Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Kurze Geschichte der Entwicklung und Produktion
sowjetischer Fla-Raketentechnik


Dr. Wolfgang Kerner

Im Frühjahr 1945 standen die Streitkräfte der Antihitlerkoalition auf deutschem Boden und bereiteten sich auf die endgültige Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes vor. In den Streitkräften der Koalition gab es spezielle Einheiten, die auf der Jagd nach wissenschaftlichen Forschungsergebnissen sowie den neusten Technologien der deutschen Forschungsinstitute und der Rüstungsproduktion waren. Auf der Suchliste der sowjetischen Spezialeinheiten standen an erster Stelle die deutsche Atomforschung und Raketentechnik. Damit begann quasi auch die Geschichte der sowjetischen Fla-Raketenentwicklung.
Die Erfahrungen des zweiten Weltkrieges und der sich entwickelnde "Kalte Krieg" zwangen die Sowjetunion, über eine effektivere Luftverteidigung des eigenen Landes zu entscheiden. Deshalb standen die deutschen Fla-Raketen und deren Lenksysteme im Zentrum der Untersuchungen. Sie waren damals der höchste Stand der Technik und stellten deshalb eine wichtige Grundlage für die Entwicklung eigener Waffensysteme dar.
In einer ersten Etappe analysierte man die erbeuteten Raketen und Lenksysteme und setzte deren experimentelle Erprobung mit Hilfe deutscher Spezialisten fort. Allerdings waren die sowjetischen Wissenschaftler und Techniker bestrebt, sich so schnell wie möglich von der Hilfe der deutschen Spezialisten zu lösen. Die Erarbeitung notwendiger theoretischer Grundlagen, besonders auf mathematischem Gebiet, und ihre Umsetzung in die Praxis sollten ausschließlich von sowjetischen Wissenschaftlern und Technikern realisiert werden. Anfang der 1950er Jahre kehrten die deutschen Spezialisten in ihre Heimat zurück, nach dem sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die sowjetischen Kollegen weitergegeben hatten. Sowjetische Wissenschaftler und Techniker in der Uniform der Roten Armee hatten noch während der Kampfhandlungen mit der Suche nach den begehrten Trophäen begonnen. Aufgefundene Dokumente und Geräte verließen auf schnellstem Wege die Sowjetische Besatzungszone in Richtung Osten. Das Durchkämmen des gesamten Territoriums zog sich bis in das Jahr 1946 hin, während in der Sowjetunion bereits die entsprechenden Institutionen zur Aufarbeitung des Beutegutes aufgebaut wurden.

Noch im November 1945 entstand im Betrieb Nr. 88 (Stadt Kaliningrad, Moskauer Gebiet) ein spezielles Konstruktionsbüro (SKB), das die Aufgabe erhielt, sich mit den erbeuteten deutschen Waffen zu beschäftigen. Am 13. Mai 1946 erhielt der Betrieb Nr. 88 und das spezielle Konstruktionsbüro auf Beschluss des Ministerrates der UdSSR die Aufgabe, zusammen das Wissenschaftliche Forschungsinstitut 88 (WFI-88) zu bilden. Weiterhin entstand in Kapustin Jar ein entsprechendes Versuchsgelände.

Das WFI-88 hatte folgende Aufgaben zu realisieren:

