Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen an meine Armeezeit
November 1962 bis April 1964

Klaus Hartl

  Wie das Leben so spielt, da muss man nach einem Systemabsturz seinen PC komplett neu einrichten und bei der Funktionskontrolle von "GOOGLE Earth" kam mir in den Sinn, mal nach Straßgräbchen /Bernsdorf zu schauen, und so kam ich auch auf die Ansicht des Bereiches meiner damaligen Dienststelle. Auch wenn dort keine Gebäude direkt mehr zu erkennen sind so ist die Stellung noch in ihren Grundzügen zu erkennen. Nun war ich neugierig geworden und wollte nach dieser langen Zeit mal sehen was über die Geschichte der Technischen Abteilung zu erfahren ist. Vieles ist ja schon beschrieben - auch über die Umbenennungen der Diensteinheiten - aber es sind kaum Hinweise auf die Zeit von 1961 bis 1970 zu finden. Und da kam ich auf die Idee meine Erinnerungen an meine - unfreiwillig - geleistete Dienstzeit mal aufzuschreiben. Vielleicht ist es eine Anregung für andere aus dieser Dienstzeit ihre Erlebnisse ebenfalls aufzuschreiben.

Leider habe ich aus meiner Armeezeit keine Fotos da Fotoapparate verboten waren. Auch das Führen von Tagebüchern war verboten. So blieben mir nur meine Erinnerungen an diese Zeit.

  Eigentlich beginnt meine Geschichte mit dem Gesetz zur "Allgemeinen Wehrpflicht in der DDR" die im Frühjahr 1962 verkündet wurde. Dann kam die Musterung. So war es nur eine Frage der Zeit bis ich an der Reihe war. Und dieser Zeitpunkt war dann am 13.November gegeben und ich zur Luftverteidigung (LSK/LV) einberufen wurde. Dann ging es mit einem Militärsonderzug ab nach Pasewalk.

Dort angekommen, erfolgte der Weitertransport mit Lkw-Mannschaftswagen (H3a) zur nächsten Dienststelle - vermutlich war es Stallberg - dort erfolgte die Umsortierung für den Weitertransport in die jeweiligen Ausbildungseinheiten. Und so kam ich kam dann zum FR14 nach Altwarp. Mein erster Dienstgrad war "Kanonier" und unsere Dienstfarbe an Schulterstücken usw. war rot , wie bei den Landstreitkräften !

Hier sollte eigentlich eine drei Monate dauernde Grundausbildung erfolgen, und wie sicherlich jeder der damals eine Grundausbildung erhielt, war alles dabei, von "Maskenball" kurz nach der ausgerufenen Nachtruhe über Sturmbahn bis zum "Gleiten bis auf meine Höhe".

Da unsere Ausbildungsoffiziere als Unterleutnants frisch von der Schule kamen und uns ihre Position eindringlich darlegen wollten, mussten wir viele Dinge erleben wie man das nur aus Erzählungen von Vater und Großvater beim Militär kannte. Mitunter waren diese Hinweise recht dienlich und so habe ich mich immer vollständig angezogen - auch wenn ich dadurch fast immer der Letzte war der hinaustrat - wenn es abends mal Alarm gab. Wir hatten natürlich auch ein paar "Dienstgeile" dabei, die immer ganz schnell in der Reihe stehen wollten, ohne sich dabei richtig anzuziehen.

Als es dann aber auf einen Nachtmarsch in Richtung Eggesin ging, waren große Blasen an den Füßen bei denjenigen, die ohne Socken oder Fußlappen (die ich immer angezogen habe) die Stiefel angezogen hatten, die Folge. Jedenfalls hatte der Sankra viel zu fahren, und der vorgesehene 10 km-Marsch war schnell zu Ende.

Ein Ereignis bei der Ausbildung an der Schutzmaske ist mir noch in Erinnerung: Bei einer Geländeausbildung mussten wir durch eine Nebelwand aus Tränengas. Da meine Gläser in der Schutzmaske vollständig angelaufen waren und ich im Nebel völlig die Orientierung verloren hatte, bin ich in ein altes Schützenloch gefallen. Da war für mich der Krieg aus, und ich bin solange drin geblieben bis sich der Gasnebel verzogen hatte und mich ein Unterleutnant anschrie, was ich denn hier mache, da alle anderen schon angetreten waren. Das brachte mir natürlich einige zusätzliche Freizeitverrichtungen ein.

Hier in Altwarp wurden wir auch mit der Flak-Technik bekannt gemacht. Es war schon imposant, wie von einer Geschützrichtstation (GRS) die vier angeschlossenen Flak-Geschütze gesteuert wurden.

Zu unserem großen Glück kam dann schon nach nur drei Wochen der Befehl, die gerade bezugsfertigen Objekte im Raum Dresden - Kamenz zu besetzen. Diese schnelle Bereitschaft der Objekte war vermutlich auch notwendig durch die "Kubakrise".

So verschlug es mich zur sogenannten Feuerabteilung nach Größröhrsdorf des FR13.

Hier hatten wir es hauptsächlich mit Reinigungsarbeiten und Politunterricht zu tun. Da wir noch keine Waffenausrüstung hatten, haben wir eine ganze Zeit ohne Waffen auf Wache ziehen müssen. Es war schon alles recht merkwürdig.

