Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Weiteres Treffen von Offizieren der Fla-Raketentruppen

Nach der ersten Begegnung von Offizieren der FlaRak-Truppe der Luftwaffe mit ehemaligen Offizieren der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung der DDR im Frühjahr kam es am 19. und 20. Oktober 2011 zu einem weiteren Treffen. Diesmal trafen wir uns in Sanitz, wo bis 1990 der Stab der 43. FRBr der NVA gelegen hat und heute die FlaRakGrp 21 der Bundeswehr zu Hause ist.

Der Wunsch nach einem Wiedersehen war im April in Appen von allen Teilnehmern geäußert worden. Es war erneut Oberstleutnant Herpich, der in bewährter Art und Weise -diesmal sogar mit einem entsprechenden Befehl des Kommandeurs der Unteroffiziersschule der Luftwaffe - die Vorbereitung und den Ablauf organisiert hat.
Außer Oberst a.D. Horst, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein konnte, waren alle Teilnehmer des ersten Treffens wieder dabei. Hinzu kamen von Seiten der Bundeswehr Oberstleutnant Apel und Oberstleutnant i.G. Bernhart. Von der ehemaligen NVA waren neu dabei Oberst a.D. Spakowski sowie die Majore a.D. Gebbert, Wetzel und Juffa. Schon während des Mittagsessens im Kasino, das wir gleich nach dem Eintreffen am Standort gemeinsam eingenommen haben, kam es zu ersten angeregten Gesprächen. Es war fast so, als ob man sich schon lange kennen würde. In dem anschließenden Briefing eines Stellvertreters des Kommandeurs der FlaRakGrp 21 wurden wir über den aktuellen Sachstand auf dem Gebiet der Waffengattung und ihrer möglichen weiteren Entwicklung informiert.

In seinem Vortrag über die "Sicht auf die Dinge am Ende der 80er Jahre" ging Oberst a.D. Biedermann vom Wesen des Kalten Krieges aus. In dieser bisher intensivsten und längsten Periode der Militarisierung und der Konfrontation unter der Schwelle eines offenen Konflikts haben die Fla-Raketentruppen beider Seiten eine besondere Rolle gespielt. Um die ständige Bereitschaft zur Abwehr von Luftangriffen zu gewährleisten, wurde ihren Angehörigen im Osten wie im Westen viel abverlangt. Wie es den NVA-Soldaten in der Zeit der politischen Wende und danach erging, war besonders für die Kameraden der Bundeswehr interessant.

Wenige Tage vor der Verkündung der Auswirkungen der Reform auf die Standorte herrschte bei den Berufssoldaten verständlicherweise eine gespannte Erwartung.
In einem sehr anschaulichen und lebendigen Vortrag schilderte Major a.D. Gebbert wie die erste und einzige Einheit der NVA, die den neuen Komplex S-300 erhielt, gebildet wurde, wie sie sich auf das Gefechtsschießen vorbereitete und wie sie es absolviert hat.

Es kam zu einer lebhaften Diskussion über die taktisch-technischen Eigenschaften des S-300 im Vergleich zum System PATRIOT. Erstaunlich war, dass Jürgen Gebbert die zahlreichen Fragen so beantworten konnte, als ob er noch gestern am S-300 gearbeitet hätte.
Nach dem Abendessen saß man dann in einer sehr gelösten Atmosphäre zusammen. Es gab kaum ein Thema, das für Soldaten relevant ist, zu dem nicht diskutiert wurde. In wechselnden Gruppen redeten wir offen und unvoreingenommen miteinander. Ein sehr gefragter Gesprächspartner war der ehemalige Kommandeur der FRBr 43, Oberst a.D. Gerhard Spakowski.

Als wir nach Mitternacht auseinander gingen, war manches Glas geleert und manche neue Erkenntnis gewonnen.
Wie es sich für Soldaten gehört, fanden wir uns am nächsten Morgen pünktlich wieder an der Wache in Sanitz ein, um nach Prangendorf zu fahren.

Dort erlebten wir eine Präsentation des Flugabwehrraketensystems PATRIOT (2./21) und konnten die kleine Ausstellung zur Geschichte der Waffengattung und des Standorts besichtigen. Für diejenigen von uns, die nach über 20 Jahren wieder in der Stellung waren, in der sie damals ihren Dienst versehen haben, war es ein Erlebnis der besonderen Art.
So konnte Peter Kraus, der schon in der FRAG 431 gedient hatte, bei dieser Gelegenheit noch einmal den Bunker betreten, in dem früher "seine Raketen" gelegen haben.

Unverkennbar war, dass sich nach 1990 im Objekt viel verändert hat. Zahlreiche neue Bauten und eine großzügige Gestaltung des Wegesystems fielen besonders auf. Zu unserem Bedauern durften wir das Innere des PATRIOT nicht sehen. Gründe dafür waren nicht zu erfahren, aber als ehemalige Soldaten haben wir das Verbot akzeptiert. Während des abschließenden Meetings herrschte Einigkeit darüber, dass dies nicht unser letztes Treffen gewesen ist. Auf ein Neues also, Kameraden.

Bernd Biedermann

 
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