Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Wie wir den Fla-Raketenkomplex S300PT testeten

(in VKO Nr. 2/2012, veröffentlicht durch www.vko.ru)

Das für den Test des S-300P ausgesuchte Erprobungspersonal war hochqualifiziert. Durch die Leitung des Schießplatzes Sary-Schagan wurden in der zu formierenden Abteilung die besten Absolventen, hauptsächlich mit ausgezeichnetem Abschluss, der Artillerie-Funktechnischen Akademie der Luftverteidigung in Charkow und der Minsker Ingenieurshochschule der LV ausgewählt. Das gewährleistete eine ausgesprochen fruchtbringende Arbeitsatmosphäre. Es wurden etliche Modelle und unterstützende Rechnerprogramme entwickelt. Viele besaßen Erfahrungen mit den Fla-Raketensystemen S-25, S-75 und S-200. Alle arbeiteten mit voller Hingabe, besonders die neu als Erprober ausgewählten, buchstäblich bis zum Verschleiß.

Der Aufgabenbereich bei der Vorbereitung und Durchführung der Erprobung erwies sich als genügend umfangreich. Zum Ende des Jahres 1970 wurde mir angetragen, Vorschläge für die Gewährleistung der Sicherheit des Personalbestandes und der Bodenobjekte des Schießplatzes bei den flugtechnischen Tests des S-300 zu erarbeiten.

Immerhin bereitete sich der Schießplatz erstmals auf die Erprobung eines mehrkanaligen Systems mit gelenkten Fla-Raketen vor, die einen senkrechten Start vollzogen. Der Schießplatz lag in einer Entfernung von etwa vierzig Kilometern von der Stadt Priosersk, der Flugplatz des Polygons und die technischen Einrichtungen zur Vorbereitung der Raketen und Zieldarstellungsmittel zwanzig Kilometer. Fünf Kilometer hinter der Linie der Feuerstellungen verlief die Eisenbahnstrecke Karaganda-Alma Ata. Das war eine nicht einfache Aufgabe. Eine Reihe von Fragen mussten beantwortet werden, wie: Feststellung des Bereichs des Niedergangs der Raketen bei einem Ausfall verschiedener Elemente während des Fluges, gefährdete Bereiche des Schießplatzes durch herabfallende Trümmer der Zieldarstellungskörper bei ihrer Vernichtung usw.

Es mussten eine ganze Reihe vereinfachter Modelle, besonders für die Zieldarstellungskörper M-16, KRM, M-19, M-21, KSR-5NM u.a., erarbeitet werden, die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Vernichtung berücksichtigten, von der Zerstörung von Elementen der Steuerung, des Autopiloten bis hin zur Abtrennung verschiedener Teile der Zelle des Flugkörpers. Die ausgearbeiteten Dokumentationen und ihre Umsetzung hatten bereits seit zwanzig Jahren zu einer unfallfreien Arbeit auf dem Schießplatz beigetragen. Die Vorbereitung und Durchführung der Erprobung des Systems S-300P verlief relativ angespannt. Die vorgesehenen Fristen waren sehr eng. Wegen der Notwendigkeit der Realisierung neuer technischer Lösungen und Technologien kamen die Hersteller und besonders die Industriebetriebe nicht selten mit den vorgegebenen Fristen nicht aus. Die Erprobungsfristen mussten ständig korrigiert werden. Die Termine zur Durchführung der staatlichen Erprobung, vorgegeben per Beschluss des ZK der KPdSU und des Ministerrats der UdSSR von 1970, wurden nicht eingehalten. Das allererste, welches auf dem Schießplatz im Juli 1970 erprobt wurde, war der Katapultstart der gelenkten Fla-Rakete. Am Anfang stieß man auf folgende Erscheinung: Bei den ersten Starts brannte nach der Zündung des Marschtriebwerks der Raketen der Startbehälter TPK ab und wurde deformiert. Die Rakete selbst war im Qualm beim Start aus dem TPK praktisch nicht sichtbar.

