Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Erinnerungen an die Militärakademie in Kalinin

Burghard Keuthe

Der erste Eindruck

Die "Elektritschka" rollte auf dem Bahnhof in Kalinin ein. Gespannte Blicke aus dem Waggonfenster. Wie sah die Stadt aus? Was würde mich erwarten? Ein uniformierter deutscher Offiziershörer im höheren Semester stand Ausschau haltend nach den drei Neuankömmlingen auf dem Bahnhof. Wir wuchteten unsere schweren Koffer, in dem unsere lebensnotwendigen Habseligkeiten für das nächste halbe Jahr verpackt waren, aus den Waggons und begrüßten uns. "Wir fahren mit der Straßenbahn!" bemerkte der uns Begrüßende mit einem Seitenblick auf unsere Koffer. Na, dann - auf zum Ausgang des Bahnhofs. Mit jedem Schritt rutschte der Plastegriff des schweren Koffers ein kleines Stück aus der Hand. Doch die anderen warteten nicht. Der Koffer wechselte in die andere Hand und ich schritt wieder vorwärts, die anderen überholend, die nun das gleiche Probleme zu bewältigen hatten. Der lange Bahnsteig verlangte so einiges an Kräften ab. Wir durchquerten die Bahnhofshalle, drückten die Außentür auf und standen mit einem Mal mitten im Treiben des Bahnhofvorplatzes. Kreischend drehte eine altertümliche Straßenbahn, wie sie mir von Bildern des Vorkriegs-Russlands in Erinnerung war, eine Runde auf dem Platz und näherte sich in den Schienen wackelnd der Haltestelle. "Das ist nicht unsere! Wir müssen mit der 9 fahren!" Nach und nach zerstreuten sich die mit dem Zug angekommenen Passagiere auf dem Platz. Wir standen wartend an der Haltestelle und hatten Muße, die ersten Eindrücke auszutauschen. "Die Stadt scheint recht groß zu sein." "Kannst du vergleichen mit Magdeburg." "Ja, Straßenbahn haben sie auch. Nicht nur die alten Modelle!" meinte unser Betreuer. "Damit kommt ihr in Kalinin überall hin, nur nicht zur Akademie." Mein Blick fiel auf eine Reihe junger Bäume, die alle aus großen viereckigen Löchern in der dicken Bitumenschicht des Fußgängerbereiches ragten. Ich stieß meinen Nebenmann an: "Da liegt einer, dem müssen wir helfen!" Ein regloser, in dunkle Sachen gekleideter Mann, fast nicht vom Bitumen zu unterscheiden, hatte sich in einem dieser Loch um einen Baumstamm gekringelt. Der Begleiter hielt mich gerade noch am Arm fest: "Bist du verrückt? Der Mann ist besoffen. Dem können wir nicht helfen. Wenn du hier einem Suffkopf hilfst, wirst du selbst als solcher angesehen! Du bist in Uniform!" Ein verständnisloser Blick von mir. "Das ist hier so. Der wird bald von der Miliz eingesammelt!" Bei entsprechend zur Verfügung stehender Zeit hätten wir dieses Schauspiel bestimmt mitverfolgen können. Die nächsten Jahre boten genügend Gelegenheiten, das Einsammeln herumliegender, sinnlos Betrunkener durch die Miliz zu beobachten.

