Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Die 41. Fla-Raketenbrigade


ab 1984
zuvor
ab 1959 FR-16 und ab 1962 FRR-16


 
Ehrenname Herrmann Dunker (ab 1969)
 
Kommandeure des Truppenteils von Beginn bis zum 02.10.1990
 
0berstleutnant   Horst Gorlt
Oberst   Naumann
Oberst   Kahle
Oberst   Werner Scholz
 
Standorte
 
Einheit Standort
Stab, TA und GS
(AFS Senesh-MÄ)
Ladeburg und Umgebung
FRAG-411 Badingen, (S-200)
S-75 : FRA-4121 Markgraf-Pieske
FRA-4122 Prötzel
FRA-4123 Klosterfelde
FRA-4124 Sommerfeld
S-125 : FRA-4131 Schönermark
FRA-4132 Fehrbellin
FRA-4133 Zachow
FRA-4134 Reichenwalde
Im Diensthabenden System der Luftverteidigung von 1961 bis 1990
 
Liebe Ehemalige der Fla-Raketentruppen und natürlich des 41.FRBr hier ist Platz für Eure Erinnerungen.
Schreiben und per Post oder per e-mail an unsere Kontaktadresse senden.
Wir stellen Eure Beiträge an dieser Stelle ein.
 
Feuerzonen der FRA der 41. Fla-Raketenbrigade
 
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Bilder aus der 41. FRBr
Wählen Sie die Seite www.vimudeap.de und Sie kommen in einen interessanten Bereich mit vielen Bildern über Anlagen auch der Fla-Raketentruppen.
 
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Führungsraum
der 41. FRBr in Ladeburg
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Führungsraum
der 41. FRBr in Ladeburg
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Führungsbunker
der FRAG-411 in Badingen
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Startrampenstellung ohne Startrampe im Hintergrund Bunker für zwei Raketen
 
Mit freundlicher Unterstützung   © Thomas Kemnitz
(Bilder 3,4,5)

Links:
Gefechtsstand der 41. FRBr, Ladeburg = www.vimudeap.info
FRAG-411, Badingen Stand 2001 von Jörg Böhme = www.vimudeap.info
FRA-4122, Prötzel, Stand 2001von Thomas Kemnitz = www.vimudeap.info
FRA-4123, Klosterfelde, Stand 2000 von Thomas Kemnitz = www.vimudeap.info
FRA-4124, Sommerfeld, Stand 2000 von Thomas Kemnitz = www.vimudeap.info
FRA-4132, Fehrbellin = www.vimudeap.info

Erinnerungen an die Dienstzeit

Prötzel im Winter 1978/79 (Auszug aus dem Buch "Offizier bei den Fla-Raketen der NVA")

Im Verlaufe des Jahres 1978 wurde mir mitgeteilt, dass ich im Mobilmachungsfall eine Fla-Raketenabteilung im Süden der Republik einsatzbereit machen und ins Gefecht führen müsste. Gleichzeitig wurde mir bekannt gegeben, welche Berufssoldaten der 43. FRBr mit mir den Kern dieser Abteilung bilden würden

Reservisten und Mobilmachung in den Fla-Raketentruppen

Die beiden Begriffe stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang, sind aber nach ihrer Bedeutung deutlich differenziert zu betrachten. Es besteht ein signifikanter Unterschied zwischen dem Auffüllen bestehender Einheiten mit Reservisten zur personellen Verstärkung und der Aufstellung zusätzlicher Einheiten im Falle der Mobilmachung mit Reservisten, die vorher nicht miteinander ausgebildet wurden. Ich habe beide Varianten als verantwortlicher Kommandeur aktiv erlebt. 1978/79 war ich für drei Monate als Kommandeur einer Fla-Raketenabteilung eingesetzt, die aus einigen aktiven Kadern, die sozusagen das Rückrat bildeten, und einberufenen Reservisten gebildet wurde. Mit ihnen wurde dann Ausbildung durchgeführt und abschließend der Versuch unternommen, mit dieser Einheit aktive Handlungen zu führen. Bei dieser Art der Mobilmachung und sofortiger Ausbildung habe ich größte Hochachtung vor den Leistungen der Reservisten unserer Waffengattung gewonnen. Diese Übung fand in den Wochen des Winters 1978/79 statt, als weite Teile des Nordens der DDR in Folge außergewöhnlich starkem, tagelang anhaltendem Schneefall lange Zeit von der Welt abgeschnitten waren. Auch meine Abteilung in Retschow, die während meiner Abwesenheit durch meinen Stabschef, Major Gerhard Gambke, geführt wurde, war über die Landstraße nicht erreichbar.
Die Mob-Übung hatte drei Etappen. Erste Etappe: Vorbereitung der Ausbildung der zusammengezogenen aktiven Kader in der aufgegebenen Feuerstellung der FRA-162 bei Prötzel und Überführung der Fla-Raketentechnik aus dem Mobilmachungs-Lager in die Feuerstellung. Zweite Etappe: Einberufung der Reservisten nach Prötzel und Durchführung der Ausbildung. Die dritte Etappe bestand aus einer Überprüfung des erreichten Ausbildungsstandes mit Prüfungsschießen und Stellungswechsel der FRA in eine neue Feuerstellung.