Nach der Einführung des Startregimes der Fla-Rakete mithilfe eines Katapults zündete das Marschtriebwerk in einer Höhe von dreißig bis vierzig Metern über dem Erdboden. Im Ergebnis dessen wurde die wiederholte Benutzung des Start- und Transportbehälters möglich und die Farbgebung der Bodenausrüstung des Komplexes blieb erhalten. Der senkrechte Start der Fla-Rakete und die Einnahme des Kurses zum Ziel erst während des Fluges gestattete die Verkürzung der Arbeitszeit des FRK bei der Zielbekämpfung und den Abgang vom Ausrichten der Startrampen auf das Ziel.

Im September des Jahres 1973 traf auf der 72. Startposition des Schießplatzes das erste Erprobungsmuster der Aufhellstation und Feuerleitung (RPN) im Bestand des Antennenaufbaus F1 und des Apparatecontainers F2 ein. Das Erprobungsmuster wurde nicht auf Fahrgestellen zum Schießplatz geliefert, sondern, wie früher vorgeschlagen, in sogenannter Transportausführung, d.h. vom Wesen her eine transportable Variante, weshalb es die Bezeichnung S-300 PT erhielt. Einzigartig waren praktisch alle Bestandteile des Systems, wie daher das System selbst. Der FRK S-300 gab der wissenschaftlich-technischen Revolution in allen Bereichen der Volkswirtschaft der UdSSR einen kräftigen Impuls, besonders der Mikroelektronik.

Die Einzigartigkeit des RPN bestand darin, dass erstmals im Land eine mehrkanalige, mehrfunktionale Funkmessstation mit phasierten Antennengittern (FAR) mit solchen Eigenschaften geschaffen wurde, die in etlichen Parametern die des MPLS AN/MPQ-51 der USA, „Patriot“ genannt, überstiegen.

Mit großer Verspätung ging Ende 1973 das erste Erprobungsmuster der Funkmessstation für Rundumsuche (RLO) in die Werkserprobung. Wegen verschiedener Verzögerungen bei der Herstellung der RLO wurde ihr erster Hauptkonstrukteur J. Weiner seines Amtes enthoben und J.A.Kusnezow eingesetzt.

Im Einzelnen gibt es zur Funkmessstation RLO folgendes zu sagen: das war eine Funkmessstation mit Rundsichtbetrieb. Erstmalig in der UdSSR wurden eine zweiseitige durchgehende phasierte Gitterantenne auf p/n-Dioden-Grundlage, ein umfangreiches Arsenal an Störschutzmöglichkeiten, eine zweistufige Ortung, eine große Auswahl an Arbeitsregimen, die Möglichkeit der Arbeit im Prozess der Ausrichtung der Antenne in einem vorgegebenen Sektor der Schwenkung, unter anderem Festhalten des Strahls in vorgegebener Richtung für die energetische Aufdeckung eines Störträgers und anderes eingesetzt Die zweiseitige FAR erlaubte die Verwirklichung der zweifachen Abdeckung eines Sektors pro Umdrehung.

Vor dem Beginn der Erprobung der Komponenten des S-300P wurde ich als Verantwortlicher des Schießplatzes für die Organisation und Durchführung der Werks- und Komplexerprobungen des RPN und des FRK ernannt. Im Laufe der Erprobungen kam es auch zu kuriosen Zwischenfällen.

Bei der Vorbereitung des allerersten Abflugs der RPN ereignete sich eine ärgerliche Situation. Man kann sie nur als abenteuerlich bezeichnen. Zugehörige Mittel der Zielzuweisung gab es noch nicht. Einen Hauptrechner gab es auch nicht. Für den Empfänger des Rundumbetriebs der RPN wurde eine begrenzte Zahl von Geschwindigkeitsfiltern bereitgestellt, die allerdings nicht den gesamten geforderten Dopplerbereich der Radialgeschwindigkeiten abdeckten. Die notwendigen Einrichtungen zur Steuerung des Antennenstrahls der FAR existierten auch noch nicht. Aber alle, besonders die Führung, wünschten bis zum neuen Jahr die Arbeit einer mehrkanaligen Funkmessstation mit FAR unter realen Bedingungen zu sehen. Deshalb wurde der Beschluss gefasst, am 24. Dezember 1973 einen ersten Erprobungsabflug mit Hilfe einer sich von der RPN entfernenden Tu-16 vorzunehmen. Das war meine erste Aufgabe, diesen Abflug vorzubereiten. Er wurde mit dem Kommandeur der 60. Luftdivision abgestimmt. Zu dieser Maßnahme reisten wir gemeinsam mit dem Stellvertreter des Hauptkonstrukteurs des Konstruktionsbüros „Almas“, K.S.Alperowitsch, an. Die Maßnahme wurde auch von der Leitung des Schießplatzes unterstützt. Sie war außergewöhnlich und deshalb traf auch der Leiter der 4. GUMO (4. Hauptverwaltung des Verteidigungsministeriums, zuständig für Fla-Raketenbewaffnung der Luftverteidigung), Generaloberst E.S.Jurassow, ein.