Aber dann bekamen wir die erste Bewaffnung mit der sog. Trommel-MP41, die schon im zweiten Weltkrieg von den russischen Truppen benutzt wurden. Das sah man auch an den Kerben im Gewehrkolben !

  Diese Dinger waren richtig ausgeklappert. Da funktionierte bei manchen nicht mal mehr der Sicherungsriegel, so dass die Knarre losging wenn man sie nur kräftig mit dem Schaft aufstieß.

Durch das Masseschloß, was dadurch zurückgeschleudert wurde, kam es dann beim nach vorn gehen zum Einschieben einer Patrone in den Lauf und durch den am Masseschloss befindlichen spitzen Stift zum Auslösen des Schusses. Und wenn dann nach der Schussauslösung das Masseschloß nicht durch den Abzug gefangen wurde, ging eventuell eine ganze Salve hinaus.
Die Dinger waren recht gefährlich. So kam es zu einem tödlichen Unfall bei einer Wachablösung in einer mir nicht mehr bekannten Dienststelle unsere Regiments, wo durch das Tragen der MP auf der (falschen) linken Seite sich der Spannhebel an der Wattejacke der Uniform verfing. Als der Spannhebel sich dann von der Jacke löste, wurde dadurch ein Schuss ausgelöst, der dem gegenüberstehenden ablösenden Posten tödlich in den Bauch traf. Dieser Unfall war umso tragischer, als der uns Leben gekommene Gefreite eigentlich schon längst entlassen sein sollte, jedoch durch die Kubakrise länger dienen musste.

Danach wurden dann sehr schnell diese unsicheren Waffen gegen die Kalaschnikow aus deutscher Produktion ausgetauscht.

Der Winter 62/63 war sehr schneereich und kalt, und unsere Hauptbeschäftigung war Schneeschaufeln, um die Zufahrtstraße zum Objekt freizuhalten - was nicht immer gelang. So mussten z.B. die notwendigen Briketts und die Braunkohle zum Heizen des Objektes zeitweise mit einer ATS-Kettenzugmaschine quer übers Feld transportiert werden, um die Beheizung sicher zu stellen. Weil die Lkw`s bei der Kälte kaum ansprangen, musste immer einer die ganze Nacht durch am Laufen gehalten werden damit man dann mit diesem die nicht startenden Fahrzeuge anschleppen konnte. Und so passierte es, dass bei einem G5 das Kühlwasser verdampfte und der Motor dadurch komplett festging und völlig unbrauchbar wurde.

So endete das Jahr 1962 , die Kubakrise ging glücklicherweise auch zu Ende und im Februar 1963 kam dann mein Marschbefehl nach Bernsdorf/Straßgräbchen zur Technischen Abteilung.

Und wenn ich dachte, dass es nur besser werden würde, sollte ich mich gewaltig geirrt haben.

In der TA kam ich als Kraftfahrer in den ersten Zug zu dem Kompaniechef "Leutnant Erdbeer". Der war nicht sehr beliebt.

Zudem gibt es insofern etwas zu sagen, als er - obwohl er in unserem Alter war - mit Einwilligung seiner Eltern mit 17 Jahren als Berufssoldat auf die Offiziersschule ging, von dort aus in der Sowjetunion eine Spezialausbildung an Luftabwehrraketen (damals 1D und 11D) erhielt und nach Abschluss dieser Ausbildung schon zum Leutnant befördert wurde, obwohl alle anderen in seinem Alter noch Unterleutnants waren.

Da zum damaligen Zeitpunkt es noch nicht die richtige Trennung zwischen Luftwaffe und Luftverteidigung gab, kam es, dass er als Einziger noch in der Uniform der Luftwaffe mit blauen Spiegeln an der Dienstuniform der Flieger auftrat. Und das hat er richtig genossen, sich aus der grauen Masse hervorzuheben.

Jedoch kam dann bald auch für ihn die Umstellung der Dienstfarbe in Grau für die Bodentruppen der Luftverteidigung. Das hat ihn sehr getroffen, da er sich nun nicht mehr von den übrigen Offizieren abhob.

Das ist mir deshalb so in Erinnerung geblieben, weil man sich eigentlich mit den Zugführern im Range eines Unterleutnants recht gut verstanden hat. Hier kann ich mich noch an die Namen meiner Zugführer, Unterleutnant Funk und Unterleutnant Nordhaus erinnern, die ihre Tage (ca.3600 und mehr) mehr zählten als wir unsere Maßbänder abschnitten.

Unser Genosse Leutnant musste sich gegenüber den übrigen Kompaniechefs immer hervorheben, was sich dann auch in seiner Dienstauffassung widerspiegelte. Was wir als Schikane betrachteten, war für ihn nichts anderes als Wehrertüchtigung - wobei er sich immer auf Messers Schneide mit den Dienstvorschriften befand, so dass ihm keiner etwas anhaben konnte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Auf dem Marsch vom Objekt zur Stellung mussten wir viele Male die Schutzmaske tragen - die man dann in der Mittagspause reinigen durfte um nicht zu viel Freizeit zu haben. Das wurde auch öfters kontrolliert und brachte dann irgendeine Dienstverrichtung außer der Reihe mit sich wenn die Maske nicht gereinigt war. Auch mit der Gewährung von Urlaub und Ausgang ging es streng nach Dienstvorschrift. So brauchte man sich vor Ablauf von 12 Wochen gar nicht mit dem Ausfüllen eines Urlaubsantrages zu beschäftigen. Auch der verlängerte Ausgang von Dienstende bis Dienstbeginn war genau von ihm nach DV geregelt.

