Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen an meinen Grundwehrdienst
von 1976 bis 1978 in Retschow

Christian Schröder, Gefreiter
im Januar 2013

Ich habe erst seit Herbst letzten Jahres (2012) einen Internetzugang und im Verlauf des bisherigen Forschens, was ich von ihm haben könnte, kam mir u.a. die Idee, das es vielleicht im Netz Fotos über meine Grundwehrdienstzeit von Retschow geben könnte und habe 'Fla-Raketen der NVA' o.Ä. eingetippt und bin so auf die Seite LV-WV gelangt und die Erinnerungen wurden zum Teil wieder wach nach so langer Zeit. Ich fand ein Foto, wo ich auch abgebildet bin, und zwar auf dem 2. Foto von links der 4 Fotos über die Fla-Raketenabteilung 4324 in Retschow, der lange Lulatsch der den Unterkiefer etwas hängen lässt, ganz rechts in der hintersten Reihe des Fotos der Startbatterie.

Mein Vorgesetzter war damals Hauptmann Künzel, den ich in angenehmer Erinnerung habe. An den Namen meines Uffz. kann ich mich nicht erinnern.

Ich habe eben nur spärliche Erinnerungen an die Zeit. Leider erwischte man mich schon am ersten Tag der A-Kompanie in Sanitz mit einer Flasche Schnaps auf dem Rücken, die mir irgendeiner gerade erst in die Hand gegeben hatte und ab da war der Kohlenhaufen all abendlich mein bester Freund.

Als wir 'Neuen' dann mit unseren Soldatentragesäcken im Dez. 1976 in Retschow einrückten, zeigten uns 3 nette Gefreite aus ihrem Fenster bunt bemalte Schneiderbandmaße, die in lustigen Behältnissen untergebracht waren und es folgte eine alkoholgeschwängerte Anschnitt-Zeremonie, die, da in Unterhose und Tragegestell darzubieten ward, etwas an Würde für die 'Pagen' mangelte. Später erfuhr ich dann, das einer von denen keine persönliche Waffe haben durfte und für Wachen nicht infrage kam.

1977 zum Gefechtsschießen nach Kasachstan. Wir nahmen auf Rat unseres Uffz. Komplekte und Kaugummi mit, um es den polnischen und russischen Kindern beim Zwischenstopp zuzuwerfen und durften 15 Rubel umtauschen. Die Zugreise in Güterwaggons der DR nach Astrachan verlief ohne Zwischenfälle und während der wohl 3-wöchigen Fahrt mit Umladung und Umsteigen in Brest, hörten wir eine Musikkassette von Elton John rauf und runter mit dem 'Krokodilrock', brieten uns Spiegeleier auf dem Ofen und unser Oberleutnant, R. Rudolf ?, sagte: "Leg doch noch mal die Kassette von 'John Elton' ein". In den komfortableren russischen Reisewaggons lies ich mich immer wieder zum Schachspiel durch meinen Uffz. überreden und verlor ein Spiel nach dem anderen als Anfänger.

Einmal war Fremdschämen angesagt, nachdem ein paar russische Tee-Tassen verschwanden. Die peinliche Situation gegenüber den uns begleitenden russischen Offizieren löste Hptm. Künzel souverän. Als wir auf dem Schießplatz eintrafen, stach ein Uffz. mit seinem Messer auf einen Baumstamm ein. Sofort schritt Hptm.Künzel ein und der Uffz. bekam seine Leviten gelesen und die Umstehenden sahen ein, das Bäume hier sehr wertvoll sind. Neben uns waren dort auch noch andere Nationen zu Gast, so z. B. Vietnamesen die allerdings etwas mehr Kanoniere brauchten fürs Beladen der Startrampe. Allabendlich wurde auf dem Freigelände geschachert was nicht Niet & Nagelfest war, so z. B. 'ein kleines MiG-Modell aus Messing'! (ohne Worte) Wir hatten die Anweisung die Rakete gefühlvoll und nicht nach Normzeit auf die Startrampe zu kurbeln und waren beeindruckt vom Feuerstrahl und der Geschwindigkeit der Raketen, denn bis dato haben wir als Kanoniere (Ich war K2)nicht ahnen können, was in einer solchen steckt. Danach waren die Startrampen verkohlt und wir mit Drahtbürste, Besen, grüner Alkydharzfarbe und Pinsel bewaffnet, richteten sie kosmetisch wieder her bei bereits sehr kühlen Nachmittagen.

Als unser Heimfahrtzug (in Aschuluk?) nach dem Schießen abfahrbereit auf dem Gleis auf sein Signal wartete, diskutierten wir kurz, ob man sich nicht ein Raketentrümmerteil von einem Trümmerteil Haufen, den man durch das Abteilfenster sehen konnte, mitnehmen solle.

