Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Der pioniertechnische Ausbau der Stellungen
der Fla-Raketentruppen

Die Fla-Raketenkomplexe des Anfangs waren relativ unbeweglich. Das Verlegen in eine neue Feuerstellung dauerte Stunden. Das bedeutete, dass ihre Lage sehr schnell aufgeklärt werden konnte. Das galt besonders, wenn sie in Gegenden mit geringen Tarnungs-möglichkeiten, wie im Nahen Osten, eingesetzt wurden. Extrem trifft diese Feststellung auf das Fla-Raketensystem S-200 zu. Es war im taktischen Sinne praktisch unbeweglich und schwer tarnbar. Das wurde berücksichtigt und die Fla-Raketengruppen S-200 erhielten den umfassensten pioniertechnischen Ausbau für Personal und Technik. Mit der Einführung des Fla-Raketensystems S-300 PMU gab es völlig neue Möglichkeiten des Manövers mit dem System, das in 5 Minuten marschbereit war, mit bis 60 km/h marschieren konnte und in der neuen Feuerstellung in 5 Minuten gefechtsbereit sein konnte. Die Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung standen mit diesem System an der Schwelle zu einer völlig neuen Qualität der Sicherung des Luftraumes.

Auf den nächsten Seiten finden Sie einen Auszug aus den Erinnerungen von Siegfried Horst, dem letzten Verantwortlichen der FRT im Nordraum der DDR.

Der pioniertechnische Ausbau in den FRT

Das erste Mal hatte ich 1967 am Pionierausbau einer FRA mitzuwirken. In Groß-Döbbern bauten wir im Auftrage des Warschauer Vertrages nach den Erfahrungen der Verluste im Nahen Osten erste Musterstellung mit erhöhtem Deckungsgrad. Die nächsten intensiven Begegnungen hatte ich als Regimentskommandeur des FRR-23 mit dem Neubau der Feuerstellung der FRA-231 und später als Verantwortlicher für die FRT im Norden der DDR besonders beim Neubau der Stellung Tramm und Retschow.

 
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Baubesprechung in der neuen Feuerstellung Altwarp. Anwesend sind der Leiter der UA Pionierwesen der 3. LVD, Oberstleutnant Zwerg, der Kommandeur der FRA-231, Major Seidel, sein Stabschef und der Offz. Pionierwesen des Regimentes.

Oberstleutnant Wolfgang Zwerg war einer der wenigen Offiziere, die von Anfang bis Ende am pioniertechnischen Ausbau der FRT im Norden der 3. LVD beteiligt waren. Viele der hier dargestellten Einzelheiten entstanden nach seinen Hinweisen. Der Ausbau der neuen Feuerstellung verbesserte die Möglichkeiten der FRA-231 zum Schießen auf Luftziele in extrem geringen Höhen bedeutsam. Der neue Aufbauplatz der Sende- und Empfangskabine gestattete uneingeschränkt die Bekämpfung von Zielen in 100 m Flughöhe in der Tiefe der Vernichtungszone, also bis zu 24 km Entfernung. Die neue Feuerstellung in Altwarp wurde im Zeitraum der Wende fertig gestellt und nach Eingliederung der NVA in die Bundeswehr sofort wieder geschliffen.