Und so haben uns diese vielen kleinen Gängeleien das Leben nicht gerade leichter gemacht.

Hier erhielten wir auch unsere erste Schießausbildung. Von gedienten EKD`s erfuhren wir, dass man hier nur dann zum Wachdienst eingeteilt werden durfte, wenn man die Ausbildung an der Waffe erfolgreich absolviert hatte. Das bedeutet, dass man auf dem Schießstand die runde Scheibe und die sog. Halbmannscheibe zumindest getroffen haben musste. Eigentlich sollte es mir problemlos gelingen da ich in der GST bei den Sportschützen zumindest den Umgang mit Kleinkaliberwaffen gelernt hatte - ich aber keine Lust auf Wachdienst verspürte - habe ich dann trotz der eindringlichen Erklärungen wie man ein Ziel anvisiert - immer schön in den Dreck geschossen. So war ich dann der Einzige der auch nach dem Nachschießen nicht getroffen hatte.

Für das zweite Nachschießen wurde dann einer unserer Unteroffiziere zur Trefferanzeige beordert, der dann natürlich Treffer anzeigte, obwohl ich wieder danebengeschossen hatte. So hatte auch ich das Ausbildungsziel erfüllt und konnte zum Wachdienst eingeteilt werden. Da hatte man mich richtig ausgetrickst !

Während der normalen Ausbildung wurde uns auch einmal die Gefährlichkeit des Raketentreibstoffes demonstriert, indem man aus sicherer Entfernung die beiden Komponenten - Treibstoff und Oxydator - lediglich zusammenbrachte, was trotz der geringen Menge eine sehr hohe Flammensäule zur Folge hatte. So wussten wir jedenfalls über die Gefährlichkeit Bescheid.

Aus dem Grunde, dass man diese beiden Komponenten nur zusammen bringen musste um die Reaktion auszulösen, war auch die Lagerung von Treibstoff und Oxydator im Objekt räumlich recht weit entfernt.

Außer der normalen Ausbildung war dann regelmäßig der Politunterricht an der Reihe. Dieser Unterricht hatte vor allem die Aufgabe, die Stimmung und Meinungen in der Truppe festzustellen und auf die Linie von Partei und Regierung zu bringen. Dabei mussten wir auch ab und zu mal eine schriftliche Bewertung von politischen Vorgängen in Form einer Art Klausur abgeben. Hier erinnere ich mich noch an eine Begebenheit, bei der die Formulierung eines Kameraden aus unserem Zug ziemlich großen Wirbel verursachte.

Denn der Genosse Katzynski schrieb u.a.
".... und wenn es der böse kapitalistische Wolf wagen sollte, dass friedliche sozialistische Lamm zu reißen, dann werden wir ihn wie eine üble Spinne am Boden zertreten."

Dies ist nur eine kleine Passage die mir noch in Erinnerung geblieben ist. Jedenfalls wurde "Katze" - wie wir ihn nannten - zusammen mit unserem "Genossen Leutnant" und dem Gruppenführer zum Politoffizier ins Stabsgebäude befohlen. Später ist uns dann bekannt geworden, dass man "Katze" so richtig runderneuern wollte.

Nun hatte "Katze" aber nichts anderes gemacht, als Zeitungsauschnitte aus der "JUNGEN WELT" und anderen Publikationen ausgeschnitten und gesammelt , und dann in dieser "Klausur" entsprechend zusammen gestellt. Jedenfalls konnte man ihm zum Leidwesen unseres Kompaniechefs nichts anhaben und es gab danach keine derartigen schriftlichen "Prüfungen" mehr.

Wir konnten die eventuellen Folgen aus derart "nichtsozialistischen Haltungen" damals noch gar nicht richtig einschätzen. (das hätte auch "Schwedt" bedeuten können).

Wir waren ja alles Wehrpflichtige die eigentlich keine Lust darauf hatten, Soldat zu sein. Aber wir hatten es uns vorgenommen, wenn sich die Gelegenheit dazu geben sollte, es unserem Herrn Leutnant irgendwie heimzuzahlen.

Den Grundstein dazu konnten wir dann im Sommer 1963 legen, als unser Leutnant Erdbeer mit einer ausgewählten Mannschaft zum Raketenschießen in der SU war, und in diese Zeit seiner Abwesenheit eine Regimentsübung mit kompletter Raketenmontage, Betankung und Transport in die Feuerstellungen fiel.. Da dies unter der Leitung unserer beiden Unterleutnants - mit denen wir sehr gut klar kamen - stattfand, war unser Ziel, aus dieser Übung mit hervorragenden Ergebnissen hervorzugehen, was uns auch mit doppelter Normerfüllung gelang und zur Belobigung unsere Zuges führte. Das konnten wir nur schaffen, indem wir die Arbeitsabläufe nicht ganz so genau ausführten wie es vorgeschrieben war. Und so gab es dann auch mal ein paar Tage Sonderurlaub und andere Belobigungen.

Das Gegenstück dazu sollte uns dann aber erst später bei dem Manöver "Quartett" im Herbst 1963 gelingen. Das war ein Manöver im Rahmen des Warschauer Vertrages.

Bis dahin sollte aber noch einige Zeit vergehen. Wie das dann ausging, möchte ich etwas weiter hinten erzählen.