Die Zielzuweisung zum Ziel (Entfernung, Seitenwinkel und Höhe) empfing man von einem naheliegenden Funktechnischen Bataillon per Draht. Für die Umformung der Koordinaten bezüglich des Standpunktes der RPN bereitete ich als erfahrener früherer Leitoffizier des S-75 ein Spezialplanchett vor (Feuerplanchett), mit dessen Hilfe Entfernung, Seiten- und Höhenwinkel zum Ziel an den Funkorter der RPN übermittelt werden konnten. Die Steuerung der Lage des Sektors im Höhenwinkel konnte nur mit Hilfe eines Schalters des 26-stufigen digitalen Registers verwirklicht werden - man musste im Verlauf des Abflugs im Kopf ausrechnen, welche Stufe eingeschaltet werden musste. Die Lage der geneigten Fläche hielt man wegen der von Hand vorgenommenen Zielzuweisung bei Drehung des Antennenpostens im Seitenwinkel nahe Null. Zum Funkorter, der die Lage des Sektorzentrums im Höhenwinkel zur Zielsuche einstellen sollte, wurde der Bearbeiter der Rechnerphasen, W. Getmanskij, eingesetzt. Man kann sich vorstellen, unter welchen Bedingungen wir arbeiteten. Es fanden mehrere Durchflüge des Flugzeugs statt, welches aber nicht geortet werden konnte. E.S.Jurassow charakterisierte die Situation als „Vorzeigeeffekt“ (Generalseffekt) und beschloss, uns weiterhin nicht zu stören. Danach stimmten wir mit dem Vertreter von Almas, K.S.Alperowitsch, überein, weitere Durchflüge vorzunehmen und mussten danach leider erfolglos das Kommando zur Landung des Flugzeugs auf dem Flugplatz geben. Wie groß war unsere Enttäuschung, als am nächsten Tag im Prozess der Analyse Alperowitsch mir die Gründe für den Misserfolg erklärte. Es war das Resultat der Hast, dass die Matrix der Geschwindigkeitsfilter von den Funkmechanikern, sie arbeiteten seit dem Vorabend des Abfluges die ganze Nacht hindurch, im Bereich der Dopplergeschwindigkeiten höher eingestellt wurde als die maximal mögliche Geschwindigkeit beim Flug der Tu-16. So wurde leider die Sensation verpasst, 1973 den ersten erfolgreichen Abflug einer mehrfunktionalen RLS mit FAR in der UdSSR vorgenommen zu haben.

Eine andere interessante Situation ergab sich später, als man begann, die regulären Abflüge der RPN zur Bewertung des Energiepotentials der RPN und der Charakteristik der FAR vorzunehmen. Die ersten Abflüge führten wir auf eine sich von der RPN entfernenden Tu-16 durch, weil ein herkömmliches Mittel der Zielzuweisung wie zuvor nicht vorhanden war. Wie immer stellte die 60. Luftdivision ein Flugzeug Tu-16 für mehrere Flugtage zur Verfügung. Im Laufe dieser Abflüge beobachteten wir eine wesentliche Vergrößerung der effektiven Reflektionsfläche des Ziels im Vergleich zur berechneten Größe (mit einem Faktor von 1000, welches 25 bis 30 dB entsprach).

Bei der Analyse der Ergebnisse der Abflüge erklärte ich Alperowitsch, dass diese vorläufig nicht erklärbaren Resultate nicht in der Statistik erscheinen sollten, zumal sie eindeutig anormal seien. Alperowitsch wollte sie auf keinen Fall aus der Statistik ausschließen, nicht wissend, wie das zu erklären war. Anscheinend brachte ich den Vertreter des KB zur Weißglut. Alperowitsch wurde von mir sehr geachtet, ein Mann mit Verdiensten, der außer am S-300 an der Schaffung verschiedener Systeme, wie dem S-25, S-75, S-200 und anderer, beitrug. Ich beschloss, diesen unbegründeten Streit bis zur Klärung der Gründe der Anomalie zu beenden.