  • Vollständige Wiederherstellung der technischen Dokumentation und der Rakete V2 (diese Aufgabe wurde schon in Deutschland begonnen), sowie der Fla-Raketen Wasserfall und Schmetterling;
  • Wiederaufbau der Laboreinrichtungen mit der gesamten Ausrüstung für Analysen und Versuche mit den Raketen V2, Wasserfall, Rheintochter, Schmetterling u.a.;
  • Ausbildung sowjetischer Wissenschaftler und Techniker, die die Konstruktion der V2, der gelenkten Fla-Raketen und anderer Raketen, sowie die Technologie der Herstellung der Einzelteile und deren Zusammenbau beherrschen.
Natürlich konnte das Forschungsinstitut diese Aufgabe nicht allein lösen, deshalb wurde die Realisierung auf viele Universitäten, Hochschulen, Institute und Konstruktionsbüros verteilt.
Im WFI-88 teilte man die Arbeiten auf nachstehende Konstruktionsabteilungen auf:
  • Abteilung Nr.   3 - Ballistische Raketen
  • Abteilung Nr.   4 - Fla-Raketen großer Reichweite auf der Basis von
                               Wasserfall (sowjetische Bezeichnung R-101)
  • Abteilung Nr.   5 - Fla-Raketen mittlerer Reichweite auf der Grundlage
                               Schmetterling (R-105)
  • Abteilung Nr.   6 - ungelenkte Fla-Raketen Rheintochter (R-103)
                               und Taifun (R-110)
  • Abteilung Nr. 10 - Sprengköpfe und Zünder
  • Abteilung Nr. 11 - Startrampen
  • Abteilung Nr.   8 - Triebwerke
In den weiteren Betrachtungen wird nicht weiter auf das Netzwerk von Forschungsinstituten, Konstruktionsbüros und Forschungsbetrieben eingegangen, weil sich das ganze Geflecht der beteiligten Einrichtungen entsprechend den Aufgaben und Forderungen der Regierung ständig änderte.
Die Arbeiten im Zeitraum zwischen 1946 und 1950 brachten hinsichtlich der Rakete R-1 (V2) positive Ergebnisse, während die Entwicklung an den deutschen Fla-Raketen keine befriedigenden Resultate ergab, denn viele Starts waren nicht erfolgreich. Bei der Entwicklung der Fla-Raketen und der Lenksysteme bezog man sich anfangs noch auf die taktisch-technischen Kenngrößen der Bombenflugzeuge des 2. WK, wie z. B die "Fliegenden Festungen". In den 1950er Jahren ging es jedoch mehr und mehr um schnellfliegende Luftziele mit guten Manövereigenschaften. Die Anforderungen an ein Fla-Raketensystem (FRS) änderten sich dadurch gravierend. Das begann mit der Notwendigkeit der ständigen Informationsgewinnung für Ziel und Rakete in einem einheitlichen Koordinatensystem bis hin zur Berechnung und Übertragung der Lenkkommandos. Bei der Entwicklung eines Fla-Raketensystems standen die Schaffung eines komplizierten Ortungssystems, sowie die Geräte zur deren Bearbeitung im Mittelpunkt der Anstrengungen. Eine Reihe von wichtigen Grundlagen, wie z.B. die Funkmessortung, die analoge Rechentechnik, die Theorie der Regelkreise und noch viele andere Probleme, mussten durch die Forschung bearbeitet werden. Anfang der 1950er Jahre erfolgte die Einstellung der Forschung an den "deutschen Fla-Raketenkomplexen". Alle Ergebnisse flossen natürlich in die weiteren Arbeiten ein.
1947 untersuchte eine Kommission unter der Führung von Marschall L. A. Goworow die Probleme der Luftverteidigung für die Nachkriegsbedingungen. Die Schlussfolgerungen der Kommission führten zur Bildung der Teilstreitkraft Truppen der Luftverteidigung des Landes.
An erster Stelle stand für diese Teilstreitkraft die Aufgabe, die Hauptstadt Moskau gegen Angriffe aus der Luft mit höchst möglicher Zuverlässigkeit zu schützen. Sie war den entsprechenden Institutionen durch Stalin persönlich gestellt worden. In Zusammenhang mit dieser Aufgabe stand der Beschluss der Regierung der UdSSR vom 9. August 1959 Nr. 3389-1426 über den Aufbau eines Luftverteidigungssystems von Moskau, das die Entwicklung eines Fla-Raketenkomplexes (Fla-Raketensystems) zwingend voraussetzte.

FRK (Fla-Raketenkomplex) - eine minimale Geräteausstattung, die für die Bekämpfung des Zieles mit Fla-Raketen notwendig ist.

FRS (Fla-Raketensystem) - Gruppierung der FRK mit Mitteln zu ihrer Führung (Funkmeßstationen, Gefechtsstände) sowie Sicherstellungsmittel (Fla-Raketenlager, Mittel der Zuführung und Beladung der Startrampen mit Fla-Raketen).