Wie eng die Grenze zwischen Bestrafung und Belobigung war, dazu habe ich auch ein Erlebnis, das mir noch in Erinnerung geblieben ist.

Es war irgendwann an einem Freitag im Frühsommer 1963. Der reguläre Dienst war vorbei, die Urlauber waren auf dem Weg nach Hause, die Ausgangskarten waren verteilt und die Wachmannschaften und 24 Stundendienste für das Wochenende waren eingeteilt. Unser Zug war zum Wachdienst von Sonntag zu Montag eingeteilt.

Mein Stubenkamerad - Soldat Gottleuber - hatte keine Wochenenddienste und so machte er sich - wie schon öfters geübt - im Trainingsanzug und einer Trainingskarte vom ASV-Straßgräbchen, die ihn erlaubte zu Trainingszwecken auf dem Sportplatz in Bernsdorf zu trainieren - auf den Weg. Wir wussten natürlich, dass er nicht auf den Sportplatz ging, sondern mit seinem Fahrrad zu seiner "Braut" in den Nachbarort nach Weisig fuhr. Das richtete er immer so ein, dass er kurz vor Wachwechsel am Freitag mit seiner Trainingskarte das Objekt verließ und dann aber erst nach dem Wachwechsel von Sonntag zu Montag wieder zurück kam. Die Wache, bei der er das Objekt verließ, war ja dann schon abgelöst und die neue Wache wusste ja nicht wann er zum "Training" gegangen war. So gab es keine Fragen "woher und wohin" .

Leider wurde am Sonnabend einer der zur Wache eingeteilten Genossen krank, und es musste ein anderer mit auf Wache ziehen, und dazu stand leider tatsächlich von unserem Zug nur der Genosse Gottleuber zur Verfügung.

Und da begannen die Probleme weil der Genosse Gottleuber ja eigentlich da sein musste aber nicht aufzufinden war.

Der UvD kontrollierte das Ausgangsbuch, der Spieß (unser Hauptwachmeister) sein Urlaubsbuch und auch eine Anfrage im Medpunkt gab keine Auskunft darüber wo er abgeblieben war. Wir wussten natürlich Bescheid, haben ihn aber nicht verpfiffen. Genosse Gottleuber war verschwunden !

So erging logischerweise eine Meldung durch den UvD an den Kompaniechef. Der machte dann wegen eventueller "Fahnenflucht" Meldung beim OvD im Stab und der wiederum informierte den sogenannten VO (Verbindungsoffizier zu Staatssicherheit). Da war in unserer Stube allerhand los, es wurde sein Spint aufgebrochen und darin ein Brief von seiner Braut gefunden, darin sie sich freute, ihn am Wochenende zu sehen.

Und so fuhren die Offiziere mit dem Fahrer vom Stab in Richtung Weisig - und da kam ihnen fröhlich radelnd der Vermisste entgegen. Da der Ort Weisig nicht zum Standort gehörte, war eine Bestrafung wegen unerlaubten entfernen vom Standort angesagt. Jedenfalls musste er wegen Personalmangels trotzdem mit auf Wache ziehen und konnte erst nach Ende des Wachdienstes und Ende der Vergatterung am nächsten Appell seine Bestrafung entgegen nehmen - das waren dann ein paar Tage "Bau", die er hier im Objekt in der Arrestzelle des Wachgebäudes absitzen sollte.

Soweit ist ja der Verlauf als normal zu bezeichnen, wenn da nicht gerade im Eingangsbereich des Objekts eine Straße der "Besten" eingerichtet werden sollte und dazu die entsprechenden Sockel gemauert werden sollten, wo dann zwischen zwei Stahlrohren große Bilder der "Besten" ausgestellt wurden. Genosse Gottleuber war von Beruf Maurer !!! Da lag es nahe, dass er statt sich in der Zelle "den Arsch auszuruhen" mit der Errichtung dieser Sockel beschäftig wurde.

Das war schon richtig komisch - während wir in voller Dienstbekleidung schwitzend an ihm vorbei in die Stellung marschierten - mauerte er mit freiem Oberkörper von einem Wachsoldaten beaufsichtigt seine Sockel.

Nun reichte aber seine Arrestzeit nicht aus um alles fertig zu stellen und da unserem Abteilungskommandeur Major Ansorg die bisherige Arbeit sehr gut gefiel, war er auch nach Ende seiner Arrestzeit bis zur Fertigstellung abkommandiert. Und so war er noch für eine ganze Zeit damit beschäftigt. Die Sockel wurden zur rechten Zeit fertig, und weil das ganz der Vorstellung von Major Ansorg und dem Kulturoffizier vom Stab entsprach, wurde er beim nächsten Appell wegen "guter Dienstdurchführung" mit drei Tagen Sonderurlaub belobigt !

Das gibt's nur bei der Armee !!

Im Zusammenhang mit der Wachdurchführung fällt mir noch ein Ereignis ein, das in einer Feuerstellung unseres Regiments passierte und uns als vorbildliches Verhalten dargelegt wurde.

Bei jeder Wachbelehrung wurde besonders das Verhalten gegenüber eventuellem Zusammentreffen mit den "ausländischen Militärmissionen" geschult. Eigentlich kennzeichneten Hinweistafeln in vier Sprachen die Zufahrtswege oder Waldschneisen, die zu unseren Objekten führten mit Hinweisen, dass die Durchfahrt für Militärmissionen nicht gestattet ist. Das waren irgendwelche Abkommen zwischen der Sowjetischen und den alliierten Streitkräften. So wie die sowjetische Militärmission in der Bundesrepublik agieren konnte, so konnten auch die amerikanischen und englischen Militärmissionen auf dem Gebiet der DDR agieren.