Die sowjetische Militärakademie der Truppen der Luftverteidigung in Kalinin (Twer) Die Militärakademie bildete Kommandeure der Luftverteidigung aus und stellte außerdem das wissenschaftliche Zentrum der Luftverteidigung zur Untersuchung von Problemen und Zusammenhängen in der operativen Kunst und Taktik dieser Waffengattung dar. Selbstverständlich basierte das zu lehrende Luftverteidigungssystem auf den jeweils im Dienst stehenden Fla-Raketenkomplexen sowjetischer Produktion. Im Jahre 1974, nach dem Tod des sowjetischen Marschalls Georgi Konstantinowitsch Shukow, erhielt die Akademie dessen Namen. Der Kommandeur dieser militärischen Einrichtung war in der Mitte der siebziger Jahre der Marschall Simin. Er flog im 2. Weltkrieg als Pilot der Luftverteidigung Einsätze gegen die Deutschen und blieb in mehreren Luftkämpfen Sieger. Die Akademie unterteilte sich in acht verschiedene Fakultäten mit unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen, wobei eine den ausländischen Hörern vorbehalten war. Die Vorlesungen für die Ausländer wurden ausschließlich in russischer Sprache gehalten. Das setzte die Beherrschung dieser Sprache voraus. Aus diesem Grunde fügte man für die deutschen Hörer zusätzlich zum dreijährigen Studium ein Jahr für den sogenannten Vorbereitungskurs an, zum Erlernen der russischen Sprache. Jeder, der hier studierte, mochten seine Russisch-Kenntnisse zuvor noch so schlecht sein, beherrschte nach diesem einen Jahr die Sprache. Das war ein wesentlicher Unterschied gegenüber den Absolventen der Militärakademie Dresden, wo eine derartige Intensität des Erlernens der Kommandosprache des Warschauer Vertrages aus Zeitgründen einfach nicht möglich war. Der Unterrichtsstoff entsprach den modernsten Erkenntnissen der Luftverteidigung und gliederte sich in zahlreiche Lehrfächer. Zum Lehrpersonal gehörten Militärs der unterschiedlichen Altersstufen, sie besaßen alle eine für ihr Fach hohe Qualifikation. Für einige wenige Fächer, wie zum Beispiel Mathematik (besser: in der Luftverteidigung angewandte Mathematik), lehrten zivile Dozenten. In Kalinin befand sich das Rechenzentrum der sowjetischen Raumfahrt. Die Akademie lieh sich sozusagen Fachkräfte aus dieser weitgehend vom Militär dominierten Einrichtung aus.
Einer dieser Mathematik-Dozenten war kaum älter als die vor ihm sitzenden Hörer. Er erinnerte an einen zerstreuten Professor. Im Sommer trug er eine Kopfbedeckung, die die Deutschen "Säge" nennen. Wenn er den Hut beim Abnehmen lüftete, er trug trotz seiner Jugend oder eben deshalb ein Toupé, geschah das sehr vorsichtig. Es sollte sich nicht gemeinsam mit dem Hut abheben. Schniefend und sich ständig ungerührt schneuzend absolvierte er in für die Hörer atemberaubender Geschwindigkeit sein Programm. Dabei war die in der Luftverteidigung angewendete Wahrscheinlichkeitsrechnung für ihn nur ein Nebenfeld, wie er ständig versicherte, also "kleine Fische". Sie wurde, wie er uns lehrte, von den Briten im 2. Weltkrieg bei den Bombenangriffen auf Deutschland entwickelt. Mit ihrer Hilfe war es möglich, umfangreiche Luftschlachten nachzuvollziehen oder zu planen und einen Gewinner zu ermitteln. Bei den Schäden, die ein moderner Krieg nach sich zog, würde man allerdings kaum von einem Gewinner sprechen können. Das war eben rein mathematisch gesehen. Seine Ausführungen bildeten die Grundlage für spätere Kriegsspiele in anderen Unterrichtsfächern.
Zum Ende der siebziger Jahre stellte die Sowjetunion den FRK S-300 in den Dienst. Die theoretischen Grundlagen der neuen zugehörigen Funkmesstechnik, basierend auf den phasierten Antennengittern (russische Abkürzung FAR), wurden in den jeweiligen Unterrichtsfächern bereits Mitte der siebziger Jahre vermittelt. Erst 1988/89 erfuhr man dann als NVA-Angehöriger, dass diese Technik beim S-300 Anwendung fand. Sport und, sagen wir mal politische Fächer, von der Philosophie bis zur Geschichte der KPdSU, vervollständigten das Lehrpramm.