Die aktiven Kader erhielten nach der Vorbereitung trotz der widrigen Umstände über Silvester Urlaub. Im Norden unseres Landes war das totale Winterchaos ausgebrochen. Bei der Heimreise am 29. Dezember 1978 erhielt ich schon auf dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg einen Vorgeschmack davon. Kein Zug fuhr pünktlich, alle Züge waren überfüllt. Nach Mitternacht wurde ein Zug nach Rostock bereitgestellt, der um 2.00 Uhr abfuhr. Mit Mühe konnte ich einen Sitzplatz ergattern und hoffte, irgendwann am Morgen des 30.12. in Bad Doberan anzukommen. Durch ein Schreiben der Deutschen Reichsbahn vom 30.12.1978 wurden mir dann in Rostock 15 Stunden Verspätung des D 526 auf der Strecke Berlin - Rostock bestätigt. Ein historisches Dokument. Nach Bad Doberan fuhr nach meiner Ankunft in Rostock kein Zug mehr. Es war mittlerweile 18.00 Uhr. Nach einiger Zeit fand ich mit Mühe einen Taxifahrer, der bereit war, nach Doberan zu fahren. Er hätte es sicher nicht getan, wenn er gewusst hätte, was ihn außerhalb Rostocks erwartet. Gegen 21.00 Uhr kamen wir in Bad Doberan an. Als ich ihn bat, noch nach Retschow zu fahren, lehnte er kategorisch ab. Ich suchte nach einer Gaststätte, um meinen Stabschef anzurufen. Als ich ihn erreicht hatte, bat ich darum, mir ein Fahrzeug nach Doberan zu schicken. Eine kurze Pause in der Leitung, dann antwortete er: "Kommandeur, das geht nicht. Alle Fahrzeuge, die ich seit gestern raus geschickt habe, sind stecken geblieben." Als ich erwiderte, dass es ein Ural wohl schaffen wird, sagte er mir, der sei bereits zweimal liegen geblieben. Alle Straßen sind zu. Wütend und ungläubig warf ich den Hörer auf die Gabel und machte mich zu Fuß auf den Weg. Bis zum Ortsausgang von Bad Doberan lag kaum Schnee auf der Straße. Doch hundert Meter weiter war der beginnende Hohlweg bis zum oberen Rand zugeweht. Von der Bushaltestelle war nur noch das Dach zu sehen. Ich musste zurück, um die Straße über die Felder zu umgehen. Auch das war nicht einfach, denn alle Vertiefungen auf den Feldern waren zugeweht und erwiesen sich als tückische Fallgruben. Mit Mühe schleppte ich mich vorwärts. An den Stallungen von Glashagen kam mir der LPG-Vorsitzende von Retschow mit Pferden und Schlitten entgegen. Er hielt neben mir und feixte: "Nein, das darf nicht wahr sein, der Kommandeur." Ich stieg in den Schlitten, kroch unter die warme Decke und war froh, dass es noch Pferdeliebhaber gab. Auf einigen Um- und Schleichwegen durch den Wald erreichten wir unsere Wohnsiedlung. Ich dankte meinem Kutscher und war froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Die Kaserne und die Wohnsiedlung waren über eine Woche von der Außenwelt und der Versorgung abgeschnitten. Ich musste aber dessen ungeachtet nach Prötzel zurück, um die befohlene Aufgabe zu Ende zu bringen. Auf Umwegen gelangte ich schließlich nach Rostock und von dort erneut mit großer Verspätung an meinen Zielort.
Dieser Winter 1978/79 hat nicht nur große Schäden angerichtet, er hat auch gezeigt, auf wen man sich verlassen konnte. Und es war schön und überraschend zugleich, zu erkennen, dass man sich bei einigen geirrt hatte. Es gab in unserer mobilgemachten Einheit eine große Geschlossenheit zwischen Berufssoldaten und Reservisten bei der Bewältigung dieser Wetterunbilden. Die aktiven Kader waren 12 Stunden vor dem Eintreffen der Reservisten schon am Standort Prötzel. Wir waren aufnahmebereit und gespannt, was uns im weiteren erwartete. Die größte Verspätung eines einberufenen Reservisten betrug sechs Stunden, deutlich weniger als wir erwartet hatten. Die wenigsten waren alkoholisiert, und es wurde kaum gejammert.