Bei diesen Belehrungen wurde immer wieder eindringlich darauf hingewiesen, dass jegliche Bedrohung mit der Waffe strengstens verboten war. Zur Kontaktaufnahme war nur die sowjetische Militärmission befugt. Wenn man aber bei Wachdurchführung Fahrzeuge der alliierten Militärmission feststellte, war man verpflichtet, dies sofort dem Wachhabenden zu melden - und man durfte, wenn man mit einem Fahrzeug unterwegs war, dieses so platzieren, dass die Militärmission nicht wegfahren konnte (was die aber überhaupt nicht beabsichtigten!).

Jedenfalls fanden diese Militärmissionen immer wieder einen Weg, der nicht beschildert war, und kamen so bis in die Nähe der Stellungen und machten dort "Picknick im Freien". (als die Stellung der Technische Abteilung Straßgräbchen noch im Aufbau begriffen war und noch keine Tore vorhanden waren, soll auch mal eine Militärmission zum Haupteingang herein und zu einem anderen Tor hinausgefahren sein! Danach sei es jedenfalls sehr schnell mit der Anbringung der Eisentore gegangen)

Zu so einem Zusammentreffen mit einer Militärmission kam es, als der Einsatzfahrer das Essen zur Wache in der Stellung brachte und er auf diesem Weg ein Fahrzeug mit ausländischen Kennzeichen im Stellungsbereich bemerkte. Er platzierte seinen LO-1800 so, dass dieses Fahrzeug nicht wegfahren konnte und ging im Laufschritt zur Wache und erstattete Meldung.

Da gab es dann genaue Festlegungen darüber wie die sowjetische Militärmission in Kamenz zu informieren ist. Die kamen dann auch und brachten den "Ausflug mit Picknick" zu Ende. Und da sich der Genosse Kraftfahrer so ausgesprochen vorbildlich gegenüber der Militärmission verhalten hatte (die haben sich aber gar nicht um ihn gekümmert) wurde er vorzeitig zum Gefreiten befördert und erhielt dazu noch eine Woche Sonderurlaub. Dieses Ereignis zeigt deutlich wie hoch der Stellenwert im Umgang mit den ausländischen Militärmissionen angesetzt war.

Von den vielen Erlebnissen aus dieser Zeit sind merkwürdiger Weise nur diejenigen in Erinnerung geblieben, die sonst nicht die Regel waren. Die Erlebnisse, in denen es einem so richtig dreckig ging, sind mir nicht mehr so bewusst.

Als ich in der TA Strassgräbchen/Bernsdorf meinen Dienst ableisten musste, war das gesamte Objekt und die Stellung noch recht neu. In Bernsdorf hatte man den Einwohnern erzählt, es würde eine Marmeladen- Fabrik gebaut, was natürlich keiner glaubte.

Ich kann deshalb nur schildern, wie das Objekt mir noch in Erinnerung geblieben ist. Es hat sich bestimmt viele Male baulich verändert.

Wenn man von der Landstraße nach Weisig dann nach rechts in den Wald abbog, kam man an den Haupteingang den KDP (Kontrolldurchlasspunkt).

Da war dann rechts die Wachbaracke und links gegenüber war ein kleiner Parkplatz für Fahrräder und die Motorräder der Unteroffiziere und der länger Dienenden. Daran schloss sich auf der linken Seite das Gebäude mit der Heizung und der Schlauchturm der eigenen Feuerwehr an. Dann das Sozialgebäude mit den Speisesälen für die Offiziere und Unteroffiziere und danach der Speisesaal für die Mannschaften. Dahinter befand sich die Küche mit den Vorbereitungsräumen, wo wir öfters zum Kartoffelschälen abkommandiert waren.

Nach der Wachbaracke, in der sich auch einige Arrestzellen und die Aufenthalts- und Schlafräume der Wache befanden, kam man an ein Gebäude, in dem sich der Kultursaal befand, wo auch Kinovorführungen stattfanden sowie eine kleine Verkaufsstelle für alles Mögliche, z.B. Briefmarken, Kragenbinden und Socken. Im ersten Stock darüber war das Offizierscasino, in das wir mit einer Ausgangskarte auch als Soldaten hinein durften. Im hinteren Teil des Gebäudes befanden sich dann noch Schulungsräume.

Gegenüber dem Sozialgebäude ging rechts ab eine schmale Betonstraße, an der standen ganz vorn das Stabsgebäude, danach die Unterkünfte für die Mannschaften. Hier war auch der erste Zug, dem ich angehörte, untergebracht. Im Erdgeschoß befand sich dann noch das Zimmer des UvD und danach die Waffenkammer. Im ersten Stock gegenüber dem Treppenaufgang war der Klubraum mit einem Fernseher, der nur einen Kanal hatte. In diesem Geschoß waren auch die Unterkünfte der Unteroffiziere. (Die Offiziere hatten im Objekt nur ihre Dienstzimmer und wohnten sonst in einem extra als Offizierswohnung gebauten Plattenbau außerhalb des Objektes.)

