Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen 1

Der Weg zu den Fla-Raketentruppen, eine Reise mit Hindernissen

Im Oktober 1961 besuchten zwei Offiziere des Wehrkreiskommandos Greifswald unsere Abiturklasse an der EOS in Greifswald und stellten uns die verschiedenen Möglichkeiten bei der Nationalen Volksarmee (NVA) vor. Die Soldatenlaufbahn als Freiwilliger über zwei Jahre, die Laufbahn als Unteroffizier über drei und mehr Jahre und schließlich die Laufbahn als Offizier mit einer Verpflichtung über 25 Jahre Dienstzeit. Die Jungs meiner Klasse waren sich alle einig, wir gehen zwei Jahre zur Flak unter folgenden Bedingungen a) wir dienen alle in Rostock und b) alle in der gleichen Dienststelle. Wir waren gut vorbereitet. Als die Herren des WKK ihr Kommen angekündigt hatten, wurde viel diskutiert und eruiert. Der Bruder eines Klassenkameraden diente bei der Flak in Rostock und hatte das dortige Flakregiment als eine erstklassige Möglichkeit empfohlen, für zwei Jahre einen ordentlichen Lenz zu schieben. Die Offiziere des WKK sagten zu. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten war die Tatsache, dass seit Sommer 1961 an einem Wehrpflichtgesetz der DDR gearbeitet wurde, durch das jeder gesunde 18 jährige Mann für 18 Monate zum Dienst in der NVA oder einem anderen bewaffneten Organ, ein toller Begriff, verpflichtet werden konnte. Dieses Gesetz wurde möglich, weil man am 13. August 1961 die Grenze dicht machte. Wäre das nicht gewesen, hätte mit Sicherheit eine große Anzahl Wehrpflichtiger den Weg in den Westen genommen. Im Januar 1962 wurde das Gesetz von der Volkskammer der DDR beschlossen. Übringens in der BRD war die Wehrpflicht bereits 1956 eingeführt worden. Im Frühjahr 1962 kamen die gleichen Offiziere des WKK wieder in unsere Klasse. Diesmal mit der Frage wer möchte Berufssoldat werden? Gesucht wurden Interessenten für alle Laufbahnen vom Piloten bis zum Offizier der Volksmarine. Aus meiner Klasse war ich der Einzige, der diesen Weg wählte. Ich wollte Pilot werden, oder wie es richtig hieß Flugzeugführer. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, Offizier zu werden. Doch es kam, wie so oft im Leben, anders.

Im Juli 1962 erhielt ich die offizielle Einladung zur Eignungsprüfung als Flugzeugführer. Im WKK Greifswald übergab man mir dazu die notwendigen Reisedokumente und die Irrfahrt begann.
Ich sollte mich in der Schule der Funktechnischen Truppen im Schloss zu Oranienburg melden. Als ich in den Abendstunden eintraf und dem Offizier vom Dienst meine Papiere vorlegte, war die Antwort nur Schulterzucken. Er wies mir eine Unterkunft zu und wollte bis zum nächsten Morgen das Ziel meiner Reise erkunden. Meine Unterkunft befand sich im zentralen Teil des Schlosses. Von dem Balkon des Zimmers hatten sicher hohe Persönlichkeiten dem gemeinen Volke zu gewunken. Immer, wenn ich heute durch Oranienburg fahre und am Schloss vorbei komme, dann muss ich an diese Nacht denken. Am Morgen erhielt ich wie versprochen einen neuen Marschbefehl. Ziel war die Flak-Artillerie-Schule (FAS) in Potsdam-Geltow. Entfernung von Oranienburg ca. 50 km Luftlinie, also kein Problem. Aber nicht 1962.

