Die Luftverteidigung der DDR bis 1990


Zur Operation Eldorado Canyon 1986
im Hinblick auf die NATO-Luftangriffe 2011


Der Verlauf der Luftangriffe der "Koalition der Willigen" 2011 gegen Libyen warf naturgemäß viele
Fragen auf, die aus der Sicht der Luftverteidigung von großem Interesse sind. Einerseits war kaum
nachvollziehbar, warum die enorme Anzahl der Angriffe lange nicht zu dem angestrebten Ziel
geführt hat. Andererseits war unverständlich, dass die libysche Luftabwehr nicht effektiver
handelte.
In diesem Zusammenhang sind m.E. nähere Ausführungen zur Operation Eldorado Canyon
durchaus aufschlussreich.

Libyen hatte im Laufe der Jahre eine große Anzahl moderner bodenständiger
Luftverteidigungsmittel von der Sowjetunion gekauft. Die Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung
des Landes verfügten 1986 über
   -    4 Fla-Raketenabteilungen "Wega" mit 24 Startrampen
   -    86 Fla-Raketenabteilungen "Wolchow" und "Newa" mit 276 Startrampen.

Darüber hinaus befanden sich in der Truppenluftabwehr der libyschen Landstreitkräfte eine große
Anzahl sowjetischer Fla-Raketenkomplexe "Kub" und "OSA- AK" sowie des französischen
Raketensystems "Crotale II".

Zur Deckung der Hauptstadt Tripolis waren entfaltet:
7 Fla-Raketenabteilungen "Wolchow"   = 42 Startrampen
12 Fla-Raketenabteilungen "Newa"      = 48 Startrampen
3 Fla-Raketenabteilungen "Kub"           = 48 Startrampen
1 Fla-Raketenregiment "OSA-AK"       = 16 Startrampen
2 Fla-Raketenabteilungen                     = 12 Startrampen

Diese Anzahl von 166 Startrampen in 25 Feuereinheiten war mehr als ausreichend, um die
Hauptstadt sicher gegen Luftangriffe zu schützen, zumal die Abteilungen mit dem System "Wega"
eine zusätzliche Deckungskomponente darstellten.

Zu den Aggressionshandlungen Ende März 1986
Bereits Ende März hatten amerikanische Flugzeuge von den Flugzeugträgern im Mittelmeer aus das
Luftverteidigungssystem Libyens getestet.
Am 24.03.1986, gegen 12:00 Uhr, war eine erste Gruppe von drei Flugzeugen von See her in
libysches Hoheitsgebiet eingeflogen. Ghaddafi gab daraufhin den Befehl zum Einsatz des Fla-
Raketensystems "Wega". Mit zwei Raketen wurde ein Ziel in einer Entfernung von 105 km
bekämpft und verschwand vom Bildschirm. Die sofort danach in größerer Zahl eingesetzten
amerikanischen Rettungshubschrauber waren ein hinreichender Beweis, dass das Ziel vernichtet
wurde. Gegen 18:00 Uhr wurde der Anflug einer zweiten Gruppe von zwei Flugzeugen festgestellt. Mit
einer Rakete wurde ein Ziel in einer Entfernung von 75 km vernichtet. Die libysche Seite gab
danach bekannt, dass sie insgesamt fünf Flugzeuge abgeschossen habe. Nach genauer Analyse und
objektiver Kontrolle haben sowjetische Spezialisten jedoch festgestellt, dass nur drei Flugzeuge
abgeschossen wurden. Präsident Reagan behauptete, es habe auf USA-Seite keine Verluste gegeben.