Nach der Formierung der Einheiten begann die vorgesehene Ausbildung. Als erstes die allgemein-militärische Ausbildung: Exerzieren, Schießen mit der persönlichen Waffe und Übungen mit der Schutzausrüstung. Das Anziehen der vollständigen persönlichen Schutzausrüstung war eine höchst anstrengende, schweißtreibende und unangenehme Angelegenheit. Auch das wurde alles ohne Murren mitgemacht. Erst als ein Oberstleutnant vom Stab der 1. LVD bei Schnee und Eis eine Exerzierbesichtigung vornehmen wollte, gab es deutlichen Widerspruch. Ich erkannte, dass es angesichts der Situation unsinnig war, die Männer zum Exerzieren zu zwingen und versuchte, den "Oberoffizier für rechts und links um" von seinem Vorhaben abzubringen. Als mir das nicht gelang, blieb nur noch die Möglichkeit, den zuständigen Kommandeur des FRR-16, Oberst Naumann, einzuschalten. Gemeinsam fanden wir eine Lösung. Ich erteilte dem Mann einen Platzverweis. Das brachte mir allerdings keinen guten Ruf bei den Kontrolloffizieren ein, aber was sollte es: Wir mussten die Reservisten ausbilden und wollten mit ihnen noch einige wichtige Aufgaben erfüllen. "Schlechtes Essen und dumme Befehle können die beste Truppe kaputt machen", sagte mein Vater immer, und der hatte als Fallschirmjäger bei Monte Casino gekämpft.
Die Spezialausbildung der Einheiten verlief normal. Es war bezeichnend, dass bei den speziellen Verwendungen der Funktechnischen Kompanie und der Rundblickstation die größten Schwierigkeiten auftraten, weil die Wehrkreiskommandos die entsprechenden Verwendungen nicht richtig erkannt und berücksichtigt hatten. Es ist wenig sinnvoll, einen Funkorter, der bei den Funktechnischen Truppen gedient hat, im Mobilmachungsfall als Funkorter für die Raketenleitstation einer Feuerabteilung der FRT einzuberufen. Die Unterschiede der Tätigkeiten sind so groß, dass er nie und nimmer in einer verkürzten Ausbildung zu einem Funkorter der Raketenleitstation gemacht werden kann, der maßgeblich mit darüber entscheidet, ob die Einheit im Fall der Fälle einen Treffer oder einen Fehlschuss erzielt. Beeindruckend waren die Leistungen der Kraftfahrer, die im Zivilberuf ebenfalls auf dem Bock saßen. Als Zugmittel für die Kabinen und Startrampen hatten wir moderne Tatra 148 übernommen. Ein Kfz.-Typ, über den wir in unseren Einheiten nicht verfügten. Die eingesetzten Berufskraftfahrer kannten ihn auch nicht, aber nach zwei Tagen hatten sie das Auto im Griff.

