Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen 4

Das Ende

Es gab viele Anzeichen, an denen man ablesen konnte, wohin wir uns bewegten. Ganz weit weg von dem, was einmal war und hin, nicht zur Bundeswehr, sondern ins Nichts. Es war der Zeitpunkt gekommen, an dem der verantwortungsbewusste Kapitän seiner Mannschaft zuruft "rette sich wer kann !" Dieser Ruf blieb bei uns aus. Die Begegnungen mit den Angehörigen der Bundeswehr waren darauf ausgerichtet, uns zu beruhigen. Konkrete Antworten zur Zukunft gab es weder von ihnen noch von unserem Minister "VerEppelmann" wie ihn viele nannten. Ich nahm an drei Begegnungen mit Generalmajor Sasse, Kommandeur der 4. LWD, teil. Ein gebildeter und verständnisvoller Offizier, der die ihm zugewiesene Aufgabe sehr genau erfüllte, unser Vertrauen gewann und uns ruhig stellte.

Während der Bestandsaufnahme konnten wir viele interessante Gespräche mit unseren Berufskollegen aus der Bundeswehr führen. Sie waren sehr erstaunt über den Grad der Gefechtsbereitschaft und den Zustand, in dem sich die Einheiten der 43. FRBr. und des FRR-13 zum Zeitpunkt ihres Eintreffens noch befanden. Diese hohe ständige Gefechtsbereitschaft war ihnen unbekannt. Der Zustand der Unterbringung und Ausstattung fand dagegen ihr eindeutiges Missfallen. Es endete in der üblichen deutschen Arroganz des Urteils - "wir sind in der NATO die Besten, ihr seid es im Warschauer Vertrag." "Gewesen", sagte ich, in Wehmut zurückblickend. Oberst Metzler übermittelte am 28.08.90 die Weisung die Hochspannungssicherungsanlagen für die Objekte der FRT abzuschalten und am 31.08.90 kam auf der Linie der Gefechtsstände der Befehl, das Diensthabende System der Luftverteidigung zu beenden.
Im September 1990 ging die Ära der Luftverteidigung der DDR zu Ende. Auf der Grundlage des Befehls 35/90 von Herrn Eppelmann wurden die Fla-Raketen entladen und enttankt und zur Konversion übergeben. Der Fla-Raketenkomplex S-300 PMU wurde als sensible Technik an die Sowjetarmee am Standort Olympisches Dorf zurück gegeben. Wenig später erließ Herr Eppelmann bereits seinen letzten Befehl, den Befehl 48/90 vom 21.09.1990 über die Bildung gesamtdeutsche Streitkräfte.

Alles was man von uns verlangte, taten wir nicht mehr aus Überzeugung, wir erfüllten einfach unsere Dienstpflichten. Die Lage in den Fla-Raketenabteilungen war traurig, die Stimmung bei den Soldaten und Unteroffizieren, soweit sie noch da waren, wurde von der Fragestellung bestimmt, "was wird, wenn wir nach Hause kommen ?" Die Berufssoldaten und Zivilbeschäftigten stellten die Frage, "wie lange noch ?" Und auf alle Fragen hatten wir als Vorgesetzte keine Antworten und nach dem 03.10.1990 hatten wir auch keine Befugnis mehr, danach zu suchen. Die über 50jährigen Offiziere konnten bereits vor dem 03.10.90 mit einer besonderen Versorgung den Dienst verlassen. In meinem Bereich waren das Oberst Schaarschmidt und Major Gnilitza. Als sie der noch Generalmajor Schwipper am 30.09.1990 mit den Worten "...und wir sind doch die Sieger der Geschichte!" verabschiedete, schüttelten sie empört und verständnislos die Köpfe. Am 01.10.1990 wurde unser Kommandeur, Generalmajor Bernd Schwipper, so wie andere Generale zum Herrn Eppelmann bestellt, der den Enthauptungsschlag gegen die Nationale Volksarmee ausführte. Alle Generale, bis auf wenige Ausnahmen wurden mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand versetzt. Als ich davon erfuhr, ergriff ich die Initiative zu einer Intervention beim Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost, Generalleutnant Schönbohm, die alle Stellvertreter der 3. LVD unterzeichneten. Natürlich ohne Erfolg.

Zum Abschied von der Nationalen Volksarmee versammelten sich alle Angehörigen meines Bereiches am 01.Oktober 1990 zu einem festlichen Abendessen in der Lohmühle zu Neubrandenburg. Es war ein trauriger und schwermütiger Abend, der seitdem an jedem ersten Freitag im Oktober wiederholt wird. Aus den Objekten der Fla-Raketenabteilungen wurden Asylantenheime und Obdachlosenasyle oder sie wurden wie die Feuerstellung der FRA-4332 in Nienhagen wegen des interessanten Grundstückes ganz geschliffen. Kurz vor Weihnachten fielen die Entscheidungen - wer bleibt und wer geht. Im Stellvertreterbereich FRT blieben nur zwei, Oberstleutnant Joachim Thomas und meine Sekretärin Frau Brandt. Alle anderen wurden in den Ruhestand versetzt.
Am 17.12.1990 gab ich meine letzte Meldung zum Stand der Auflösung des Bereiches A3b ab und ließ mir meine Abmeldung auf dem persönlichen Laufzettel bestätigen. Frohe Weihnacht 1990 !

 
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