Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Gedanken zum Abschluss meiner Dienstzeit als
Offizier der Fla-Raketentruppen


Autor Siegfried Horst, Oberst a.D.

Mein militärisches Leben begann am 28.08. 1962 und wurde am 19.12.1990 beendet. Ich begann mein Berufsleben freiwillig in einer, von mir gewählten Armee und wurde gegen meinen Willen aus einer Wehr, entlassen. Seit den Wahlen im Frühjahr 1990 hatte ich keine anderen Erwartungen. Ich wusste , der Dienstgrad Oberst und 28 Jahre SED, das war mit der Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland nicht vereinbar. Ich wurde, wie viele, von den Siegern der Geschichte fair behandelt. Nicht allen erging das so. Manche wurden stigmatisiert. Mit dem Stigma Stasi oder Bonze hat man, wie in Deutschland üblich, Vorverurteilungen vorgenommen, die für einen Rechtsstaat unwürdig waren und sind. Wer gegen das Recht der DDR oder der BRD gehandelt hat, soll zur Verantwortung gezogen werden. Aber Mitarbeiter eines staatlichen Organs mit Rentenkürzung zu bestrafen, das ist Unrecht. Wer hat den Angehörigen der SS oder Gestapo in der Bundesrepublik die Rente gekürzt ?

Ich habe mir im Verlaufe der Niederschrift meiner Erinnerungen verschiedene Gedanken zum Erlebten gemacht und möchte zum Abschluss einige aufschreiben. Eine erste Frage, die mich immer wieder beschäftigt hat, ist , war die Entstehung und Entwicklung der FRT zwingend notwendig? Meine Antwort ist, ein eindeutiges Ja. Die Entwicklung der Haupt-Waffensysteme fand nach dem 2. Weltkrieg ausschließlich in den USA und der Sowjetunion statt. Alle heute beachtenswerten Waffensysteme dieser Art kommen aus den USA und Russland. Mit dem S-400 Favorit hat die Verteidigungsindustrie Russlands die Amerikaner deutlich überflügelt. Die Ursachen dafür liegen in den grundsätzlichen Unterschieden der amerikanischen und russischen Militärdoktrin. Die amerikanischen Ziele nach dem 2. Weltkrieg bestanden in der weltweiten Sicherung ihres Einflusses und der Zurückdrängung des Kommunismus in allen Teilen der Welt. Das erforderte Streitkräfte mit hoher Beweglichkeit und Schlagkraft. Die Amerikaner setzten, ausgehend von den Erfahrungen des 2. Weltkrieges, vor allem auf starke Luftstreitkräfte und auf Seestreitkräfte von hoher Bereitschaft und Stärke. Das ganze wurde natürlich ergänzt durch die strategischen Komponenten, die hier nicht betrachtet werden sollen.
Die aggressivsten Instrumente waren und sind die Flugzeugträger, als Synthese von Luft- und Seestreitkräften. Ein Flugplatz mit hundert Flugzeugen und bis fünftausend Menschen, der in 24 Stunden seinen Standort um 1.000 km verändern kann, das ist nicht nur ein militärisches sondern vor allem ein politisches Instrument des aggressiven Handelns. Die Sowjetunion ging bei der Entwicklung ihres strategischen Potentials zu großen Teilen die gleichen Wege wie die Amerikaner. Nicht so bei der Entwicklung der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung. Hier gingen die sowjetischen, heute russischen Militärs, eigene Wege. Gab es anfangs noch Ähnlichkeiten, so setzt die NATO heute vorrangig auf die Flugzeuge bei der Luftabwehr. Die FlaRak-Systeme sind die Ausnahme. Die Hauptkomponenten der bodenständigen Luftverteidigung Russlands sind heute die Systeme S-125, S-200, S-300 PMU und S-400 Favorit und S-75 als auslaufendes Model. Sie wurden und werden in großer Zahl für die eigene Luftverteidigung und das interessierte Ausland produziert. Siehe www.rusarm.ru !