Das Konstruktionsbüro-1 (KB-1) übernahm die Führung bei den Arbeiten an der Entwicklung des FRS "Berkut" (als S-25 bekannt).
In diese Arbeiten wurde eine große Anzahl an Konstruktionsbüros und Betrieben für den Musterbau sowie die Serienproduktion eingebunden. Für die übergeordnete Koordinierung entstand die Dritte Hauptverwaltung beim Ministerrat als höchstes Entscheidungsorgan zur Lösung der gestellten Aufgabe. Die Dritte Hauptverwaltung wurde zwar 1953 aufgelöst, jedoch blieb eine solche Organisation, wenn auch jeweils unter anderen Bezeichnungen, erhalten.
Zur Realisierung des Regierungsauftrages mussten eine Reihe wichtiger Fragen untersucht werden:

  • welche taktisch-technischen Angaben der Luftangriffsmittel dienen als Grundlage für die Analyse?
  • Welches Grundprinzip der Arbeitsweise soll für den Bau des FRK als Basis dienen?
Die Beantwortung der Frage nach dem FRK war Voraussetzung für den Aufbau der Gefechtsordnung, der Informations- und Führungsproblematik sowie der Sicherstellung.



System-25 Berkut

Zur Luftverteidigung Moskaus sollten zwei Ringe in einer Entfernung von 85 bis 90 km und 40 bis 50 km um die Stadt geschaffen werden, wobei in einem 10-15 km breiten Streifen jeweils bis zu 20 Ziele gleichzeitig zu bekämpfen waren. Dabei dienten die Luftangriffsmittel der 1950er Jahre und deren zu erwartende Entwicklung als Grundlage für die weiteren Untersuchungen. Entsprechend diesen Vorgaben stand vor den Konstrukteuren die Aufgabe, einen geeigneten Fla-Raketenkomplex herzustellen, der die gestellte Aufgabe mit möglichst geringem gerätetechnischem Aufwand gewährleistet. Zu diesem Zeitpunkt stand das Grundprinzip der Arbeitsweise für den FRK noch nicht fest.
Die Konstrukteure orientierten sich zunächst an den Erfahrungen der Geschützrichtstationen der Flak, die die Zielkoordinaten mit Hilfe eines stark gebündelten Richtdiagramms bestimmten. In diesem Falle benötigte der FRK je eine Funkmessstation (FuMSt) für die Begleitung von Ziel und Rakete, sowie die notwendigen Geräte für die Koordinatenbestimmung, die Berechnung der Lenkkommandos und deren Übertragung zur Rakete. Dieses Prinzip wurde in dem stationären FRK der USA "Nike Ajax" verwendet, der ab 1953 in die Bewaffnung eingeführt wurde.
Hätte man dieses Prinzip als Grundlage der Luftverteidigung Moskaus genommen, so wären dafür ca. 1.000 FRK erforderlich gewesen. Damit war klar, dass ein anderes Prinzip gefunden werden musste.

Einer der Konstrukteure hatte vor seiner Versetzung zum KB-1 an der Entwicklung einer FuMSt zur Ortung von Erdzielen gearbeitet. Für diese FuMSt verwendete man ein fächerförmiges, schwenkbares Richtdiagramm zur Abtastung des Raumes im Seitenwickel. Diese Idee diente schließlich als Grundlage für ein neues Prinzip der gleichzeitigen Ortung von mehreren Zielen und Raketen in einem definierten Sektor.
Mit zwei komplizierten Antennensystemen für die Raumabtastung im Seiten-und im Höhenwinkel ließen sich die Koordinaten von Zielen und Raketen in einem einheitlichen relativen Koordinatensystem bestimmen. Bei je einem fächerförmigen Richtdiagramm (60 Grad in der einen Ebene und 1 Grad in der anderen) konnte die FuMSt einen Sektor von 60 Grad im Seitenwinkel und von 0 bis 60 Grad im Höhenwinkelbereich abdecken. Auf dieser Basis entstand ein stationärer FRK, der einen Sektor von 60 Grad im Seitenwinkel abdeckte. Damit reduzierte sich der gerätetechnische Aufwand für die beiden Ringe um Moskau auf 54 FRK (innerer Ring 22, äußerer Ring 32).
Auf dem Gelände Kapustin Jar entstand ein spezielles Versuchsgelände für die Erprobung aller Elemente des FRK. 1952 begann die Aufstellung des Ausbildungstruppenteils Nr. 2 zur Formierung der 1. Luftverteidigungsarmee z.b.V., die für die Luftverteidigung Moskaus vorgesehen war. Im Frühjahr 1953 gingen die Versuche mit dem FRK S-25 in die Endphase (Schießen auf "reale Ziele"), und die Arbeiten am Ausbau der Stellungen der Gefechtsordnung liefen auf Hochtouren. Mit der Übergabe der Geräte für alle 54 FRK Anfang August 1955 konnten die Besatzungen ihre Ausbildung so vervollständigen, dass die Einführung des Diensthabenden Systems noch im Jahr 1955 erfolgte. Zur Führung der Gefechtshandlungen gab es einen Zentralen Gefechtsstand, dem vier Sektor-Gefechtsstände unterstanden.