Der Stellvertreter für Ausbildung des FRR-16 hatte auf meine Bitte drei Lehrgefechtsraketen zur Beladung für die Ausbildung bereitgestellt. Damit waren wir in der Lage, alle Elemente des Gefechtsdienstes zu trainieren. Für die letzte Ausbildungswoche war ein Lehr-DHS in der alten Feuerstellung in Prötzel vorgesehen. Aus dieser Lage heraus begann dann die Abschlussübung. Die Bereitschaftsstufe 1 wurde ausgelöst, und danach waren zwei reale hoch fliegende und ein tief fliegendes Luftziel zu bekämpfen. Kurz danach kam der Befehl zum Herstellen der Marschlage. Ich erhielt den Befehl, im Kfz.-Marsch in den Raum Oranienburg zu verlegen und dort die Gefechtsbereitschaft der Abteilung herzustellen, um an den weiteren Handlungen zur Abwehr des Luftgegners teilnehmen zu können. Das Herstellen der Marschlage hatten wir in den Tagen zuvor bereits geübt, so dass die Aufgabe in der Normzeit geschafft wurde. Beim Auffahren des Marschbandes hatte die Startbatterie ein paar Schwierigkeiten, weil auch die aktiven Kader der Startbatterie in ihren Stammabteilungen nur selten gleichzeitig mit allen Startrampen und sechs Transport- Ladefahrzeugen (TLF) verlegten. Wir konnten den Marsch pünktlich beginnen. Er führte uns über Prötzel, Beiersdorf, Biesenthal, Zehlendorf und Schmachtenhagen in das Übungsgelände der 1. Mot-Schützendivision unserer Landstreitkräfte nördlich von Oranienburg.

Der Marsch war mit ca. 65 Kilometer nicht lang. Er führte aber über die Dörfer nördlich von Berlin. Bei den Ortsdurchfahrten mussten wir mit den langen und schweren Fahrzeugen besonders vorsichtig fahren. Ich hatte eine Marschdauer von 2 bis 3 Stunden kalkuliert. Wie meistens ging es dann doch nicht so schnell wie erhofft. Mit der Spitze der über zwei Kilometer langen Marschkolonne waren wir nach gut drei Stunden am Ziel. Die Einfahrt in die vermessenen Elemente der Gefechtsordnung erfolgte nach vier Stunden. Alles lief bestens. Dann kam der Kompaniechef der Funktechnischen Kompanie zu mir und meldete, dass ein Kabel in der alten Feuerstellung liegen geblieben sei. Es war das Kabel, das den in der Kabine AA untergebrachten Kommandosender mit der Antenne verband, die sich auf der Sende-Empfangs-Kabine befand. Ohne dieses Kabel kann eine Fla-Raketenabteilung nicht gefechtsbereit sein, denn darüber werden die Lenkkommandos zu den Raketen übertragen. Also, den Politstellvertreter in den Jeep gesetzt und ab nach Prötzel. Nach gut zwei Stunden war er mit dem Kabel und einem schweißgebadeten Kraftfahrer wieder da. Gerade richtig, um mit den elektrischen Kontrollen der Funktechnischen Kompanie beginnen zu können. Als erstes war die Rundblickstation einsatzbereit. Bei ihr war der glückliche Umstand eingetroffen, dass alle einberufenen Reservisten früher in der gleichen Verwendung bzw. Dienststellung gedient hatten. So verfügten wir immerhin schon über Informationen zur Luftlage. Es war an der Zeit, sich um die Versorgung der Truppe zu kümmern. Ich hatte mal gelernt, dass die Rückwärtigen Dienste der Abteilung das Ende des Marschbandes bilden. Das habe ich nur einmal so in der Praxis durchgeführt und dann nie wieder. Die Sicherstellungskräfte wurden am besten gemeinsam mit dem Vorkommando der Abteilung, das die neue Gefechtsordnung zu vermessen hatte, in den neuen Raum verlegt. Sie hatten ihre Versorgungsbasis zu entfalten und die Unterbringung der Hauptkräfte vorzubereiten. Spätestens wenn die Abteilung im neuen Raum gefechtsbereit war, musste die Verpflegung gesichert sein. Es war für die Truppe eine Zumutung, wenn sie dann noch ewig auf ihr Essen warten musste. Ich konnte dem vorgesetzten Gefechtsstand 15 Minuten vor Ablauf der Normzeit die Einsatzbereitschaft der Abteilung melden. Danach wurde die Technik mit den verfügbaren Mitteln getarnt, die Wachen organisiert, die Schlafplätze zugewiesen und Verpflegung ausgegeben. Wir waren alle ziemlich erschöpft. Man hatte uns am Vortag um 08.00 Uhr rausgeworfen. Jetzt war es 04.00 Uhr in der Frühe. Nach meinen Erfahrungen bei Übungen kamen die nächsten Aufgaben nach 13.00 Uhr. Bis dahin blieben uns noch ein paar Stunden Zeit. Es gab Erbsensuppe mit Bockwurst, also den Klassiker aus der Feldküche. Auch die Kontrolloffiziere aßen gern einen Schlag aus dem Kochgeschirr.