Im Dritten Gebäude waren die funktechnischen Dienste untergebracht. Das waren meist länger Dienende, zu denen wir kaum Kontakt hatten da sie ihre Technik im oberen Objekt in einem Tiefbunker hatten.

Nach diesem Gebäude kam die Unterkunft der Kraftfahrabteilung des Funktechnischen Dienstes, des Personals der Küche, der Heizung und was sonst noch als rückwärtige Dienste bezeichnet wurde.

Das letzte Gebäude war das Sanitätsgebäude, wo auch Schutzimpfungen und die sogenannte "Gesundheitskontrolle" zur Feststellung von "Sackläusen" und eingefangenen Geschlechtserkrankungen stattfanden. Hier waren auch die Krankenzimmer, und ich habe mir mal eine Woche "Krankenaufenthalt" verschafft als ich wegen eines Furunkels am Hals in den Medpunkt eingezogen bin und den dort vorhandenen aber nicht angeschlossenen Gewerbekühlschrank zum Laufen gebracht habe. Der leitende Oberleutnant war begeistert als er in der heißen Sommerzeit nun endlich auch kühle Getränke hatte. Zum Dank dafür gab es dann eine Woche verlängerten Krankenaufenthalt.

Diese Gebäude waren alle im gleichen Baustil gebaut und auch fast gleich ausgerüstet.

Die Hauptstraße weiter entlang vorbei am Stabsgebäude war die Kraftfahrzeugtechnische Abteilung mit den Reparatur und Instandsetzungshallen und die Fahrzeughallen der Funktechnischen Dienste. Weiter hinten befand sich dann die Notstromversorgung für die funktechnischen Ausrüstungen, die sich im benachbarten Bunker ziemlich tief in der Erde befanden. Dazu hatten wir eigentlich keinen Zutritt, und ich war nur einmal dort als ich einen mit meinem Lkw (MAS) aus Straußberg abgeholten Stromerzeuger dort abgeliefert habe. Das war ein recht großer Anhänger mit einer russischen Generatoreinheit.

Was die dort an ihren Funkgeräten gemacht haben kann ich nur vermuten. Die hatten aber auch Fahrzeuge mit großen mobilen Funkmasten, um die Funkverbindung zu anderen Kommandostellen der NVA aufrechtzuerhalten. Diese waren dann immer im Einsatz, wenn wir Verlegung ins Gelände übten.

Unsere eigentliche Tätigkeit fand in der sogenannten "Stellung" statt, die man nach Verlassen des KDP vom oberen Objekt nach kurzem Marsch erreichte.

Dort war auf der linken Seite die Wachbaracke. Gegenüber in einer separaten Umzäunung war der Gleisanschluss, über den kam auch neuangelieferte russische Technik.

Im Frühjahr 1964 kurz vor meiner Entlassung kam auch mal einer der Sonderzüge der NVA mit ranghohen russischen Offizieren.

Wenn man die Straße weiter nach unten ging, kam man an der Rückseite der sogenannten Halle 1 vorbei und weiter zu einem großen Platz mit einem großen Garagenkomplex. Hier waren die Transportfahrzeuge (TLF) vom russischen Typ SIL für die Luftabwehrraketen stationiert. Die Vergaser dieser mit Benzinmotoren angetriebenen Fahrzeuge hatten wir so eingestellt, dass man mit den Zugmaschinen ohne TLF-Nachläufer so ca. 100 kmh fahren konnte. Jedenfalls verbrauchten die Motoren so runde 100 Liter auf 100 Kilometer !

Wenn man vor dem Erreichen der Halle 1 halbrechts abbog, gelangte man zur Dienstbaracke des OvD, wo auch der diensthabende Kraftfahrer stationiert war. Daran schloss sich die Ladestation für die Lkw-Batterien an. Da wir mit den Spezial Lkw´s nur selten fuhren, mussten die Batterien oft nachgeladen werden. Der Batteriewart hatte jedenfalls den besten Job. Der war für andere Dienste immer unabkömmlich.

Gegenüber der schon genannten Halle 1, in der die Raketen in Behältern lagerten, und dort auch die erste Montage erhielten und funktionstüchtig gemacht und überprüft wurden, befand sich die Halle 4, in der die beiden Raketenstufen miteinander verbunden und der Sprengkopf und Detonator eingesetzt wurden.

An Hinterausgang dieser Halle wurden dann die fertig montierten Raketen auf die TLF (Transport und Ladefahrzeug) mit einem Autokran geladen.

Hinter dieser Halle 4 ging dann eine Straße zu den Unterstellplätzen der Lkw´s die zu unserem 1.Zug gehörten und mit denen wir Raketen in ihren Schutzbehältern zu transportieren hatten. Wir hatten aber auch Sprengköpfe und Detonatoren von den Lagerbunkern zur Halle 4 zu transportieren bzw. in Schutzbehältern wenn es eine Verlegung ins Gelände gab.

Nach der Verladung der Raketen am Ausgang der Halle 4 fuhren die Fahrzeuge zur Betankung. Die erfolgte in einem Treibstoffbunker, der am Anfang der oberen Straße war. Hier wurde der Treibstoff direkt in den Tank der Rakete gepumpt.

Zwischen dem Tanklager für Brennstoff und dem für Oxydator befand sich noch eine Anlage zur Neutralisierung der aus den Feuerabteilungen zurück gelieferten Raketen.