 

Antennensystem der RLS

Das Fla-Raketensystem S-25 bestand aus folgenden Elementen:

A-100 - der FuM-Komplex "Kama", bestehend aus mehreren Stationen zur Bestimmung aller drei Zielkoordinaten, die im 10-cm-Bereich arbeiteten. Die FuM-Komplexe "Kama" dienten zu Luftraumaufklärung und als Zielzuweisungsmittel.
 
B-200 - Raketenleitstation (in der wörtlichen Übersetzung - Zentrale FuMSt zur Lenkung). Da es sich um ein stationäres System handelte, befanden sich außer den Antennensystemen alle Geräte in Bunkern. Die Formierung des fächerförmigen Richtdiagramms benötigte für den 10-cm-Bereich Antennenausmaße von 8 bis 9 m. Die Abbildung gibt eine Vorstellung von der Ansicht der Seitenwinkelantenne (Vordergrund) und der Höhenwinkelantenne (Hintergrund). Die für das Schießen notwendige Bedienung sowie die Geräte (Zielerfassung, Zielbegleitung, Vorbereitung der Raketen zum Start, Startkommando, Erfassen und Begleiten der Rakete, Berechnung der Lenkkommandos und deren Übertragen zur Rakete) waren für die gleichzeitige Bekämpfung von bis zu 20 Zielen vorhanden.
 

Stellungssystem des FRK S-25

Zum FRK gehört die Fla-Rakete W-300 (Fabrikbezeichnung "205"). In jedem Schießkanal standen in der Startstellung drei Fla-Raketen zur Bekämpfung eines Zieles zur Verfügung. Dabei kamen ein bis zwei Raketen für die gleichzeitige Lenkung auf ein Ziel zum Einsatz. Die Abbildung gibt eine Übersicht über die Stellung der Raketenleitstation und die Startstellung mit ihren 60 Fla-Raketen im Gelände.

Der stationäre FRK S25 mittlerer Reichweite (die ferne Grenze der Vernichtungszone lag bei 35/45 km) war bis 1984 für den Schutz der sowjetischen Hauptstadt Moskau eingesetzt. Im Laufe der Jahrzehnte seiner Nutzung erfolgten ständige Modernisierungen an der Raketenleitstation und der Fla-Rakete, um einen effektiven Einsatz gegen die jeweils zu erwartenden Luftangriffsmittel zu gewährleisten.