In gewohnt regelmäßiger Unkenntnis der konkreten Abfahrtzeit, stieg ich im damals schwarzen NVA-Trainingsanzug und Holzlatschen an beiden Füßen flugs aus, verlies unbeschadet die Gleise nebst Schotterbett, erreichte den erwähnten Wrackhaufen, suchte mir ein handliches Exemplar aus, geriet in Zweifel ob derer Sinnhaftigkeit, da setzte sich der Zug auch schon mit einem leichten Ruck und Quietschen in Bewegung. Er-fuhr-an! Ich erschrak, mein Puls erwachte aus dem Mittagsschlaf, ich lies das Teil fallen und stakste mit meinen Holzklapperlatschen so schnell ich konnte hinter dem Zug her und erreichte ihn mit Mühe. Hätte ich es nicht geschafft wäre ich heute vermutlich Kasache, meine Wohnung wäre eine Jurte und Jakmilch wäre mein Alltagsgetränk.

Bei einem kurzem Halt durch Russland kauften wir einem alten Mann, der sich im Gleisbett einen Verkaufsstand errichtet hatte, 2-3 Flaschen selbst gemachten Weines ab, nach deren Genuss wir allerdings den nächsten Morgen einen gehörigen Brummschädel hatten und resümierten, das der Wein wohl zu frisch gewesen sei.

Bei einem erneuten Halt auf einem Bahnhof mit Zugangsmöglichkeit zum Bahnsteig stieg ich aus um Rubel loszuwerden, weil es hieß: "Es wird ein längerer Zwischenstopp!" Ich überquerte die Straße vor dem Bahnhofsgebäude und betrat das Geschäft, sah aber außer russischen Großbonbons, wohl aus Caramel, in einer Linie und sehr spärlich auf den Glasfächern drapiert, weiter nichts in dem Laden und es kam mir schon etwas seltsam vor und begab mich dann eilig, unverrichteter Dinge, wieder zurück mit einer Erfahrung reicher, dass es uns in der Heimat DDR nicht allzu schlecht ging.

Als wir wieder nach Retschow zurückkamen, waren die 'zu Hause' gebliebenen sichtlich von den vielen Wachdiensten gezeichnet und konnten kaum lächeln.

Ein außergewöhnliches Erlebnis hatte Soldat Marschner (Kraftfahrer) von unserer Stube, er kam einmal aus dem Heimaturlaub und lächelnd sagte er zu uns: "Ratet mal, wer mich eben mit seinem Wartburg ein Stück des Wegs von Bad Doberan bis hierher mitgenommen hat?" Natürlich viel uns niemand ein, hätte ja sonst wer sein können. Er antwortete: "Der Schlagersänger Frank Schöbel!" Er hätte angehalten und ihn gefragt, ob er ihn mitnehmen könne, und teilte ihm während der Fahrt mit, das er ein kleines Ferienhäuschen in der Nähe hätte, zu dem er fahre. Wir haben nicht schlecht gestaunt und uns gefragt, warum wir ihm nicht begegnet waren.

Eines kalten Herbstabends erneuerte ich in Eigeninitiative 3 fehlende Hammer-Befestigungsbänder des Klaviers, welches in einem Nebenraum des Kinos stand, und Hptm. Splettstößer 'erwischte mich' und fragte, ob ich denn dafür ausgebildet sei, welches ich verneinte und auf die Einfachheit der Reparatur hinwies.

Einmal wollte man uns Soldaten etwas Gutes tun, indem Friseurinnen zu einem Tanzabend eingeladen wurden. Der Termin wurde aber sehr ungünstig gewählt, was den benötigten Sold betraf, denn es gab ja nichts umsonst, so dass es eine eher etwas peinlichere Veranstaltung für uns wurde, weil sich die holde Weiblichkeit einen Flat-Getränkeabend vorgestellt hatte, so wie man sich heutzutage ausdrückt.

Gerne erinnere ich mich daran, dass es in der MHO ab und an LPs, zum Beispiel von 'SMOKIE' zu kaufen gab.

Zu den Fotos: Tja, 'fotografieren ist einfach und kostet nicht viel' grübelte ich, während ich an die Decke starrte. Aber in der Fla-Raketenabteilung? Die Zeit müsste ich eigentlich festhalten, aber das Risiko und wer entwickelt den Film? Mmmmh, was mach ich, mach Ichs oder mach Ichs nicht, hatte man mich doch schon mal erwischt. Schließlich nahm ich meinen Mut zusammen und nahm meine Beirette SL-200 mit nach Retschow. Wie sie ins Objekt gekommenen ist, weiß ich heute nicht mehr. Offensichtlich hat mich keiner von den Fotografierten verraten, was ich für ein Glück hatte. Und den NP-20 entwickelte ich später selber und die Abzüge auch. Na und heute mit PC, Scanner und Photoshop ausgerüstet, was soll da noch schiefgehen.

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