Ich rief meine Stellvertreter und die Kompaniechefs zusammen und wertete kurz diese Etappe aus. Mit Freude konnte ich ihnen dafür danken, dass sie sich bravourös geschlagen hatten. Unsere Reservisten hatten während der Verlegung hohe Disziplin und persönliche Bereitschaft gezeigt. Nun ging es um die Gewährleistung der Sicherheit, den Ausbau der Elemente zur Sicherung der Gefechtsordnung und um die Vervollkommnung der Tarnung. Da ich erfahren hatte, dass die Kontrolloffiziere eine Diversantengruppe gebildet hatten, ließ ich vorsorglich ein mobiles Verteidigungskommando unter Führung des Kfz-Schirrmeisters, einem ehemaligen Fallschirmjäger der NVA, zusammenstellen. Nach der Aufgabenstellung ging ich mit meinen Stellvertretern frühstücken und haute mich anschließend aufs Ohr. Nach drei Stunden kontrollierte ich die Gefechtsordnung. Die Funktechnische Kompanie war im Rahmen des Möglichen mit Netzen hinreichend getarnt. In der Startbatterie waren auf drei von sechs Rampen Lehrraketen geladen. Die Kfz. standen in Waldwegen und wurden von Posten gesichert, ebenso die Transport-Ladefahrzeuge. In einem Fahrzeug fand ich eine zurückgelassene Maschinenpistole. Ich nahm sie mit und übergab sie meinem Kraftfahrer zur Aufbewahrung. Wenig später meldete mir der Batteriechef der Startbatterie den Verlust einer Waffe. Der Gefreite W., ansonsten ein guter Reservist, hatte sie im Fahrzeug vergessen. Das ständige Tragen einer Waffe war ihm noch nicht wieder zur Gewohnheit geworden.
Ich beauftragte den Batteriechef, die Auswertung selbst vorzunehmen. Dieser ließ seine Truppe antreten und machte sie, wie wir sagten "rund". Der Übeltäter musste auf eine Belobigung zum Abschluss der Übung verzichten. Es war elf Uhr, als der Diensthabende das Signal für die Bereitschaftsstufe 1 auslöste. Ich hastete an meinen Gefechtsplatz in der Kabine UA. Auf dem Tochtersichtgerät der Rundblickstation hatte ich die Luftlage im Umkreis von 120 km und konnte mit dem elektronischen Visier die Antennen der Raketenleitstation auf die anfliegenden Ziele ausrichten. Das Prüfungsschießen auf reale Ziele begann. Neben mir hatte der Stellvertreter für Ausbildung des FRR-16 als Kontrollierender Platz genommen, um die Geschlossenheit der Gefechtsbesatzung zu beurteilen. Insgesamt wurden uns 12 Ziele zugewiesen bzw. waren auf eigenen Entschluss zu bekämpfen. Die Bewertung lautete "gut". Kaum war der Anflug beendet, musste ich das Signal zur Bodenverteidigung auslösen. Eine "Diversantengruppe" hatte einen Angriff auf die Abteilung eingeleitet. Mein Fallschirmjäger, der drei Gruppen gebildet hatte, rollte die Angreifer auf. In dem entstehenden Handgemenge ging es richtig zur Sache. Der Leitende beendete den Angriff vorzeitig, weil ihm die Auseinandersetzung zu heiß wurde. Für die Bodenverteidigung erhielten wir die Bewertung "sehr gut".
Als wir nach dem Mittagessen das Speisezelt verließen, schlugen uns erste Schneeböen entgegen. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und es schneite heftig. Ich wusste, wir mussten den gesamten Komplex noch abbauen und benötigten danach mindestens drei Stunden, um zurück nach Prötzel zu verlegen. Deshalb bat ich den Leitenden der Übung, sofort den Befehl zur Rückverlegung zu geben und auf weitere Ausbildungselemente zu verzichten. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Regimentskommandeur folgte er meinem Vorschlag. Ich ließ die Abteilung antreten, schilderte kurz die Lage und gab den Befehl, die Marschlage herzustellen. Der Schneesturm wurde immer heftiger. Aus den Kräften, die nicht am Abbau beteiligt waren, bildete ich eine Gruppe zur Kontrolle des Übungsgeländes unter Leitung meines Politstellvertreters. Sie sollte dafür sorgen, dass mögliche Manöverschäden vermieden, oder, wenn sie doch eingetreten waren, umgehend beseitigt werden. Wegen des auffrischenden Windes gab es Schwierigkeiten beim Abbau der Antennen. Die Höhenwinkelantenne konnte nur mit großen Schwierigkeiten auf dem Transporthänger abgelegt werden. Nach 3 ½ Stunden stand das Marschband. Das war angesichts der Situation eine gute Leistung. Ein letztes Gespräch über die Standleitung mit dem Gefechtsstand des Regiments. Der teilte mit, dass das Wetter in Richtung Osten noch schlechter würde und im Raum Prötzel bereits Schneeverwehungen gemeldet waren. Ich gab die Losung aus, langsam aber kontinuierlich zu fahren und nicht anzuhalten. Bei einem Halt hätte die Gefahr bestanden, dass die schweren Startrampen und Kabinen nicht wieder in Fahrt zu bringen waren. Wir fuhren also ohne jeden Halt. Trotz widrigster Bedingungen, wir rollten und rollten, waren nach gut drei Stunden am Ziel. Als wir am Eingang zur Feuerstellung ankamen, war Schluss. Nichts ging mehr. Die Wege und Stellungen waren vollkommen zugeweht.