System-75


Noch während der Entwicklung des FRK S-25 erging 1953 der Beschluss zur Schaffung eines verlegbaren Komplexes. Da der Geräteumfang wegen der Transportfähigkeit beschränkt werden musste, sollte der Komplex nur über einen Zielkanal und drei Raketenkanäle verfügen.
Ein erster Entwurf für den FRK S-75 lag im Mai 1954 vor. Er basierte auf einer Wellenlänge im 6-cm-Bereich, umfasste die RLS mit einem Antennensystem für zwei um 90 Grad versetzte Richtdiagramme (vertikale Ebene ?, horizontale Ebene ?) mit jeweils einen Schwenkbereich von +/- 10 Grad und einer zweistufigen Fla-Rakete. Die Geräte stellten das Schießen auf ein Ziel mit gleichzeitiger Lenkung von bis zu drei Raketen sicher.
Die Entwicklung eines 6-cm-Magnetrons (HF-Senderöhre) mit sprunghafter Veränderung der Sendefrequenz und des Systems zur Selektion beweglicher Ziele zog sich in die Länge. Aus diesem Grund griff das Konstruktionsbüro auf das erprobte 10-cm-Magnetron zurück und das vorgesehene System zur Selektion beweglicher Ziel musste auf später verschoben werden. Dieser FRK erhielt die Bezeichnung SA-75 Dwina. Für ihn war die Fla-Rakete 1D (W-750) entwickelt worden. Im Dezember 1957 erfolgt die Einführung des SA-75 Dwina in die Truppe.
Die Technik der Raketenleitstation verteilte man auf verschiedene transportfähige Kabinen. Die am häufigsten beschriebene Möglichkeit ist die sogenannte "Sechskabinenvariante" (bei uns als Fünfkabinenvariante bezeichnet), wobei die Suche nach einer zweckmäßigeren Lösung für die Aufteilung der Technik auf die Kabinen fortgesetzt wurde. Die Ausrüstung des ersten FRR mit den FRK SA-75 Dwina erfolgte im Dezember 1958 im Gebiet von Brest.
In den ersten Jahren bestand ein Fla-Raketenregiment nur aus drei Fla-Raketenabteilungen mit je einem FRK SA-75 sowie einer Rundblickstation P-12 und einer Technischen Abteilung. Schon im Jahr 1960 waren in der UdSSR auf der Basis des S-75 verschiedener Modifikationen 80 Fla-Raketenregimenter zur Deckung wichtiger Objekte des Landes eingesetzt. Zur gleichen Zeit entstand die Dreikabinenvariante SA-75M Dwina mit der Fla-Rakete 11D (W-750WK) sowie als Zugabe die FuMSt P-12 zur Ortung und Zielzuweisung. Dieser Komplex wurde speziell für den Export in die sozialistischen Staaten hergestellt. 1959 begann die Einführung der ursprünglich vorgesehenen Variante eines FRK im 6-cm-Bereich mit der Fla-Rakete 13D (W-750WN) unter der Bezeichnung S-75 Desna in die Bewaffnung.
Mit dem FRK S-75M Wolchow (Übergabe an die Truppe 1961) endete die vorläufige Basisentwicklung des Systems-75, das bis Anfang der 1990er Jahre im Einsatz war.
Die ständige Modernisierung während der Nutzungszeit erfolgte auch auf der Grundlage der Analyse während des Einsatzes in den verschiedenen Kriesengebieten.

Die Tabelle 01 zeigt einen Überblick über drei Varianten des Systems-75 mit einigen Angaben zur den Ausmaßen der Vernichtungszone. Die Modernisierungen verbesserten ständig die Gefechtseigenschaften und -möglichkeiten des Waffensystems, auf der einen Seite durch Veränderungen der Geräte in der Raketenleitstation, und auf der anderen auch durch Verbesserungen der Starteinrichtung sowie der Fla-Rakete selbst.


System-125


Schon während der Entwicklung des FRK S-75 stellte sich die Aufgabe nach der Bekämpfung tieffliegender Ziele. Der Flug in geringen Höhen war zu einer Hauptmethode des Luftgegners bei der Überwindung der Luftverteidigung geworden. Die Bekämpfung von Zielen in Höhen von 300m und darunter stand als Aufgabe. Da zur damaligen Zeit mit dem S-75 dieses Problem noch nicht gelöst werden konnte, sollte ein spezielles Projekt dafür entwickelt werden.
Im Ergebnis entstand der FRK S-125, bestehend aus einem Zielkanal sowie zwei Raketenkanälen. Seine Sender im Zielkanal arbeiteten im 3 cm-Bereich. Die fächerförmigen Richtdiagramme (je 1 Grad in einer Ebene und 10 Grad in der anderen) tasteten den Raum um jeweils 45 Grad verdreht zum Seiten und Höhenwinkel ab, während die Fla-Rakete aus einer zweistufigen Feststoffrakete bestand. Weiterhin besaß die RLS eine Antenne zur Ortung des Zielsignales. Die Geräte der RLS und der Fla-Rakete verfügten über spezielle Schaltungen für das Schießen in geringen Höhen, sowie unter passiven und aktiven Störungen. Die Arbeiten an der Konstruktion des Waffensystems begannen im Herbst 1955 und fanden ihren Höhepunkt mit dem Befehl vom 21. Juli 1961 zur Einführung des FRK S-125 Newa in die Bewaffnung.