Wir fuhren zum Flugplatz und sahen uns das bereitgestellte Flugzeug an. Das war eine gewöhnliche Tu-16, mit der Ausnahme, dass unter ihren Tragflächen silberne, zigarrenförmige Gondeln angebracht waren. Wenn man annimmt, dass die Gondeln der effektiven Reflektionsfläche des Flugzeuges entsprachen, konnte das die Größe des reflektierten Signals um das Doppelte (3 dB) vergrößern, aber nicht tausendfach. Wir baten die Techniker des Flugzeuges, den hinteren Teil der Gondeln abzunehmen. Innen wurde nun sichtbar, dass die Gondel für Radarstrahlen durchlässig und von außen mit einer silbernen, radarstrahlendurchlässigen Farbe versehen war. Aber im hinteren Teil wurde eine Zwischenwand aus Dural eingezogen, welche für Radarwellen die reflektierende Wirkung eines Spiegels mit mehr als einem Meter Durchmesser hatte. Und nun wurde der Grund für das wesentliche Anwachsen der Größe des reflektierten Signals klar. Es blieb noch zu klären, warum das Anwachsen episodischen Charakter auf dem Abschnitt zwischen drei und zehn Kilometern während des Fluges hatte. Wir beschlossen, alle meteorologischen Verhältnisse für die Flughöhe des Flugzeuges zu prüfen, die am Tag des Abfluges herrschten. Der Grund zeigte sich in den quer zum Kurs des Flugzeuges verlaufenden Windböen, weshalb sich die Lage des Flugzeuges im Raum ständig änderte und zu den sprunghaften Veränderungen des reflektierten Signals führte. Die anormalen Ergebnisse wurden aus der Statistik entfernt.

Das allererste Funkmessmittel des FRK S-300P, welches auf der Position 72 des Schießplatzes entfaltet wurde, war das Erprobungsmuster der RLS, eine Funkmessstation für das Auffassen von Zielen in geringen und extrem geringen Höhen (NWO). Für die Erhöhung ihrer Auffassentfernung wurde sie mit einem in der Höhe bis 25 Meter ausfahrbaren Antennenmast versehen. Als wichtigste Besonderheit erschien die erstmalige Verwendung einer Betriebsart der ununterbrochenen, nichtmodulierten Ausstrahlung von Signalen (NM). Das erlaubte die Unterdrückung der örtlichen Rose und meteorologischer Erscheinungen (Wolken, Nebel) auf hohem Niveau und lieferte ein entsprechend hohes Potential bei der Ortung tieffliegender Ziele vor dem Hintergrund von Bodenreflektionen und passiven Störungen. Anfangs war die NWO nur für eine Aufgabe „Klingel“ vorgesehen, das heißt, gleichzeitig das Ziel zu orten, seinen Seitenwinkel und die Geschwindigkeit zu messen und diese Informationen an die RPN zu geben. Doch es stellte sich bald im Laufe der Erprobung heraus, dass dieses nicht ausreichte, weil die Zielzuweisung an die RPN mitunter zu früh gegeben wurde und die Möglichkeiten des FRK in der Leistungsfähigkeit senkte. Damit im Zusammenhang stehend wurde unvermittelt im Laufe der Erprobung ein Beschluss zur Erhöhung der Messgenauigkeit der Entfernung zum georteten Ziel gefasst. Speziell dafür wurde die Betriebsart „Messung der Entfernung“ mit Hilfe des LTschM-Signals eingeführt, welche sich unmittelbar nach der Ortung einer Zielmarke in einem gegebenen Seitenwinkel im Regime „NM-Signal“ einschaltete.