Der pioniertechnische Ausbau der Feuerstellungen begleitete die FRT von ihrer Einführung in den Bestand der Luftverteidigung bis zu ihrer Auflösung am Anfang der neunziger Jahre.
Am Beginn in der 1. Etappe ab 1961 stand die einfache Erdanwallung der Elemente der Gefechtsordnung, FB-3 Bunker für das Personal und am Eingang der Objekte eine Baracke für die Wache, das DHS-Personal und Ausbildungsräume. Bereits zuvor waren die Kasernen-Objekte errichtet worden. Die Wohnblöcke für die Wohnungen der Berufssoldaten baute man zum Abschluss mit Kapazitäten des jeweiligen Landkreises.
Die 2. Etappe 1967 bis 1971 war die Erhöhung des Deckungsgrades nach den Erfahrungen des Nahostkrieges durch den Ausbau der Elemente der Gefechtsordnung, die Schaffung eines Gefechtsstandes der FRA mit DHS-Gebäude und die Verbesserung der Tarnung der Startrampenstellungen durch Tarndächer. Diese wurden im Reparaturwerk Nord in Neubrandenburg industriell gefertigt und an die Truppe aus- geliefert.
Die 3. Etappe ab 1978 war gekennzeichnet durch den Neubau von Feuerstellung der FRA S-75 zur deutlichen Verbesserung der Feuermöglichkeiten in extrem geringen Höhen und der Erhöhung des Deckungsgrades für das Personal. Hinzu kam später die Schaffung neuer Strukturelemente wie die FRA S-125, S-200, S-300 und die automatisierten Brigadegefechtsstände und Funktechnischen Abteilungen. Dafür wurden Typenprojekte entwickelt, die man den konkreten Standortbedingungen anpasste.
Zur Ausführung wurden die Bau- und Pionierregimenter des Ministeriums und des Kommandos der LSK/LV eingesetzt und zusätzlich bildeten die Truppenteile eigene Baukommandos. Diese setzten sich aus Soldaten und Unteroffizieren mit Bau- und anderen Handwerksberufen, die im Truppenteil dienten, zusammen. In einzelnen Fällen wurden die benötigten Spezialisten auch zwischen den Truppenteilen ausgetauscht. Auf diese Weise hat mancher Soldat während des Wehrdienstes nie in der Funktion gearbeitet, für die er vorgesehen war. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Bau an neuen Standorten wurden die FRA, die neu gebaut wurden, aus dem DHS herausgelöst und bauten verstärkt durch Spezialisten unter Führung ihrer strukturmäßigen Kommandeure die neuen Feuerstellungen selbst aus. Die nächsten Seiten zeigen Beispiele für Bauwerke, wie sie in den FRA errichtet wurden.

 
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Das Foto zeigt ein typisches Mittelpunktsbauwerk in der FRA-4123 allerdings erst nach der Wende und ohne Tore vor den Kabinenboxen.

In den Boxen stand die Technik der Funktechnischen Kompanie. Rechts oben ist der Aufbauplatz der Sende- Empfangskabine mit Splitterschutzmauer zu erkennen.

Die Innenseiten der Anwallung der Startrampenstellungen verkleidete man mit Betonplatten und die Entfaltungsfläche der Startrampe goss man in Beton.

 
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Die verlassene Startrampenstellung zeigt die Betonplatten und die Fläche für die Startrampe. Auf der Spurbahn fuhr man die Rakete auf dem Transport-Lade-Fahrzeug (TLF) in die Stellung.

Der Ausbau der Startbatterie wurde in einer Reihe von FRA durch Tarndachanlagen ergänzt. Diese Anlagen hatten fast keinen Tarneffekt, waren aber trotzdem sehr willkommen, weil damit die Technik des Startbatterie vor der Witterung geschützt war.
Die Fla-Raketenbunker wurden für die FRA S-75 und S-125 aufgrund des unterschiedlichen Aufbaus der Raketen nach unterschiedlichen Projekten gebaut.

 
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Der Raketenbunker der FRA-4324. Die Raketen wurden im Inneren im teilmontierten Zustand gelagert, vor dem Bunker fertig montiert, auf TLF umgeladen und dann zur Betankung gefahren.

Diese Bunker wurden durch Baukommandos des Pionierregimentes der LSK/LV errichtet. Auch hier waren Unterstützungskräfte der Truppenteile eingesetzt.

Der Geländeverbrauch war für die einzelnen FRA sehr unterschiedlich. Bei den FRA S-75 waren die Kaserne und die Feuerstellung von einander getrennt. Das gleiche gilt für die FRAG. Dagegen bestand bei den FRA S-125 kein Abstand zwischen Kaserne und Feuerstellung.

Die Aufnahme zeigt wie eng bei einer FRA S-125 Wohnsiedlung, Kaserne und Feuerstellung bei einander lagen. Diese Objekte lagen in der 43. FRBr. alle unmittelbar an der Ostsee und konnten nicht effektiv getarnt werden. Die Kasernen- und Wohngebäude waren exponierte Ziele für einen Angriff aus der Luft und von See.