Die Tabelle 02 zeigt eine Übersicht der Grenzen der Vernichtungszone für drei Modernisierungsvarianten. Die Familie S-125 unterlag bis in das Jahr 2000 ebenfalls einer ständigen Modernisierung, die auch den Einsatz in den lokalen Konflikten berücksichtigte. Der Einsatz erfolgte in Fla-Raketenbrigaden mit gemischtem Bestand an FRK (S-75 und S-125) oder z. B. je einen FRK S-125 zur Deckung von Flugplätzen und Standorten der GSSD in der DDR.


System-200


Auf der Agenda der Forschung und Entwicklung stand ebenfalls schon in den 1950er Jahren das wichtige Problem der Vernichtung von Zielen in großen Entfernungen. Für die Verteidigung von Leningrad sollte ein stationärer FRK "Dal" für die gleichzeitige Bekämpfung von 10 Zielen mit 10 Raketen in einer Entfernung bis zu 160 km und im Höhenbereich zwischen 5 km und 20 km entwickelt werden. Die Fla-Rakete besaß einen Zielsuchlenkkopf und arbeitete mit einem halbaktiven Zielsuchsenksystem. Dazu befand sich am Boden eine Station zur Aufhellung des Zieles. Obwohl die Versuche mit dem FRK vielversprechend waren, wurden die Arbeiten zu Gunsten des S-200 eingestellt.
Eine weitere parallele Konstruktion hatte mit dem verlegbaren FRK-175 begonnen, dessen ferne Grenze der Wirkungszone bei 60 km liegen sollte. Da die Weiterentwicklung des FRK S-75 mit seinen Parametern in die Nähe der Vorgaben des S-175 kam, war eine weitere Blockierung der Forschungskapazitäten nicht sinnvoll. Die Arbeiten am Komplex wurden eingestellt.

Die Vorgaben zur Konstruktion des verlegbaren Fla-Raketensystems großer Reichweite S-200 erfolgten mit Beschluss des Ministerrates der UdSSR vom Juni 1958.

Für die Realisierung standen zwei Varianten zur Diskussion:

  • ein einkanaliges System mit einem kombinierten Lenksystem für eine Entfernung bis 150 km; und zwei unterschiedlichen Raketentypen;
  • ein fünfkanaliges System mit einer Aufhellungsstation (Dauerabstrahlung) für das Ziel und einer Fla-Rakete zur halbaktiven Selbstlenkung (Erfassen des Zieles noch vor dem Start der Rakete).

Die Entscheidung fiel zugunsten eines Fla-Raketensystem für 2 bis 5 Zielkanäle, deren Raketen einen Zielsuchlenkkopf besitzen, der auf der Basis der vom Ziel reflektierten Signale der Aufhellstation die notwendigen Lenkkommandos erarbeitet. Im Jahr 1967 wurde des Fla-Raketensystem S-200 Angara in die Bewaffnung aufgenommen. Zum System gehörten ein FuM-Komplex bestehend aus einer Rundblickstation und einem Höhenmesser, einem Gefechtsstand (zur Führung und zur Zielzuweisung) sowie zwei bis fünf Schießkanäle (je eine Aufhellungsstation für das Ziel und sechs Fla-Raketen). Da die Störschutzeigenschaften nicht den Anforderungen entsprachen, kam es zur ununterbrochenen Weiterentwicklung an der Rakete und den Bodengeräten.

Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über die verschiedenen Modifikationen des Fla-Raketensystems S-200, das ab 1969 die Bezeichnung Wega erhielt:

1969 S-200W Wega mit Fla-Rakete W860PW (5W21W);
1974 S-200M Wega W-880 (5W28);
  S-200Ä Wega-Ä W-880Ä (5W28Ä) für Warschauer Vertrag;
1987 S-200D Dubna W-880W (5W28M).

