Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen 3

Kalinin 1984, heute Twer

In der Stadt Kalinin, heute wieder Twer genannt, befindet sich die Militärakademie der russischen, damals der sowjetischen Luftverteidigung. Hier wurden die Führungskader der Luftverteidigung des gesamten Warschauer Vertrages ausgebildet. Ich war in einem sogenannten HAK, einem höheren akademischen Kurs für leitende Offiziere an dieser Akademie. Solche Kurse wurden regelmäßig durchgeführt, um die neuesten Erkenntnisse zur operativen und strategischen Führung der Luftverteidigungskräfte des Warschauer Vertrages zu vermitteln. Der Kurs begann Mitte April, die Wolga war schon eisfrei, und endete Mitte Juni 1984.
Mit mir waren Peter S. und Bernd D. aus der 3. LVD Angehörige dieser Gruppe. Wir waren auch gemeinsam zu dritt im Wohnheim der Akademie untergebracht. Peter S. hatte einen großen Vorteil. Er hatte hier studiert, seine Frau kennen gelernt und deren Stiefmutter wohnte im Stadtteil Sa Twerzoi. Ich habe Anna Fjodorowna als eine sehr warmherzige und tatkräftige ältere Frau kennen gelernt, die wunderbar kochen konnte.

In den acht Wochen des Aufenthaltes bin ich jeden Morgen an der Uferpromenade der Wolga nach Süden folgend gelaufen. Es war herrlich. Wir waren Selbstverpfleger. Morgens und abends haben wir auf dem Zimmer gegessen. Mittagessen gab es in der Akademie. Das Einkaufen war nicht so einfach, denn die Versorgungslage in Kalinin war zu dieser Zeit nicht die beste. Die Art des Einkaufens war eine andere als bei uns zu Hause in den Kaufhallen. Hier musste man zunächst auswählen, dann den Bon an der Kasse bezahlen und schließlich die Ware abholen.
An die Ausbildung in diesen Wochen erinnere ich mich kaum noch. Es ging um verschiedene Waffensysteme der Luftverteidigung und ihren abgestimmten operativen Einsatz. Neue Erkenntnisse zum Luftgegner und Erfahrungen zum Einsatz der Fla-Raketentruppen in Vietnam wurden vermittelt.
Den 1. Mai, den Kampftag der Werktätigen, erlebten wir 1984 in Kalinin im Marschblock der Akademie. Damit der Demonstrationszug nicht gestört wurde, hatte man die Seitenstraßen mit LKW abgesperrt.
Die Straßen waren voller Menschen. Überall wurde musiziert, gesungen und getanzt. Es war ein wirkliches Volksfest. Die Wolga hat in Twer schon eine Breite von 600 Metern und eine starke Strömung. Der Nebenfluß Twerza, der Twer den Namen gab, mündet hier in die Wolga. Die Wolga ist bei Kalinin mäßig von Schiffen befahren. Am Tage ca. 4 - 6 je Stunde. Dennoch muss man sehr genau aufpassen, wenn die Wolga durchschwommen werden soll. Ich habe es vier Mal im Juni getan. Das Wasser war 19 C warm und sehr angenehm. Es war sehr viel sauberer als bei Astrachan, wo die Wolga zu einer Kloake verkommen ist. Kalinin liegt an der Eisenbahnverbindung Moskau - Leningrad. Es ist näher nach Moskau und von hier noch mit der Elektritschka, einer Moskauer Vorortbahn, erreichbar. Das haben wir genutzt, obwohl es verboten war. Am Wochenende sind wir los und haben die Allunionsausstellung in Moskau besucht.
Am zweiten Wochenende im Mai war Bergfest. Wir bestellten einen Bus der Akademie, um ins Grüne zu fahren. Zunächst musste das Ganze vorbereitet werden. Die Getränke und Brot waren schnell beschafft. Was wir brauchten war, Fleisch für Schaschlyk und Gemüse für Sakuska. Die Versorgungsstelle der Akademie zeigte sich überfordert, also mussten wir auf den Rynok (Markt). Der Fleischeinkauf war nicht ohne. Es gab alles, aber der Anblick war gewöhnungsbedürftig. Ich sagte zu meinem Mitstreiter, ich glaube als letztes haben die Schweine eine Handgranate gefressen, die dann gezündet wurde.Die Regeln deutscher Fleischzerlegung waren hier unbekannt. Wir kauften dennoch 10 kg Schwein, zerlegten es und schnitten daraus mundgerechte Stücke für die Grillspieße. Das alles wurde kräftig gewürzt und mit Zwiebeln eingelegt. Das bergfest war ein toller Nachmittag am Ufer der Twerza. Aus Kiefernstämmen und dem Draht einer Hochspannungsleitung, der von einer Reparatur zurückgeblieben war, entstand unser Grill. Die Schaschlyk und das Sakuska schmeckten ebenso gut wie Wodka und Bier. Bernd und ich nutzten die Gelegenheit in der blitzsauberen Twerza für das Jahr 1984 anzubaden.
Die Verbindung zur Heimat konnten wir per Brief und Telefon halten. Das Telefonieren war, wie in der Sowjetunion üblich, etwas umständlich. Man musste zur Hauptpost in Kalinin gehen und ein Gespräch in die DDR zur gewünschten Telefonnummer für eine bestimmte Zeit anmelden. Dann musste man zu dieser Zeit auf der Post sein und wenn man Glück hatte, wurde man ausgerufen und konnte mit seinen Lieben telefonieren.
So gelang es auch mir irgendwann im Mai 1984 eine Telefonverbindung zu mir nach Haus in Stallberg zu erhalten. Nach dem Austausch lieber Worte mit meiner Verotschka sprach meine Tochter Katrin mit mir. Sie teilte mir mit, eine große Überraschung für mich zu haben, die sie mir aber nur schriftlich mitteilen würde. Ein lieber Kuss und Schluss. Wenig später traf ein Brief ein und das Geheimnis war gelüftet. Ich werde Großvater. Meine Tochter war schwanger. Sie stand vor dem Abitur und die Geburt des Kindes wurde im November erwartet, also kurz nach der Immatrikulation für ihr Studium an der Uni Rostock. Damit waren erst einmal alle operativen Probleme der Luftverteidigung des Warschauer Vertrages bedeutungslos geworden.


 
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