Meine Militärfahrkarte ging von Oranienburg nach Berlin-Schönefeld dann südlich an Westberlin vorbei nach Potsdam, Wildpark West. Heute wäre das eine knappe Stunde Autofahrt. Nicht so damals. Mehr als fünf Stunden dauerte die Reise. Ich meldete mich am KDL Kontrolldurchlasspunkt der Flak-Artillerie-Schule und wurde zum Offizier vom Dienst (OvD) geführt. In der Dienststelle herrschte eine eigenartige Atmosphäre, die sogar ich kleiner Zivilist mitbekam. Der Zufall wollte es, dass ich beim Warten ungewollt ein Gespräch des OvD mithörte, aus dem hervorging, dass zwei Offiziersschüler sich mit Waffen unerlaubt entfernt hatten. Nebenbei klärte der diensthabende Major auch mein Problem. Da er für Kaderfragen verantwortlich war, wusste er, dass mein Ziel nicht Potsdam-Geltow, sondern die Offiziersschule Kamenz war. Es gab einen neuen Dienstauftrag und eine neue Militärfahrkarte und auf ging es nach Kamenz. Diese Stadt in Sachsen erreichte ich in den Abendstunden. Man wies mir ein Bett zu und sagte morgen 9.00 Uhr im Gebäude Nr. ... Die Küche hatte schon geschlossen, also verließ ich mit meinem Dienstauftrag das Objekt und lernte so als erstes das Casino kennen. Ich erinnere mich, man konnte gut Essen und Trinken und es war preiswert.
Am nächsten Morgen nach einem üppigen Frühstück zwei Scheiben Brot, 20 g Butter, Panzerabwehrwurst und Marmelade satt aus dem Pappeimer war ich pünktlich am angegebenen Ort.
Horst ? Siegfried Horst ? , fragte der leitende Offizier. Hier ! , meldete ich mich. Herr Horst , hieß es kurz und bündig, wir müssen den uns vorliegenden Unterlagen entnehmen, dass Sie für eine Ausbildung als Flugzeugführer aus gesundheitlichen Gründen nicht geeignet sind. Lassen Sie sich vom OvD neue Papiere geben und melden Sie sich beim WKK Greifswald bis morgen 16.00 Uhr zurück. Alles Gute für Sie. Er schüttelte mir zum Abschied die Hand und ich war entlassen.

Eine unendliche Leere hatte mich ergriffen. Auf dem Flur stellte ich fest, dass ich noch Stunden Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges hatte. Sehr niedergeschlagen saß ich auf einer Fensterbank als ein älterer, grauhaariger Oberst an mich herantrat. Er sah offensichtlich meinen seelischen Zustand und sprach mich an. Na hatīs nicht geklappt ? Die Gesundheit ? Ich nickte. Er schwieg. Nach einer Pause gemeinsamen Schweigens meinte er, ich habe ein Angebot für Sie, das sehr interessant ist. Wenn Sie es wollen dann werden wir Sie an der modernsten Technik, die die NVA gegenwärtig besitzt, ausbilden.
Mehr kann ich Ihnen aus Gründen der Geheimhaltung leider nicht sagen. Oder doch. Sagt Ihnen der Name des Amerikaners Gary Powers etwas ? Sie haben eine Stunde Zeit zum Nachdenken, wenn Sie wollen, dann füllen Sie diesen Antrag aus und es beginnt für Sie am 1.9.1962 die Ausbildung in der modernsten Waffengattung der NVA. Powers, war das der den die Sowjets mit einer Rakete vom Himmel geholt hatten ? Musste wohl so sein. Dann sollte ich zu den Raketen, interessant. Ich hatte in Greifswald zum ersten Mal von Raketen gehört. Von Raketen in Peenemünde. Ich hatte auch das Buch von Ruth Kraft Insel ohne Leuchtfeuer gelesen ich kannte den Namen Wernher von Braun und das er jetzt für die Amis arbeitete. Mein Kopf dröhnte. Der Oberst kam pünktlich wieder. Ich habe unterschrieben und begann zum besagten Termin meine Ausbildung zum Offizier der Fla-Raketentruppen. Ich habe diesen Schritt bis zum Ende meiner militärischen Tätigkeit nicht bereut. Später habe ich mich oft gefragt, was mich bewegt hatte diesen Antrag zu unterschreiben. War es mein Elternhaus ? Wohl kaum, denn mein Vater war Kriegsteilnehmer und strikt gegen eine militärische Laufbahn seines Sohnes. War es das Neue, das Abenteuer, der Drang nach Gemeinschaft. Einer für Alle, Alle für Einen. Ich weis es nicht. Es war wohl meine Fähigkeit, schnelle Entschlüsse zu fassen. Ideologische Grundlagen hatte die Entscheidung nicht.
 
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