Die Grenzen der Vernichtungszone sind in der Tabelle 03 für ausgewählte Beispiele dargestellt. Der Einsatz des Fla-Raketensystem S-200 erfolgte im Bestand einer "gemischten" FRBr mit den FRK S-75 und S-125. Im Jahr 1967 erhielt die Luftverteidigung das modernisierte Führungssystem Asurk-1MA, mit dem das Feuer von acht Fla-Raketenabteilungen (S-75 bzw. S-125) und einer Fla-Raketenabteilungsgruppe S-200 geleitet werden konnte, wodurch sich die Effektivität einer FRBr gemischten Bestands bei der Abwehr eines Luftgegners wesentlich erhöhte.


System-300


In den 1960er Jahren verlief die Entwicklung der Luftangriffsmittel der USA und der Staaten der NATO in einem rasanten Tempo, sowohl im Bereich der bemannten als auch der unbemannten Flugkörper. Dazu kamen noch neue Mittel und Methoden des funkelektronischen Kampfes. Die in den Streitkräften eingesetzten FRK konnten trotz ihrer ständigen Modernisierung mit dieser Entwicklung nicht ausreichend Schritt halten. Diese Lücke musste geschlossen werden, zumal die wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen in Form der digitalen Rechentechnik, der Halbleitertechnik, der Phasengitterantennen, effektiver Feststofftriebwerke usw. vorhanden waren.
1969 erging der Beschluss zur Projektierung eines völlig neuen Fla-Raketensystems S-300, das als Basis für die Entwicklung je eines Fla-Raketensystem S-300P (LV des Landes), S-300W (LV der LaSK) und S-300F (LV der Marine) dienen sollte. Es entstand ein mobiles Fla-Raketensystem mittlerer Reichweite zur gleichzeitigen Bekämpfung von sechs Luftangriffsmitteln mit jeweils zwei Fla-Raketen (ermöglicht durch die schnelle Steuerung des Richtdiagrammes der Phasengitterantenne). Die Bekämpfung von ballistischen Raketen war ebenfalls vorgesehen. Dazu wurde ein neues Lenkverfahren "Lenkung über die Rakete" (TVM - track via missile) entwickelt. Dabei bestimmt ein FuM-Visier die Zielkoordinaten "aus der Sicht der Rakete" und überträgt sie zur Bodenstation. Von dort gehen die errechneten Lenkkommandos zur Fla-Rakete. Damit verringert sich der Geräteaufwand in der Rakete wesentlich. Die verschiedenen Modifikationen des Fla-Raketensystems in Verbindung unterschiedlichen Fla-Raketen bestimmten die Gefechtseigenschaften des Waffensystems, besonders die der Vernichtungszone. Die Einführung der ersten Fla-Raketensysteme S-300P mit der Fla-Rakete 5W55K begann 1979. Die Tabelle 04 zeigt am Beispiel die Vernichtungszonen für drei verschiedene Raketentypen und die jeweilige Modifikationen der Fla-Raketensysteme.

Epilog

Die Abbildung 03 gibt einen Überblick über die zeitliche Abfolge von Entwicklung und Einführung der unterschiedlichen Fla-Raketenkomplexe in die Bewaffnung der Truppen der Luftverteidigung und der Truppenluftabwehr der Landstreitkräfte.
Ab Mitte der 1950er Jahren erfolgte eine parallele Entwicklung verschiedener FRK mit unterschiedlichen Einsatzprinzipen und deren Einführung in die Bewaffnung. Allein die Aufzählung lässt Rückschlüsse auf die hierfür notwendigen Ressourcen, wie Forschungskapazitäten, Fabriken für den Musterbau und die Serienproduktion zu. Die Aufwendungen der sowjetischen Gesellschaft allein auf dem Gebiet der Entwicklung und Produktion Luftverteidigungsmittel müssen enorme Ausmaße gehabt haben, die sich natürlich auch negativ auf den Lebensstandard der Bevölkerung auswirkten.

 

Zeitgrafik zur Einführung der FRK in die Streitkräfte


Zu den FRT bei der GSSD


Die Herausgeber haben mir die Möglichkeit eingeräumt, an dieser Stelle kurze Ausführungen zu den Fla-Raketenkräften der Sowjetarmee auf dem Territorium der DDR zu machen, obwohl das nicht direkt zum Thema des Beitrags gehört.
Nach der Fertigstellung des verlegbaren FRK S-75 begann in der Sowjetunion die Aufstellung von Fla-Raketentruppenteilen auch bei der Truppenluftabwehr der Landstreitkräfte. Bevorzugt wurden damit die in der DDR stationierten Truppen ausgerüstet. Die folgenden Erläuterungen geben einen allgemeinen Überblick über die Formierung von Fla-Raketentruppenteilen und deren Ausrüstungen von 1960 bis 1990 bei den sowjetischen Landstreitkräften. Auf dieser Basis ist es möglich, sich auch einen Eindruck über die Entwicklung der Fla-Raketentruppen bei der GSSD auf dem Gebiet der DDR zu verschaffen.