Historisch gesehen mussten die Fla-Raketensysteme nach dem 2. Weltkrieg besonders in der Sowjetunion entstehen. Die NATO setzte eindeutig auf starke Fliegerkräfte in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, später mit dem Warschauer Vertrag. Die Höhe und Geschwindigkeit der Flugzeuge hatten schon am Ende des 2. Weltkrieges der Flakartillerie das Leben schwer gemacht. Es musste etwas Neues her, um die immer höher fliegenden Luftziele vom Himmel zu holen. Als das dann mit dem Abschuss der amerikanischen U-2 von Garry Powers auch noch spektakulär durch sowjetische Fliegerabwehrraketen demonstriert wurde, war die Entwicklung der Fla-Raketensysteme auf den Weg gebracht. Ich hatte an der Entwicklung keinen persönlichen Anteil. Als Offizier der Fla-Raketentruppen der NVA habe ich alle bis 1990 eingesetzten Fla-Raketensysteme kennen gelernt. Auf dem Staatspolygon der UdSSR konnte ich an zahlreichen Gefechtschießen mit allen Komplexen teilnehmen. Nur eins musste ich nicht, den Befehl zur Vernichtung eines Flugzeuges mit Menschen an Bord ausführen oder selbst geben. Ich bin sehr froh darüber, dass es uns in all den Jahren des Kalten Krieges gemeinsam mit den in der DDR stationierten sowjetischen Truppen gelang, den Luftraum sicher zu schützen. Mir war immer klar, wenn die FRT schießen, hat der dritte Weltkrieg begonnen. Durch das Gleichgewicht der sich gegenüber stehenden Kräfte wurde das verhindert. Die Erfahrungen der Gefechtseinsätze der FRT in aller Welt, besonders im Nahen Osten und Vietnam zeigten, dass durch gezielte Maßnahmen der Fliegerkräfte die Effizienz der FRT sehr eingeschränkt werden kann. Die Handlungen der NATO-Fliegerkräfte gegen Jugoslawien haben gezeigt, dass Luftschläge sehr genau vorbereitet werden. Durch umfassende Aufklärung der Luftverteidigungsmittel und die Zerstörung der Luftverteidigungskomplexe, vor dem Einsatz der Fliegerkräfte, durch Marschflugkörper und Luft-Boden-Raketen großer Reichweite schaffte man den NATO-Fliegerkräften optimale Bedingungen und garantierte so minimale Verluste.
Die alten Systeme der FRT S-75, S-125 und S-200 haben einen großen Nachteil dieser Generation offenbart. Sie waren zu unbeweglich. Das Herstellen der Marsch- und Gefechtslage dauerte zu lange und war zu kompliziert. Die neuen Systeme S-300 PMU und S-400 Favorit sind um ein Vielfaches manövrierfähiger und können in 24 Stunden ohne großen Aufwand über 400 km Entfernung verlegt werden, wenn das Personal gut ausgebildet ist.
Es war unser Ziel, in den FRT der DDR die am besten ausgebildeten Soldaten, Unteroffizier, Fähnriche und Offiziere in den FRT des Warschauer Vertrages zu haben. Und wir hatten sie. Ausbildungsjahr für Ausbildungsjahr begann der Kampf um dieses Ziel aufs Neue. Messlatte dafür waren die Gefechtsschießen in Aschuluk und die Vergleichskämpfe mit unseren sowjetischen Partnern in der DDR. Ich will nicht überheblich und arrogant sein, aber wir waren gut.
Bei einem Besuch kurz vor dem Beitritt der DDR zur BRD 1990 im Stab der Luftwaffendivision in Aurich, sagte mir der für die FlaRak-Kräfte Verantwortliche " ihr seid die Besten im Warschauer Vertrag, wir sind es in der NATO - besser als die Russen und besser als die Ami´s". Wenn das keine deutsche Überheblichkeit war. Übrigens ich hatte Vergleichbares schon mal gehört. Am Ende der siebziger Jahre, ich war Regimentskommandeur in Stallberg, und musste den Militärattache´ der Nordkoreanischen Botschaft zu einem Höflichkeitsbesuch empfangen. Am Ende des Gespräches äußerte dieser " ihr seid die Preußen des Westens, wir sind die Preußen des Ostens." Als ich zu lachen begann, fragte er irritiert " ist es nicht so?" Der begleitende Offizier des vorgesetzten Stabes drängte zum Aufbruch und ersparte mir so eine Antwort. Ich halte viel vom Preußentum, aber das Militär mit seinem Kadavergehorsam und Kasernenhofdrill waren nicht meine Vorbilder. Gneisenau und Scharnhorst schon.

Noch einmal zurück zur Beweglichkeit meiner Waffengattung. Es gab eine gleichartige Waffengattung bei den Landstreitkräften, die sehr wohl beweglich war mit ihren Fla-Raketenkomplexen Kub, Krug und Osa. Ich habe es nie verstanden, warum zwei Entwicklungen parallel zu einander vorangetrieben wurden, ohne miteinander zu kooperieren. Es gibt nur eine Erklärung, der Militärisch - Industrielle - Komplex in der Sowjetunion wollte es so. Heute scheint es auch hierbei Fortschritte zu geben. Die neuesten Fla-Raketenkomplexe deuten darauf hin. Eine umfassende Darstellung, was diese Komplexe heute der Welt anbieten, findet man unter der Bezeichnung Rosoboronexport bzw. unter der web-Adresse www.rusarm.ru.
Die Manövrierfähigkeit, die wir damals nicht hatten, ist heute vorhanden. Während wir mit gut ausgebildetem Personal mehrere Stunden benötigten, um den Marsch in einen neuen Raum zu beginnen, brauchen die heutigen Systeme der russischen Luftverteidigung nur noch fünf Minuten für das Herstellen der Marschlage.
Da wir nicht beweglich genug waren, mussten wir unsere Menschen und die Technik so gut wie möglich schützen. Das begann 1966 nach den ersten großen Verlusten im Nahen Osten und endete nie. Das Zauberwort hieß Truppeneigenleistung. Bis auf wenige Ausnahmen, wie die neue Feuerstellung für die FRA-132, war alles vertretbar, weil unsere Stellungen, bei einem überraschenden Angriff, erstrangige Angriffsziele waren. Die Errichtung von Schutzbauwerken, die vor Kernwaffen und chemischen Kampfstoffen schützen sollten, waren dagegen purer Unsinn und Geldverschwendung.

Abschließend möchte ich nochmals nachdrücklich betonen, ich war meinem Heimatland, der DDR eng verbunden. Als ich in die Streitkräfte dieses Landes eintrat war ich von der Notwendigkeit seines Schutzes überzeugt. Mein Ziel war es zu lernen und zu arbeiten, um ein guter Soldat zu werden und Karriere als Offizier zu machen. Am Ende meiner militärischen Laufbahn 1990 konnte ich feststellen, ich habe mein Ziel erreicht. Wäre ich im Westen Deutschlands aufgewachsen, hätte ich sicher einen ähnlichen Weg genommen.
Besonders wichtig ist mir die Feststellung, dass ich in den 28 Jahren meiner militärischen Tätigkeit, weder auf dem Territorium der DDR noch in anderen Ländern an Kriegshandlungen teilnehmen musste.

Ich danke allen ehemaligen Genossen und heutigen Kameraden, die meinen militärischen Weg begleitet haben. Besonders jenen, die in den letzten Monaten meine Erinnerungen mit Personen, Fakten und Zahlen unterstützten.

 
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