Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Als letzter NVA-Hörer an der MAK in Kalinin

Torsten Voigt

Die Zeit in Kalinin war phantastisch. Darüber könnte man Bücher schreiben. Aber mit Ende 20 ist vieles schön, auch wenn es oft spartanisch zuging.
Ich habe den Vorbereitungskurs dort übersprungen, da ein Test ergab, dass die Russischkenntnisse dank eines Lehrgangs in Naumburg 1987 und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse gut waren.
Wir wohnten in der Skwarzowa Stepanowa in einer 11 m2 Wohnung. Das Studium war sehr frei, wer die Leistungen brachte, hatte seine Ruhe und konnte die Nachmittage am Karjer oder an der Wolga in der Sonne genießen. Wir waren in der Gruppe 50 % Ungarn, der Rest FRT der DDR. Die Ungarn nahmen alles viel lockerer als wir, eines ihrer Hauptprobleme war z.B., wo sie Palinka (ungarischer Früchtewodka) herbekamen. Sie hatten sich ja keinen Container aus der DDR schicken können. So ernst, wie wir das Studium nehmen sollten, nahm es kein Offizier eines anderen europäischen Landes des WV. Man merkte total den Einfluss der Gorbatschow-Politik. Die Diskussionen in der politischen Ausbildung waren wirkliche Diskussionen, wir fielen oft vom Glauben ab.
Völlig verwundert war auch unser Lehrer in Taktik der Landstreitkräfte, dass wir als Deutsche (für die waren wir schon damals nur Deutsche) die Werke Guderians nicht kannten. Das gehöre doch zum Allgemeinwissen eines Offiziers, noch dazu aus Deutschland (die sagten fast nie im Gespräch "DDR"). Der Kontakt zu den Lehrkräften war kameradschaftlich, sie wollten oft auch wissen, wie wir etwas in den FRT der NVA machen.
Der Höhepunkt der Ausbildung für mich und streng geheim war der S-300 PMU, extrem interessant. Auch die SU-27 konnten wir genauer kennenlernen, damals fast unvorstellbar.
Andererseits erlebten wir auch die Schattenseiten der Gorbatschow-Ära. Die Schlangen selbst am Brotladen wurden lang, die Beschaffung von Bier z.B. war abenteuerlich. Unsere Gruppe hatte einen 20-Liter-Kanister, der immer im überfüllten "Biersaal" gefüllt werden musste. Flaschenbier war äußerstes Defizit. Eine Story dazu: Aus Zeitmangel gingen wir zu zweit in unserer Uniform in den Biersaal. Uns war mulmig zumute, da wir nicht wussten, wie auf unsere doch der Wehrmacht sehr ähnliche Uniformen durch die alkoholisierten Gäste reagiert würde. Zu unser Überraschung führte uns ein Gast mit den Worten "Platz für die Herren Offiziere" an den Anfang der Schlange und wir bekamen unser Bier - so schnell wie nie zuvor. Für viele Waren wie Zucker, Seife, Waschmittel wurden Marken eingeführt. Die gaben wir oft sowjetischen Freunden, wir hatten ja unseren Container aus der DDR, die selbst zu dieser Zeit im Vergleich zur SU für mich das Paradies war. Es war einfach prima in Twer.

Am 10.9.89 wurde es dann peinlich. Der Lehrgangsälteste (ein OSL, habe den Namen vergessen) faselte vor der gesamten Fakultät etwas vom Erfolg des Sozialismus und das alles prima sei und so weiter. Wir ernteten nur ungläubige Blicke von den Offizieren anderer Nationen. Wir sollten später auch noch das Neue Forum verurteilen. Auf unsere Bitte hin, doch erst einmal deren Veröffentlichungen zum Lesen zu bekommen, verschlug es dem Parteivertreter aus der DDR-Botschaft die Sprache. Wir haben dann nichts verurteilt, aber auch nichts befürwortet. Zur Währungsunion hat man uns dann vergessen, wir mussten schnellstmöglich in Eigenregie unsere Frauen im Sommer 90 in die DDR schicken, um unsere Konten zu retten. Über die Entwicklung in der DDR erfuhren wir über die Deutsche Welle auf KW (Draht am Heizungsrohr als Antenne) und aus verspätet eintreffenden DDR Zeitungen. Komischerweise (oder logischerweise) berichteten gerade darüber die Gorbatschow-Medien wenig bis nichts.

Am 10.11.89 früh trafen wir uns an der Diensttafel im Lehrgebäude. Wörtlicher Tenor nach der Grenzöffnung: "Meine Herren, das war`s!" Und so kam es ja auch. Vielleicht sieht man vieles aus der Entfernung und besonders im Kontakt mit Offizieren anderer Armeen aus Ländern mit ähnlichen Entwicklungen besser als in einer abgeschirmten FRA. Im Sommer 90 teilte man uns dann in Strausberg mit, dass wir das letzte Studienjahr mangels späterem Bedarfs nicht mehr absolvieren können. In der Akademie wurden wir besonders von den sowjetischen Offizieren mit Lästereien empfangen. Worte wie "Wrag moi" (mein Feind) und "NATO-Offiziere bilden wir hier nicht aus" waren an der Tagesordnung. 14 Tage Anfang September hatten wir dann, um unseren Rückzug zu organisieren. Wir mussten also das gesamte Alkoholkontingent, das wir uns im Container für das 3. Studienjahr mitgebracht hatten, in kurzer Zeit vernichten. Das gab uns erstklassige Zahlungsmöglichkeiten. Keiner wollte mehr Rubel auf russischer Seite und die DM war dort noch total unüblich. So konnte der Rücktransport von Hab und Gut in die DDR organisiert werden. Das Geld bekamen wir später vom Bundesverteidigungsministerium sogar noch erstattet.

 
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