Anfang der 1960er Jahre
 
Division: keine Fla-Raketentruppenteile
Armee: ein FRR S-75 mit 3 FRA und 1 TA
Militärbezirk: keine Fla-Raketentruppenteile
 
Die GSSD verfügte also in jeder Armee über je ein FRR. Informationen haben ergeben, dass die Armeen der ersten Linien zwei FRR besitzen sollten. Ob es zur dieser Zeit schon Fla-Raketentruppenteile in der Unterstellung von Wünsdorf gab, ist nicht bekannt.

Von 1965 bis 1969 begann die Einführung mobiler FRK in die neu zu formierenden FRR (FRK Kub) und der FRBr (FRK Krug) bei den Verbänden der Landstreitkräfte.

1970/80er Jahre
 
Division: ein FRR mit FRK Kub oder Osa (je 5 Batterien im Bestand)
Armee: eine FRBr mit FRK Krug (mit 3 FRA und je 3 FRK)
Militärbezirk: ein FRR S-75 und eine FRBr mit FRK Krug
 
1980/90er Jahre
 
Division: ein FRR mit FRK Tor (mit vier Batterien) oder FRK Osa (mit 5 Batterien)
Armee: eine FRBr mit FRK Bug-M1 (mit vier FRA je drei Batterien)
Militärbezirk: eine/zwei FRBr mit FRK Krug und eine FRBr S-300W (mit drei FRA und je drei Batterien).
 

Die Abbildungen 05 und 06 zeigt eine mögliche Variante der Dislozierung der Fla-Raketentruppen der GSSD auf dem Territorium der DDR in den 70er Jahren. Die Dislozierung berücksichtigt allerdings nur die FRR der Divisionen und die FRBr der Armeen. Die dem Stab in Wünsdorf direkt unterstellten Fla-Raketentruppenteile konnten nicht berücksichtigt werden, da ihre Standorte für diesen Zeitraum nicht bekannt sind.
Aber auch diese Variante gibt eine gute Vorstellung über die Dichte und die Verteilung von FRK auf dem Gebiet der DDR. In den folgenden Jahren kam es zu ständigen qualitativen Veränderung bei den vorhandenen FRK. Ihre Anzahl erhöhte sich durch die Formierung neuer Truppenteile.
Die nach 1990 veröffentlichte Literatur gibt einen verhältnismäßig guten Überblick über die Fla-Raketentruppen der sowjetischen Streitkräfte Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Widersprüchliche Angaben resultieren meist aus den verschiedenen Zeitpunkten oder Zeiträumen der Betrachtung.



Literatur:

[1] ракетное оружие противовоздушной обороны страны
Михаил Первов
Москваб АВИАРУС-XXI 2001
[2] Ракетные комплексы ПВО страны
Авиация и космонавтика 12/2002
[3] Ракеты вокруг Москвы
К.С. Альперович
Москва, военное издательство, 1995
 
 


Gefechtsordnung der FFR der Luftverteidigung der DDR in den 1960er Jahren



 


Mögliche Dislozierung Der FRR der GSSD in den 1960/70er Jahren (nach Sigmar Frenzel, Bauzen)

Zwei FRR - Unterstellung GSSD; zwei FRR - 8.GA; zwei FRR - 3.SA; zwei FRR-1.GPzA; ein FRR-2GPzA; ein FRR-20.GA
und bei einem FRR, disloziert im Raum Naumburg (auf der Abbildung nicht dargestellt), ist die Unterstellung nicht bekannt.
Die FRR waren mit dem FRK S-75 ausgerüstet.


 


Mögliche Dislozierung der Truppenluftabwehr der GSSD in den 1970/80er Jahren (Variante)

EF 07.06.10 Ergänzung 17.11.2012

 
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