Zur Aggression am 15.04.1986
Bereits am 13.04.1986 hatte die Sowjetunion auf Grund der Konzentrierung der
Flugzeugträgergruppierung im Mittelmeer sowie anderer Aufklärungsangaben darüber informiert,
dass ein möglicher Luftüberfall auf Libyen unmittelbar bevorsteht. Der libyschen Seite wurde
empfohlen, für die Streitkräfte des Landes die "Erhöhte Gefechtsbereitschaft" auszulösen und bei
den Kräften und Mitteln der Luftverteidigung des Landes die "Volle Gefechtsbereitschaft"
herzustellen. Ghaddafi und die libysche Armeeführung nahmen diese Warnung nicht ernst und
haben nicht darauf reagiert.
Am 15.04.1986, um 03:35 Uhr, erfolgte der 1. Luftangriff mit den in England gestarteten
Jagdbombenflugzeugen vom Typ F-111. Der Luftangriff auf Tripolis wurde nicht von See her, also
nicht vom Mittelmeer aus geführt, sondern von Süden über die Wüste in einer Höhe von ca. 50 m.
Gleichzeitig wurde von den im Mittelmeer kreuzenden Flugzeugträgern eine große Anzahl
unbemannter Flugzeuge (Drohnen) gestartet, die die Funkmessaufklärung der libyschen Seite in
eine äußerst schwierige Lage brachten. Nach dem Einsatz der Drohnen starteten von den
Flugzeugträgern Jagdbomber, die unter Anwendung starker Funkmessstörungen in einer Höhe von
50 bis 70 m über dem Meer anflogen. Die ersten Schläge wurden ausschließlich nur auf
das Luftverteidigungssystem geführt, insbesondere auf Funkmessstationen sowie die
Raketenleitstationen des Fla-Raketensystems "Wega".
Um 4:00 Uhr begann der 2. Luftangriff, der gegen Tripolis und Bengasi gerichtet war. Zu dieser
Zeit war das Luftverteidigungssystem bereits handlungsbereit, erzielte jedoch nur eine sehr geringe
Wirksamkeit.
Um 16:00 Uhr folgte dann der 3. Luftangriff und am nächsten Tag ein weiterer. Bei den zwei letzten
Angriffen sollen nach libyschen Angaben insgesamt 20 Flugzeuge abgeschossen worden sein. Die
sowjetischen Spezialisten haben jedoch festgestellt, dass insgesamt nur 10 Flugzeuge vernichtet
wurden. Einige davon zerschellten auf dem Festland, der größte Teil der Flugzeuge stürzte jedoch
über dem Mittelmeer ab.
Das Fla-Raketensystems "Wega" konnte bei diesen Luftangriffen nur bedingt eingesetzt werden, da
die Anflüge in extrem geringen Höhen (50 m) erfolgten. Die libyschen Jagdfliegerkräfte, die über
300 Jagdflugzeuge, darunter allein 80 Flugzeuge vom Typ MiG-25, verfügten, wurden auf Befehl
Ghaddafis nicht eingesetzt, er hatte den Start verboten.
Die Einstellung zur sowjetischen Technik wird u.a. dadurch charakterisiert, dass z. B. alle
französischen Flugzeuge vom Typ "Mirage" ständig mit Planen sorgfältig abgedeckt waren und
gewartet wurden. Demgegenüber waren die modernen sowjetischen Flugzeuge vom Typ MiG-25
ständig den Witterungsbedingungen ausgesetzt, was sich auf ihre Einsatzbereitschaft unter den
konkreten meteorologischen Bedingungen nachteilig auswirkte.
In beachtlichem Umfang wurden von den amerikanischen Fliegerkräften Antifunkmessraketen vom
Typ "HARM" eingesetzt, die bei einer Entfernung von 130 km von Flugzeugen aus gestartet
wurden. Ihre Wirkung war jedoch gering. Von 30 eingesetzten Raketen haben nur 15 ihre Ziele
erreicht, wobei die Vernichtungswirkung eingeschränkt war. Erstmalig wurden lasergelenkte
Bomben des Typs "Paveway" 60 km vor Erreichung des Zieles eingesetzt. Darüber hinaus wurden
Raketen des Typs "Bullpup" mit Laserzieleinrichtungen angewandt, von denen 30 bis 40 Prozent
nicht detonierten.
Im Ergebnis des Einsatzes der genannten Mittel sind auf libyscher Seite insgesamt fünf Fla-
Raketenabteilungen der Luftverteidigung des Landes ausgefallen:
2 Fla-Raketenabteilungen "Wolchow"
1 Fla-Raketenabteilung "Newa"
1 Fla-Raketenabteilung "Kub" sowie
1 Fla-Raketenabteilung des französischen Raketensystems "Crotale II".
In einer als GVS eingestuften Information (NVA: A 456721) nennt der Hauptmarschall der Flieger
Koldunow Ursachen für die geringe Wirksamkeit des libyschen Luftverteidigungssystems:
1. Mangelhafte Führung der Kräfte und Mittel der Luftverteidigung und keine klare
Aufgabestellung sowie ein schwaches Zusammenwirken.
2. Ungenügender politisch-moralischer Zustand der Besatzungen/Bedienungen der Funkmess-
und Raketenleitstationen sowie der Fla-Raketenkomplexe. Feigheit eines Teiles der
Besatzungen, die bei den Luftangriffen panikartig die Stellungen verließen.
3. Ungenügender Ausbildungsstand der Luftverteidigungskräfte und dadurch mangelhafte
Beherrschung der sowjetischen Technik.
4. Unzureichende Organisation der Funkmessaufklärung über dem Mittelmeer. Die minimale
Auffassungshöhe der Funkmessmittel betrug 250 bis 300 m. Dadurch wurden die extrem tief
fliegenden amerikanischen Flugzeuge nicht erfasst. (Vorherige Vorschläge der sowjetischen
Spezialisten, das Funkmessfeld so zu organisieren, dass Ziele bereits ab 50 m Höhe
aufgefasst werden konnten, wurden auf Grund der Überheblichkeit der libyschen Militärs
nicht realisiert.)
5. Fehlender Einsatz der Jagdfliegerkräfte Libyens zur Bekämpfung und Vernichtung der
eingedrungenen Luftangriffsmittel.

Man darf sicher davon ausgehen, dass nach der Operation Eldorado Canyon in der Luftverteidigung
Libyens Veränderungen im Sinne einer besseren Organisation und Ausrüstung vorgenommen
wurden. Warum sie dennoch nicht in der Lage war, den Angriffen der NATO wirksamer zu
begegnen, wäre ein interessanter Forschungsansatz.

Recherchiert und bearbeitet von Bernd Biedermann

 
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