Nach kurzer Rücksprache mit dem Regimentskommandeur stellten wir die Technik auf dem Zufahrtsweg zur Stellung ab und sicherten sie. Natürlich war uns klar, dass im Kriege so etwas nicht möglich gewesen. Wir aber führten Ausbildung von Reservisten im Frieden durch und handelten verantwortlich, wenn wir zuerst die Sicherheit für Leib und Leben unserer Soldaten gewährleisteten und dann auch noch die Unversehrtheit der Mobilmachungstechnik beachteten. Nach Vollzähligkeitsappellen zur Bewaffnung und Ausrüstung und der Ausgabe von Verpflegung ging es in die Unterkünfte. Damit war diese Übung, formal gesehen, beendet. An den folgenden Tagen musste aber die Technik wieder aufgebaut und einsatzbereit an den Ingenieurdienst (FRID) übergeben werden, um zu gewährleisten, dass in diesem Jahr weitere Übungen stattfinden konnten. Nach uns trainierten noch Abteilungen eines anderen Regiments in gleicher Weise. Nur ihre Bedingungen waren bei anderem Wetter wohl etwas leichter. Im Ergebnis bleibt festzustellen: Wir haben die gestellte Aufgabe unter schwierigen Ausbildungsbedingungen bewältigt. Ob das auch unter den Bedingungen eines realen Luftverteidigungsgefechts gereicht hätte, wage ich zu bezweifeln. Letztendlich wäre das nur unter der Voraussetzung möglich gewesen, dass auch reale Starts hätten erfolgen können. Das aber hat nie stattgefunden.
Schließlich bestand unsere Aufgabe nicht darin, einen Krieg zu führen, sondern ihn zu verhindern. Mit dieser Übung haben wir einen Beitrag dazu geleistet.
Die Verantwortlichen der FRT versuchten verzweifelt, mit der klar begrenzten Anzahl von Personal auch die Aufgaben zu erfüllen, die im Kriegsfall zu lösen gewesen wären. Dieser Lösungsansatz war nicht sinnvoll. Er führte dazu, dass die Strukturen immer stärker ausgedünnt wurden. Außerdem mussten die bestehenden DHS-Einheiten im Mobilmachungsfall die erfahrensten Offiziere und Unteroffiziere für die Mob-Einheiten bereitstellen. Ich glaube, die davon ausgehende Schwächung des Bestehenden war größer als die Stärkung durch das hinzugewonnene Potential der mobilgemachten Einheiten gewesen.

