Seite.

DAS Schema der S-300-Familie zeigt deutlich, dass von Anbeginn der Entwicklung im Jahr 1969 sehr koordiniert zwischen den beauftragten Instituten für die Luftverteidigung, Landstreitkräfte und die Seestreitkräfte gearbeitet wurde.

Die Linie V bedient die Landstreitkräfte, die Linie P die Luftverteidigung und die Linie F die Kriegsflotte

In Europa hat sich die Situation für Russland durch die Auflösung des Warschauer Vertrages und den Zerfall der Sowjetunion deutlich verändert. Mit dem Wegfall von Bulgarien, CSR, DDR, Estland, Lettland, Litauen, Moldawien, Mongolai, Rumänien, Ukraine und Ungarn als potentielle Kunden für Luftabwehrsysteme musste sich die gesamte LV-Industrie Russlands neu aufstellen. Es kam darauf an, von der Massenproduktion der Vergangenheit auf Qualitätsprodukte, die den genannten Anforderungen genügten, umzustellen. Wie die Ergebnisse zeigen, ist das offensichtlich gelungen.
Traditionell unterschied man in der UdSSR die weitreichenden Fla-Raketensysteme nach den Teilstreitkräften Landstreikräfte, Luftverteidigung und Kriegsflotte. Dem entsprechend entstanden verschiedene Schulen der Entwicklung. Almaz-Antey für die Luftverteidigung, das Wissenschaftliche Forschungsinstitut für Elektromechanik für die Landstreitkräfte und das Institut "Altair" für Komponenten zur Ausrüstung der Kriegsschiffe. Die Raketen für die Luftverteidigungssysteme wurden durch das Konstruktionsbüro MKB "Fakel" entwickelt.
Gegenwärtig wird das bodenständige Fla-Raketensystem der neuen Generation entwickelt. Hier vereinen sich die Potenziale von Almaz-Antey und des Wissenschaftlichen Institutes für Elektromechanik. Das Fla-Raketensystem S-400 "Triumpf" mit den Raketen des Typs 48N6DM wird seit 2007 im Raum Moskau in Stellung gebracht.
Bis 2015 ist für die Luftverteidigung der Russischen Förderation der Einsatz von 23 Abteilungen mit derartigen Systemen geplant.

Die russische Marktsituation auf den Märkten in Asien, dem Nahen Osten und in Afrika

In Asien ist Russland traditionell mit China verbunden. Trotz politischer Differenzen wurde die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Militärtechnik immer fortgesetzt. Schließlich wurde bereits im Jahr 1959 mit sowjetischer Raketentechnik eine RB-57D Taiwans durch chinesische Fla-Raketenkräfte nahe Peking abgeschossen.
1994 wurde der erste Vertrag zur Ausrüstung von 8 Abteilungen mit dem FRS S-300 PMU und S-300 PMU1 abgeschlossen und 2001 der Folgevertrag über 4 Abteilungen S-300 PMU1 unterzeichnet. Beide Kontrakte wurden vollständig erfüllt. Ende August 2004 wurde das nächste Abkommen über die Lieferung von 8 Abteilungen des Typs S-300 PMU2 " Favorit" paraphiert. Damit wird China in der nahen Zukunft über 27 Abteilungen S-300 P verfügen.
Offensichtlich ist, dass diese Anzahl moderner, weitreichender FRS nicht ausreicht, um alle wichtigen Zentren des Landes ausreichend gegen Angriffe aus der Luft zu schützen. Deshalb beabsichtigt Peking den Kauf weiterer S-300 P Systeme, denkt aber auch über eine eigene Produktion nach.

Vietnam ist das zweite asiatische Land, das das FRS S-300 P Kaufte. Im August 2003 wurde ein Vertrag über zwei Abteilungen S-300 PMU1 unterschrieben. Der Vertrag wurde 2005 erfüllt. Es ist zu erwarten, dass Vietnam weitere russische FRS erwerben wird.
Über die Ausstattung von Nord-Korea liegen keine Angaben vor.

Indien könnte bedeutender Kunde für das System S-300P werden. in den 90er Jahren waren die indischen Militärs an den russischen Fla-Raketensysteme S-300 P und S-300 V interessiert, aber es kam zu keinem Ergebnis. Danach interessierte sich Dehli für das israelisch-amerikanische System Arrow-2. Doch auch hier ist noch keine Entscheidung gefallen.