Beliebt waren die Vorträge von Gastdozenten zu aktuellen militärischen Ereignissen und Einschätzungen der politischen Situation, z.B. zu China.
Für die sowjetischen Militärhörer gab es hin und wieder Exerzierausbildung mit sehenswerten Gruppen- und Zug-Übungen, die in der NVA-Exerziervorschrift nicht vorgesehen waren. Als Militärhörer hatte man einmal in mehreren Wochen einen Dienst in der Fakultät zu versehen. Die Deutschen würden dazu "UvD" sagen, der aber nur tagsüber ausgeübt wurde. Die wichtigste Aufgabe dieses Dienstes bestand in der morgendlichen Meldung an den General der Fakultät (natürlich in russisch): "Während meiner Dienstzeit gab es in der Fakultät keine besonderen Vorkommnisse!" Der General stand früh auf, erschien zeitig in der Akademie und kontrollierte vorher noch die Einhaltung der Regeln im Ausländer-Wohnheim, welches etwa zwei Kilometer von der Akademie entfernt am Rande der Wolga stand. Hier versahen mehrere ältere weibliche Zivilpersonen im Wechsel die Aufgaben eines Diensthabenden. Nachts mussten alle Militärhörer anwesend sein. Was tun, wenn man nun eine Freundin hatte? Die dort als Diensthabende arbeitenden Frauen waren kleinen Aufmerksamkeiten nicht abgeneigt, vor allem, wenn modische Damenbekleidung, in der Sowjetunion sehr rar, aus der DDR als Geschenk mitgebracht wurde. Eine Hand wusch die andere, schließlich waren die Frauen auch mal jung gewesen. Als "Außenschläfer" musste man im Winter aufpassen, wenn es nachts geschneit hatte. Es machte sich aus Gründen der Täuschung erforderlich, bei der frühmorgendlichen Rückkehr die große Freitreppe zum Eingang rückwärts hinaufzugehen. Es musste so aussehen, als sei gerade einer hinaus- statt hineingegangen. Der General freute sich dann immer über den sportlichen Eifer seiner Hörer. Die Diensthabende konnte jedoch ehrlichen Herzens melden: "Keine Besonderheiten. Alle Offiziershörer vollzählig!" Zweimal im Jahr während der Semesterferien durften die deutschen Offiziershörer in die Heimat fliegen. Wer es sich leisten konnte, lud seine Frau zu einem mehrtägigen Aufenthalt, vorwiegend an dazwischen liegenden Feiertagen, ein. Das bedurfte allerdings einer Genehmigung der sowjetischen Führung der Fakultät und des Ältesten der deutschen Militärhörer. Nach dem erfolgreich absolvierten Vorbereitungskurs ergab sich die Möglichkeit, eine Wohnung zu bekommen. Die Familienmitglieder durften nun für einen längeren Aufenthalt in die Sowjetunion einreisen. Die Arbeitsmöglichkeiten für die deutschen Frauen waren allerdings sehr begrenzt. Somit fiel meistens ein Einkommen für den Familienhaushalt aus. Für junge Familien und junge Offiziere, deren Gehalt noch im unteren Bereich der Gehaltsskala lag, war das nahezu untragbar. Trotz der niedrigen Mieten in der DDR musste Geld für den weiteren Unterhalt der vielleicht gerade neu eingerichteten Wohnung übrig sein, weil man die zweite Wohnung in der DDR für den Urlaub brauchte. Man musste Kleidung und andere Dinge für ein halbes Jahr im Voraus einkaufen, wollte man seinen Lebensstandard halten. Familienmitglieder hatten außerdem die Fahrkosten in die Sowjetunion und zurück selbst zu tragen. Es ergab sich ein über Jahre währender finanzieller Engpass, der nicht selten für deutsche Militärhörer mit einer Scheidung endete. Ehen, die bereits bei Beginn des Studiums kriselten, überstanden die Zeit ohnehin nicht. Entschied sich die Ehefrau aus familiären Gründen, nicht mit in die Sowjetunion zu fahren, tauchten andere große Probleme auf, die das Studium des Mannes auf keinen Fall erleichterten. Die Frage eines Oberst in einer Kaderabteilung der NVA: "Warum bringen die meisten Offiziershörer eine russische Frau mit nach Hause?" kann ein Insider nur als grotesk empfinden.