Siegfried Horst




Im FRR-16

Genau genommen gehörte ich zu den ersten Offizieren, die das "Territorium" des späteren FRR-16 betraten. 1959 wurde ich mit weiteren Offizierschülern der der Flak-Artillerie-Schule Geltow nach vorzeitigen Abschlussprüfungen dort in einen Funkmesslehrgang eingegliedert. Aber hier gab es 1960 ein vorzeitiges Ende.
Mit einigen anderen Offizieren wurde ich nach Strausberg zur "Abteilung Luftschutz" zur Übernahme einer neuen Aufgabe überführt. Zu meinem nicht geringen Erstaunen wurde ich plötzlich Bau-Zugführer im Pionier- und Bau-Bataillon-14. Das Endziel dieser Reise war die zukünftige Feuerstellung der späteren I. FRA Fürstenwalde, die sich im Endstadium des Ausbaues befand. Der Kommandeur Hptm. Beier und der Bauleiter waren die einzigen Spezialisten im Pionierwesen. Stabschef wurde der berühmte Hauptmann Leskin, der uns noch aus Geltow in Erinnerung war. Es stellte sich heraus, dass im Pi-Bau-14 nahezu alle Offiziere ausgewechselt worden waren. Von dort wechselten wir zur Baustelle Prötzel. Die Unterkunft bestand aus einer Reihe von Baracken und Zelten in unmittelbarer Nähe des Ministeriums für Nationale Verteidigung in Strausberg. Zum Bau ist nur zu sagen, dass der Bagger und andere technischen Hilfsmittel wirklich produktiv zum Einsatz kamen. Persönlich "qualifizierte" ich mich im Bau von Feuerstellungen, Straßen und Zäunen aller Art. Mein Kompaniechef war Oberleutnant Jentsch, dem ich in der Folgezeit in verschiedenen Dienststellungen wieder begegnete.
Kurz vor der Verlegung zur nächsten Baustelle Klosterfelde wurde ich zu einer Aussprache geladen. Nach kurzer Kontrolle meines "Sündenregisters" war ich nicht besonders beunruhigt. Aber es wurde eine echte Überraschung. Ich wurde zum Kfz-Zugführer ernannt. Mein Hinweis auf das Fehlen einer Fahrerlaubnis meinerseits wurde mit der Bemerkung hinweggefegt, dass es nicht um Fachwissen, sondern um die Herstellung von Disziplin und die Arbeitsorganisation ginge. Für die Fachfragen hätte ich ja zwei Unteroffiziere. Verantwortlich war ich für ca. 30 Lkw und Kipper, einen Bagger, weitere Baumaschinen und die Arbeitsorganisation, besonders für Entladung von Eisenbahntransporten und die Baustofftransporte. Erstaunlicherweise lief es gut.
Trotz aller Probleme muss man den Leistungen der Angehörigen des Pi-Bau-14 die verdiente Anerkennung zollen. Die Arbeit zu allen Jahreszeiten, unter allen Witterungsbedingungen, bei vorwiegend primitiver Unterbringung und Versorgungslücken bei Wetter- und Arbeitsschutzbekleidung erforderte eine hohe Einsatzbereitschaft. Ein wesentlicher Teil der Arbeiten musste in Handarbeit erfolgen. Auch die Beschaffung von Ersatzteilen für ausgefallene Technik war schon recht schwierig. Zwischenstopp in der II. FRA des FRR-16
Ende des Jahres 1960 wurde ich als Feuerzugführer zur neu formierten 57mm-Flak-Batterie in der II. FRA in Prötzel versetzt. Der Kommandeur war Hptm. Naumann, der Batterie-Chef Oberleutnant Jentsch. Die Flak-Batterie übernahm die Technik, begann die Ausbildung (noch im A-Objekt) und bereitete sich auf das erste Gefechtsschießen vor. Diese Arbeit war mir vertraut, da ich selbst in einer Geschützbedienung mehrmals geschossen hatte.
Das Waffensystem war sehr personalintensiv und es erforderte einen ziemlich hohen Trainingsaufwand der Bedienungen. Dazu kam, dass ständig Personal aus der Flak-Batterie für andere Aufgaben abgezogen wurde. Anzumerken ist, dass die Feuerführung auf tief fliegende Ziele aus der damaligen Feuerstellung infolge des in der Regel zu hohen Deckungswinkels kaum möglich war. Aus der FRA-162 wurde ich zum LAR-12 in Pinnow zur Ausbildung an der Fla-Raketentechnik versetzt. Nachfolgend war ich in verschiedenen Dienststellungen in den Fla-Raketentruppenteilen der 3. LVD eingesetzt.

Lothar Herrmann

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