Die ersten Abflüge der NWO begannen im Jahre 1972. Von Anfang an zog man zu den Abflügen die besten Testflieger der UdSSR des Flug-Untersuchungs-Institutes „M.M.Gromow“ heran, weil sie mit der MiG-19 in extrem geringen Höhen zwischen hundert und fünfzehn Metern über der Erdoberfläche nach barometrischen Gebern und Funkhöhenmessern fliegen mussten. Für die Abflüge in extrem geringen Höhen wurde ein Sektor des Erprobungsplatzes mit ebener Erdoberfläche ausgesucht, wo keine schlecht vom Piloten zu erkennenden Hindernisse wie Türme, Masten, elektrische Hochspannungsleitungen u.ä. vorhanden waren. Dann gewöhnten sich Piloten der Luftdivision vom Schießplatz mit Jagdflugzeugen MiG-21 und MiG-23 an diese Flüge, und in einer Höhe von hundert Metern flog wiederum eine Tu-16.

Einer dieser Piloten, der Stellvertreter des Kommandeurs der Luftdivision für Gefechtsarbeit, scherzte eines Tages bei der Vorbereitung eines Fluges bei mir mit Galgenhumor: „Weißt du, was es heißt, fliegen in extrem geringen Höhen? Wenn du wie üblich fliegst, siehst du nur Himmel. Aber unten ist dir, als ob du die Schnauze in den Dreck steckst.“ Zum Glück bestätigte sich dieser böse Scherz nicht. Die Erprobung des S-300P endete ohne besondere Vorkommnisse.

Bei der Durchführung von Abflügen beim Einsatz von bodengestützten Störträgern in den nahen Seitenkeulen der RPN traten Schwierigkeiten auf. Die Erprobung auf Störsicherheit der Elemente des Systems lief überhaupt recht gespannt ab. Während der Tests währte ein ständiger Streit zwischen den Vertretern der Industrie und den Erprobern. Die Industrie forderte, dass der Störträger (PAP) so weit wie möglich von der Hauptkeule des Antennenstrahls der RPN entfernt sei. Aber die Erprober wollten es umgekehrt – so nahe wie möglich. Dabei durfte kein Störsignal in den Hauptstrahl einfallen, denn das war schon ein anderes Arbeitsregime. Zu dieser Zeit veränderte sich der Pegel der Störung in den Seitenkeulen heftig. Es war aber erwünscht, dass der Störträger nicht in die tiefen Intervalle zwischen den Seitenkeulen des Antennenrichtdiagramms fiel. Sie einigten sich, dass bei der Bewertung der Störgeschütztheit der RPN der Störträger sich im Bereich der zweiten oder dritten Seitenkeule befinden sollte. Für uns erschien die zweite Seitenkeule wünschenswert, für die Vertreter der Industrie im Einschnitt zwischen der zweiten und dritten. Der Streit ging buchstäblich um einige Zehntel eines Winkelgrades. Die notwendige Winkellage in der Statik festzustellen war nicht schwer, aber während eines realen Abfluges ...

Es geschah folgendes. Bei einem der Abflüge sollte die übliche Variante für die Ermittlung der Störgeschütztheit festgestellt werden. Die Störung erzeugte eine bodenständige Störstation (NPK). Als Ziel flog eine MiG-21. Wie gewöhnlich wurde die Aufgabe für den Flug ausgearbeitet und bestätigt. An diesem Tag flog der Kommandeur der 60. Luftdivision selbst, Generalmajor A.M.Megerja, verdienter Militärflieger der UdSSR. Den Flug dirigierte ein Steuermann seiner Luftdivision von einem zeitweiligen Gefechtsstand, welcher auf der 72. Feuerstellung entfaltet war und der die notwendigen Informationen von einer in der Nähe stehenden Funkmessstation P-37 erhielt. Als Leiter des Abfluges befand ich mich neben dem Steuermann. Die Aufgabe beinhaltete, dass das Flugzeug streng auf einer Geraden fliegen sollte, die bezüglich der NPK unter einem geforderten Seitenwinkel sein sollte, von uns auf einem Tochtersichtgerät der P-37 verfolgt. Die Sache war folgendermaßen: bei der Erprobung fehlten entsprechende Anzeigegeräte im Flugzeug, zum Beispiel ein Messgerät für die Winkelgeschwindigkeit bezüglich des Punktes der Anstrahlung oder eine Art Leuchtturm. Das erschwerte die genaue Steuerung des Flugzeuges. Es zeigte sich, dass es dem Steuermann beim vorgenommenen Abflug nicht gelang, das Flugzeug auf der vorgegebenen Geraden zu halten. Die ganze Zeit über versuchte er per Funk, dem Piloten Kursanweisungen zu geben, nach links, dann wieder zwei, drei Grad nach rechts, dabei die gedachte Gerade schneidend. Im Endergebnis bewegte sich das Flugzeug auf einer Schlangenlinie, weil die Korrekturkommandos wegen der Begrenztheit der Winkelauflösung der P-37 und des menschlichen Faktors sich stets ein wenig verzögerten. Der Pilot vollzog einige Anflüge, aber dann explodierte er und warf seinem unterstellten Steuermann einiges an den Kopf und Piloten können sich ausdrücken. Aber der Grund des Fehlers lag woanders. Der Abflug wurde als solcher erfüllt. Die aufgezeigten Fehler wurden im Laufe der Überarbeitung der Resultate des Abfluges berücksichtigt.