Nationale Besonderheiten

Wenn jemand durch seine Arbeit in ein für ihn fremdes Land verschlagen wird, dann sollte er trotz aller Mühe und Beschwerden Zeit finden, Land und Leute kennen zu lernen. Ein "gelernter" DDR-Bürger hat den Thälmannschen Spruch: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!" sicherlich noch gut im Ohr. Aus der Ferne lässt sich gut reden, war man erst einmal im Land, sah das anders aus. Bevor die Dienstreisen mit den Soldaten und Unteroffizieren zum Gefechtsschießen nach Aschuluk begannen, wurden sie deshalb über die nationalen Besonderheiten in der Sowjetunion belehrt, besser aufgeklärt. Das begann mit dem richtigen Verhalten auf dem Bahnhof, dem Alkohol, der richtigen Toilettenbenutzung, der Armseligkeit der Einwohner, besonders im Süden der Sowjetunion, der Warnung vor Tauschgeschäften und was der Dinge da noch mehr waren. Der Slogan von der siegreichen Sowjetunion wurde mehr oder weniger zeitweise außer Kraft gesetzt und zumindest nur für soziale Fragen als nicht zutreffend und mit den teuren internationalen Verpflichtungen der Sowjetunion erklärt. Nationale Besonderheiten hatten auch die Militärhörer einer Akademie nicht minder zu beachten. Im Blickpunkt der Russen stand insbesondere die deutsche Uniform, die der der deutschen Wehrmacht sehr ähnelte. Das Tragen der Uniform war nur während des Akademiebetriebes gestattet. Das schloss den Hin- und Rückweg zu Fuß oder per Straßenbahn durch das Zentrum der belebten Stadt ein. "Nach Dienst" und beim Verlassen des Wohnheimes durfte nur Zivil getragen werden. Die Stadt Kalinin hatte unter dem 2. Weltkrieg schwer zu leiden. Die Front kam hier im Winter 1941 zum Stillstand, dann schlugen die Russen die Deutschen zurück. Vor allem die älteren Einwohner erinnerten sich an diese für sie schwere Zeit und irgendwie kamen ihnen deshalb auch unsere Uniformen bekannt vor. Manchmal wurde man auf dem Weg zur Akademie oder zurück von älteren Menschen angehalten und eingehend befragt, wer wir seien, was wir hier machen, wo wir wohnen. Wenn es sich zeigte, dass man den eindringlichen Fragen eines Russen auch im gut verständlichen Russisch ausführlich antworten konnte, schwand das anfängliche Misstrauen schnell. Aber Zeit für ein ausgiebiges Gespräch blieb meistens nicht. Zum Schluss fiel oft noch eine treffende Bemerkung, wie: "Früher hattet ihr aber höhere Mützen!" Gemeint waren die hohen Mützen der Wehrmachtsoffiziere. Die Jugend begrüßte uns eher forsch mit "Geil Gitler" oder "Rott Front, Rebjata!" je nachdem, wo sie uns einordnete. Die Kleineren beschossen uns aus ihren Spielzeug-Maschinenpistolen und schrien dazu: "Faschisty!" Man sollte nicht vergessen, manch einer der sowjetischen Jugendlichen versah seinen Militärdienst in der DDR, nach ihren Worten an der Front in Deutschland, und fast alle äußerten sich anerkennend über unser Land. Auch sie kannten nationale Besonderheiten bei uns, die Uniform der NVA zum einen oder zum anderen den sauren Mostrich.

Wahl zum Obersten Sowjet

Es muss im Juni des Jahres 1976 gewesen sein. Wahlen zum Obersten Sowjet der Sowjetunion standen auf der Tagesordnung für die Bürger des Landes. Kein Vergleich zur derzeitigen Flut an Wahlwerbung und Parteienpropaganda in Deutschland. Als an der Wahl nichtteilnehmender Ausländer interessierte es die meisten der deutschen Offiziershörer nicht im geringsten, wie so eine für das Land bedeutende Wahl vonstatten ging. Ich hatte schon Wochen vorher durch böse Diskussionen zwischen Käufern und Verkäufern in den Läden festgestellt, dass etwas im Gange war. Die Russen tranken gern Bier. Gepanschtes und qualitätsvolles Bier unterschieden sie sehr genau. Doch weder dieses noch jenes gab es in der Zeit vor der Wahl zu kaufen. Manch einer behauptete: "Lasst erst mal Wahltag sein, dann haben wir auch unser Bier!" War eine Wahlmanipulation im Gange? So etwas im Land des Sozialismus? Das interessierte mich schon. Am Wahltag standen die Wahllokale für alle offen, warum sollte ich mir nicht einmal solch eine Örtlichkeit von innen besehen? Bereits vor der Eröffnung stand die Bevölkerung Schlange, darunter nach ihrem Aussehen zu urteilen viele, die sonst in den Reihen beim öffentlichen Bierverkauf auf den Straßen anstanden. Hier musste es etwas Besonderes geben. Und tatsächlich, eine Ecke des großen Raumes war als Laden eingerichtet. Dort standen sie - die Bierkisten. Davor standen die Wahlurnen. Wer seine Stimme abgegeben hatte, konnte sich hier Gutes leisten. Ein Schelm, wer schlechtes dabei denkt! Natürlich erzählte ich mein Erlebnis anderen "Kollegen" und das kam schließlich auch unserem Parteisekretär zu Ohren. Meine in der Öffentlichkeit der deutschen Offiziershörer abgegebenen kritischen Bemerkungen wurden zum Gegenstand einer Parteiversammlung, die für mich mit einer Partei-Rüge wegen "Einmischung in innere Angelegenheiten der Sowjetunion" endete. Jahre später, mit der Wendezeit stellte es sich heraus, dass meine damaligen höheren Parteigenossen in der DDR, wie üblich nach dem Thälmannschen Slogan "von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", die Wahlen manipulierten, aber letztendlich doch verloren.



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