 
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Die Gebäude mit den roten Dächern waren die Wohnsiedlung, die hellen Dächer zeigen die ehemalige Kaserne links davon die Feuerstellung der früheren FRA-4333, Kägstorf.

Jeder verantwortungsbewusste Kommandeur einer solchen FRA hätte bei einem bevorstehenden Luftangriff die Frauen und Kinder der Berufssoldaten evakuieren müssen. Das spielte in den Übungen und Szenarien keine Rolle. Was mit unseren Frauen und Kindern im Falle eines direkten Angriffs auf die FRA und ihr Umfeld zu tun wäre, wurde nie erörtert. Die weiter denkenden Kommandeure sprachen über solche Fragen und dachten über Lösungen nach, aber in keinem Gefechtsdokument waren sie enthalten.

Auch in den FRA S-125 erfolgte der pioniertechnische Ausbau nach einheitlichen Projekten

 
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Mittelpunktsbauwerk der FRA-4132, Fehrbellin nach der Wende
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Die Stellung der Sende- Empfangskabine, dem sogenannten Posten  

Die Raketenbunker der FRA S-125 haben deutlich geringere Ausmaße als die der FRA S-75.

 
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Der Raketenbunker der FRA-4132 nach der Wende

Die vom S-125 eingesetzten Raketen waren mit Feststofftriebwerken ausgerüstet. Deshalb sind in der Technischen Zone dieser FRA auch keine Tankanlagen zu finden.

Die Stellungen für die Fla-Raketengruppen 411 und 431 des Fla-Raketenkomplexes S-200 wurden in großen Arealen abgesetzt von der Kaserne und den Wohnsiedlungen durch die Truppen Bau- und Pioniertruppen der NVA gebaut. Nachfolgend einige typische Bauwerke.

 
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Schutzbauwerk einer FRA mit den Deckungen für die Leitkabine K2 und Stromversorgung K22

 
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Schutzbauwerk der Führungsstelle der FRAG-411 mit Deckung für die Führungs-Kabine 9. Links die Luftlagekarte im Führungsraum

Die FLa-Raketengruppen standen ebenfalls im Diensthabenden System der Luftverteidigung des Warschauer Vertrages. Dafür gab es in jeder FRAG eine spezielles DHS-Gebäude. Nach Angaben der NATO waren in Europa und Nordafrika fast 130 Fla-Raketenkomplexe S-200 stationiert.

 
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Eine Startstellung des FRK S-200. Über der Einlassung im Beton stand eine Startrampe zu der aus dem Raketenbunker die Schienen für zwei Lademaschinen führten von denen die Raketen automatisch auf die Startrampe geladen wurden.
Jede Fla-Raketengruppe hatte 3-4 Kuppeln. Unter ihnen befanden sich die Zielbeleuchtungsstationen und ein Höhenfinder.
Die vierte war leer und diente als Scheinziel.

Die folgenden Bilder zeigen Ausschnitte aus dem pioniertechnischen Ausbau der automatisierten Gefechtstände der Fla-Raketenbrigaden.

 
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Schutzbauwerk des Gefechtsstandes der 41.FRBr.   Das Bild zeigt den Führungsraum des Gefechtsstandes.

Der pioniertechnische Ausbau der Feuerstellungen der FRT der NVA wurde in der letzten Phase übertrieben, weil er weit über den Splitterschutz des Personals hinaus ging. Auch hier gilt der Satz: jede Kette ist nur so stark wie sein schwächstes Glied. In den Fla-Raketenabteilungen waren das die Funkmessmittel, die abstrahlen mussten und nicht oder nur teilweise verbunkert werden konnten.

Quellen:
Privatarchiv S. Horst
Mit freundlicher Unterstützung © Thomas Kemnitz; http://www.vimudeap.info
(Bilder 1,4)   (Bild 2)    (Bilder 6,7,8)    (Bilder 9,10,11,12)    (Bild 13)
http://www.peters-ada.de
www.s200-wega.de

 
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