Danach erfolgte die Betankungsfahrt weiter zum nächsten Tankbunker wo der Oxydator in die auf dem TLF montierten Aluminiumtanks gefüllt wurde. Dieses Zeug war so aggressiv, dass es nur in Behältern aus Reinaluminium gelagert werden konnte und z.B. Eisen in kürzester Zeit zerfraß bzw. bei Hautkontakt es sehr schlimme Wunden gab.

Damit während des Transports in die Feuerabteilungen nichts passierte, wurde der Oxydator erst nach dem Umsetzen der Rakete vom TLF auf die Startrampe in die Rakete getankt.

Die Anordnung der Gebäude, Bunker und Montagehallen war so organisiert, wie es dem technologischen Ablauf bei der D1 und der D11 am besten entsprach. Das hat sich später mit Umstellung auf andere Raketentypen bestimmt verändert.

Hier in der TA erhielten wir natürlich auch die Ausbildung für den Zusammenbau und den Transport der Luftabwehrraketen vom Typ zuerst 1D später dann 11D.

Der technologische Ablauf begann in der Halle 1 indem wir vom ersten Zug die Rakete aus dem Transportbehälter zogen und auf dem Montagewagen abzusetzen hatten. Zu meiner Zeit befand sich immer ein einsatzbereiter Raketensatz von vier Raketen in jeder Feuerstellung und 16 Stück in der Halle 1 in den Transportbehältern.

Nach dem Entkonservieren ging die Rakete in der Halle 1 zur KIPS (Kontroll-und Prüfstation) zur kompletten Überprüfung der Raketensteuerung und zur Funktionskontrolle der Radareinrichtung, zur Zielfindung sowie der druckluftgesteuerten Flügel zur Steuerung der Rakete nach dem Abschuss. Dazu wurde ein in der Rakete befindlicher kugelförmiger Druckbehälter mit ca. 400 atü aufgeladen. Die dazu erforderlichen Kompressoren standen hinter der Halle 1. Hier wurde auch der Akku - der trocken vorgeladen war - geprüft. Dieser Akku wurde erst unmittelbar vor dem Abschuß aktiviert. Ich kann mich erinnern, dass einmal große Panik ausbrach, als ein eigentlich noch funktionsloser Akku schon Spannung abgab. Das hätte eventuell eine Katastrophe auslösen können !

In der Halle 4, in der ich hauptsächlich beschäftigt war, wurde die erste Stufe der Rakete mit den vier großen Flügeln komplettiert und an die zweite Stufe angeschraubt. Hier mussten die hinter dem Flüssigkeitstriebwerk der zweiten Stufe gekreuzten Spannbänder aus einer Magnesiumlegierung mit Drehmomentschlüsseln genau eingestellt werden. Nach dem Start der Rakete wurden diese Bänder beim Zünden der zweiten Stufe durchgebrannt und lösten dadurch die Arretierung zur ersten Stufe die daraufhin abgeworfen wurde.

Die erste Stufe bestand aus einem Feststofftriebwerk mit vielen eingesetzten Pulverstangen, deshalb durften wir nur mit Werkzeug aus Aluminium arbeiten .

In den vorderen Teil der Rakete wurde der ca. 300 kg schwere Sprengkopf eingesetzt. In diesen kam dann der Detonator der elektrisch gezündet dann den Sprengkopf zur Explosion bringen sollte. Die Zünd- und Steuerleitungen, die außerhalb der Rakete verliefen und über Steckverbinder die beiden Stufen verbinden, mussten zweifach mit unterschiedlichen Messgeräten und von verschiedenen Bedienern durchgemessen werden bevor die Steckverbinder zusammengesteckt werden durften.

Und das war auch gut so !

Einmal wurde bei einem Montagetraining eine Spannung auf einer Leitung festgestellt, was zur sofortigen Einstellung der Arbeiten an der Rakete führte. Erst nachdem die Ursache durch Spezialisten aus einem anderen Zug beseitig wurde, war die Gefahr vorbei. Hier hätte es bei Nichtbeachten dieser zweifachen Überprüfung zu einer Katastrophe kommen können.

Nach dem Verladen der Rakete auf das TLF war dann unsere Arbeit beendet. Wie der genaue Betankungsvorgang verlief, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls hatte das Betankungspersonal immer besondere Schutzanzüge zu tragen.

Da die Region, in der wir stationiert waren, sehr waldbrandgefährdet war, hatten wir auch einmal eine ganze Feuerabteilung während eines größeren Waldbrandes zu evakuieren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher ob es Groß Döbbern war.

Da mussten die Raketen von den Rampen und die gesamte Radartechnik während des Waldbrandes abgebaut werden. Da man durch die abgebrannten Bäume von der Straße bis in die Stellung sehen konnte, sollte die gesamte Technik in den Raum Leipzig verlegt werden. Es hat dann eine ganze Woche gedauert in der wir in unseren abfahrbereiten Fahrzeugen aushalten mussten. Das war bei der sommerlichen Hitze kein Vergnügen.

Zu einer Verlegung kam es dann aber doch nicht, da man die Stellung nicht aufgeben wollte. Der Sichtschutz sollte dann durch einen hohen Erdwall wieder hergestellt werden, und unser Einsatz dort war damit beendet.

Und dann kam im Herbst 1963 ein großes Manöver, an dem alle Armeen des Warschauer-Pakts teilnahmen. Ganz überraschend kam dieses Manöver für uns nicht. So etwas konnte nicht plötzlich losgehen und die Regimentsübung im Sommer, bei der wir mit sehr guten Ergebnissen abgeschlossen hatten, war eine der Vorbereitungen auf dieses Manöver.