Naher Osten

Die Türkei erklärte 2006 die Absicht, Flugabwehrmittel zu kaufen. Die Mittel dafür werden auf 800 Millionen Dollar eingeschätzt. Aufgrund der Mitgliedschaft der Türkei in der NATO werden westliche Angebote favorisiert. Türkische Spezialisten bewerten aber auch russische Flugabwehrsysteme, um auf dem neuesten Stand der Technik alle Möglichkeiten zu bewerten.

Im Verlaufe der letzten zehn Jahre wendete Russland bedeutende Mittel für das Vordringen der FRS S-300 P in den Nahen Osten und Nordafrika auf.
Das System wird von acht Ländern der Region verwendet. Vor dem Einmarsch der USA 2003 in den Irak war die Ausrüstung Jordaniens und Syriens mit FRS S-300 vorgesehen. Die Lieferungen wurden in Abstimmung mit den USA und Israel nicht ausgeführt.

Die Lieferung des FRS S-300 an den Iran wurde ebenfalls ausgesetzt. Zur Zeit befinden sich im Iran zwei weitreichende Systeme des Typs S-200 Ä.

Afrika

Die Zusammenarbeit mit Algerien hat gute Perspektiven. Im Frühjahr 2006 unterzeichnete Russland mit Algerien einen Vertag über die Lieferung von Technik zur Luftabwehr in Volumen von ca. 7,5 Milliarden Dollar. Algerien erhält nach diesem Vertrag 8 Abteilungen des Typs S-300 PMU2 "Favorit". Dieser Kauf Algiers fördert das Ansehen Russland und die Chancen für erfolgreiche Verhandlungen mit Libyen, Syrien und weitere Länder des arbischen Raumes.

Die russischen Verkäufe in Europa sind gegenwärtig beschränkt auf den Vertrag, der 1997 mit Zypern geschlossen wurde. Auf dieser Grundlage wurden 2 FRS S-300 PMU1 nach Zypern geliefert. Das führte zu Problemen mit der türkischen Regierung, die den Transport durch die Meerenge aus dem Schwarzen Meer verhindern wollte. Durch politische Verhandlungen wurde erreicht, dass die FRS auf Zypern in die Luftverteidigung Griechenlands und damit der NATO einbezogen wurden.

Kasachstan erhielt im Jahr 2000 einige Abteilungen des FRS S-300 PMU als Kompensation für das Militärvermögen nach dem Zerfall der UdSSR.
Im April 2006 begann die Lieferung von vier Abteilungen S-300 PS aus dem Bestand der russischen Streitkräfte an Weißrussland. Weitere Lieferungen werden von der Perspektive der Entwicklung der Luftvereidigung in der Region zwischen Weißrussland, Kaliningrad und Russland abhängen.

Die im Beitrag dargestellten Fakten erfassen nicht den Zeitraum 2008 -2010. Die Ausführungen für den Zeitraum 1990 bis 2007 zeigen, dass auf der Seite der NATO und Russlands erhebliche Anstrengungen zu Weiterentwicklung der bodenständigen Luftabwehrmittel unternommen wurden besonders bei der Erweiterung der Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen. Die nächsten Jahren werden auf beiden Seiten weitere Fortschritte im Bereich der bodenständigen Abwehrmittel großer Reichweite bringen. Es ist schwer zu beurteilen, wer gegenwärtig die besseren Systeme im Einsatz hat. Beiträge, die dabei helfen können finden Sie hier :

http://www.lv-wv.de/beitraege_lv/aktuelles/vergleich.html

http://www.lv-wv.de/beitraege_lv/aktuelles/100501_s400.html

http://www.lv-wv.de/beitraege_lv/aktuelles/o_siegfried_drohnen.html

Die folgende Übersicht zeigt einen Vergleich der wichtigsten taktisch-technischen Daten

Die aufgeführten taktisch-technischen Daten sind in der Regel Angaben der Hersteller und kaum überprüfbar. Es sei denn, man verfährt wie das chinesische Verteidigungsministerium bei der Übergabe von vier Fla-Raketensystemen S-300 PMU2 im Jahr 2008. Die Chinesen ließen sich vier FRS "Favorit" vorführen und prüften sie anschließend mit eigenen Gefechtsbesatzungen. Das Ergebnis war in beiden Fällen sehr gut. Siehe auch unter Beiträge "Favorit" - ein himmlisches Schießen. Dieser Beitrag enthält den Gesamtablauf und die detaillierten Ergebnisse dieser Überprüfung der Gefechtseigenschaften des FRS. Nur eine starke und selbstbewusste Nation wie China kann sich eine solche aufwendige Produktprüfung leisten.

  Tabelle 1

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