In der die Erprobung des S-300 abschließenden Periode nahm ich an einer Versammlung teil, bei der ich dem Kommandierenden der LV, Generaloberst I.M.Gurinow, über die Ergebnisse der Erprobung und über die Haupteigenschaften des Systems zu berichten hatte. Der Generaloberst stellte viele Fragen. An seiner Reaktion merkte ich, dass er den vorgetragenen Ergebnissen, besonders zur Leistungsfähigkeit des Systems bei der Durchführung eines massierten Luftangriffs durch den wahrscheinlichen Gegner, nicht glaubte.

Nach einem Jahr, im September/Oktober des Jahres 1979, arbeitete ich als Mitarbeiter eines Institutes des Verteidigungsministeriums in einer Analysegruppe unter der Führung des Stellvertreters des Institutes, Generalmajor J.I. Ljubimow, bei der Übung „Sojus 79“. Sie fand auf dem Schießplatz Sary-Schagan statt. Nach Abschluss dieser Übung nahm ich an der Analyse der erhaltenen Ergebnisse teil. Der FRK S-300 wurde erstmals bei einer Übung der Truppen der LV des Landes eingesetzt, hier im Bestand einer gemischten Gruppierung. Das System im Bestand einiger FRK sollte einen massierten Schlag von Flügelraketen in extrem geringen Höhen abwehren. Die Übung bestätigte im vollen Umfang die Resultate, die früher in der Erprobung gesammelt wurden. Der Kommandierende der Truppen der LV zweifelte nun nicht mehr an den Fähigkeiten des Systems. Zum Abschluss sei gesagt, die hier wiedergegebenen Erinnerungen sollten die Veteranen der Luftverteidigung anregen, sich an interessante Ereignisse zu erinnern, welche sie während ihrer Dienstzeit erlebten.

Juri Nikolajewitsch Agischewski, Kandidat der technischen Wissenschaften.

 

Fragen vom Übersetzer, Burghard Keuthe, Major a.D.
- Die Funkmessstation RLO scheint nicht im Bestand des S-300 der NVA gewesen zu sein?
- p/n-Dioden-Grundlage - im Original als „pin-Dioden“ bezeichnet. Fehler liegt wo?
- Erklärung von „LTschM-Signal“ und „NM-Signal“
- Damit im Zusammenhang Aufgabe „Klingel“? Kann auch „Glocke“ heißen. Dachte hier eher an eine
   Vorwarnung, also mit Klingel übersetzt.
 

Die Antworten gab Jürgen Gebbert, Major a.D. und Kommandeur der FRA 4351
-RLO... eine Rundblickstation 5N64C, extra für das System S-300 entwickelt,
  Einsatz auf Battallionsebene mit bis zu 6 Batterien;
-p/n oder pin-Dioden... unterscheidet sich lediglich in der Schreibweise;
-LTschM-Signal...linear moduliertes Signal zur Entfernungsbestimmung,
  Aufschaltung nach Erfassen des Ziels durch NWO mit ßZ + VR
-NM-Signal...monochromal. Signal, Dauerstrich zur Bestimmung ßZ + VR
-Swonka/Klingel... signalisierte die Zielauffassung des NWO nur ß und VR des Zieles,
  war so in der NVA-Variante nicht mehr vorhanden.

Quelle: http://vko.ru/DesktopModules/Articles/ArticlesView.aspx?tabID=320&ItemID=493&mid=2893&wversion=Staging

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