Es ging zwar mit Alarm los, aber darauf waren wir ja vorbereitet damit nichts schief geht.

Da dieses Mal unser Genosse Leutnant die Arbeiten unseres Zuges leitete, war für uns die Gelegenheit gekommen, ihm etwas heimzuzahlen.

Ohne dass wir uns abgesprochen hatten, machte jeder von uns seine Arbeit genau nach Dienstvorschrift - was natürlich länger dauerte - und so erreichten wir nicht die gestellten Vorgaben. Die anderen Züge, die auf die von uns montierten Raketen warteten, haben dann ihre Aufgaben sehr schnell erledigt und sehr gute Ergebnisse erzielt. Ich kann mich noch erinnern wie unser Herr Leutnant in der Halle 4 nervös herumsprang.

Und so kam es wie es kommen musste - nachdem dann die Ergebnisse dieses Manövers ausgewertet wurden und unsere gezeigten Leistungen völlig im Widerspruch zu den vorher erzielten waren, geriet unser Zugführer in Erklärungsnot.

Der gesamte Zug musste zu einer Aussprache ins Stabsgebäude. Dort waren auch Offiziere vom Regiment aus Straußberg anwesend. Auf die Fragen wie es zu solchen Leistungsunterschieden kommen konnte, brachten wir unsere Meinung über die von unserem Leutnant ausgeübte "sozialistische Menschenführung" zum Ausdruck.

Wir hatten in unserem Zug einige die schon etwas älter waren als ich und die Argumente sehr gut vortragen konnten, und einen ganzen Zug bestrafen konnte man auch nicht.

Um es kurz zu machen - die erzielten Ergebnisse in den einzelnen Zügen waren die Grundlage für eventuelle vorzeitige Beförderung der beteiligten Offiziere ! Und so kam es, dass verschiedene Offiziere der anderen Züge Beförderungen, z. B. von Leutnant zum Oberleutnant erhielten und damit nun einen Dienstgrad höher waren als unser Leutnant Erdbeer, der nicht befördert wurde!

Unsere planmäßige Beförderung zum Gefreiten erhielten wir dann nach einem Jahr Dienstzeit im November19 63.

So verging die Zeit bis im April 1964. Kurz vor unserer Entlassung besuchte plötzlich eine hohe russische Militärabordnung unser Objekt. Die kam mit einem Sonderzug in unsere Stellung.

Jedenfalls wurde davor das Objekt gereinigt, die Eingangstore frisch gestrichen, die Tore der Halle 1 und 4 erhielten neue Anstriche, die Genossen der Feuerwehr hatten die Straßen zu reinigen, an verschiedenen Stellen der Mauerumgrenzung wurde der Tarnanstrich ausgebessert und der Wald wurde gekehrt.

Bevor die dann Eintrafen passierte noch Folgendes:

Es kamen in Begleitung von unseren Offizieren mehrere Personen in Zivil. Ich hatte Wachdienst in der Stellung und war zum Glück nicht für die Torwache eingeteilt. Jedenfalls wurden alle unsere Waffen entmunitioniert und die Patronen in die Steckbretter der Munitionskisten gesteckt, die dann versiegelt und abtransportiert wurden. Alle Waffen und Magazine wurden kontrolliert und wir zogen mit leeren Waffen auf Posten. Die Bewachung der Stellung wurde durch zivile Doppelposten mit Hunden übernommen. Das waren sicherlich Angehörige der Staatssicherheit. Irgendwie hatten die vermutlich Angst, dass etwas passieren könnte.

Von dem ganzen Besuch habe ich dann nicht mehr sehr viel mitbekommen.

Das war eigentlich das letzte besondere Ereignis an das ich mich erinnere. Und so verging die restliche Zeit bis zu unserer bevorstehenden Entlassung Ende April 64. Sehr viel hat sich aber bis zu unserer Entlassung nicht verändert.

Zu unserer EKD-Feier kurz vor unserer Entlassung hatte dann einer eine große Karikatur gemalt auf der ein Schulterstück des Leutnants mit einem geflügelt davon fliegenden dritten Stern dargestellt war.

Das war für uns eine Genugtuung.

Als wir am Entlassungtag mit dem LkW zum Bahnhof gefahren wurden haben wir am KDP noch die gesammelten Maßbandabschnitte rausgeworfen. Den letzten Kontakt zu meinen Kameraden hatte ich zu unserem Abschiedsessen in Dresden im Restaurant "Csarda".

Da ich nach dem aktiven Dienst nicht wieder zu Reserveübungen einberufen wurde, habe ich meine damaligen Kameraden nicht wiedergesehen und habe aber auch keinen Kontakt mehr gesucht.

Abschließend möchte ich nur noch anfügen, dass es in meinem Leben sicherlich auch ohne diesen Wehrdienst gegangen wäre. Viele Dinge haben jedoch trotzdem nützliche Eindrücke hinterlassen, die man ohne diese Zeit nie erhalten hätte.

Eine wichtige Erkenntnis ist mir jedoch geblieben, dass man viele Dinge nur in einer Gemeinschaft überstehen kann, und Gemeinschaft Dinge erreichen kann, die einem Einzelnen nie gelingen werden.

Chemnitz im Jahr 2012

 
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