Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Die 43. Fla-Raketenbrigade


ab 1971
zuvor
ab 1961 FRR-18


 
Ehrenname Erich Weinert (ab 1972)
 
Kommandeure des Truppenteils von Beginn bis zum 02.10.1990
 
Major   Hering
Oberstleutnant   Großmann
Oberstleutnant   Haferberger
Oberst   Prottengeier
Oberst   Spakowski
 
Standorte
 
Einheit Standort
Stab, TA Sanitz
GS Rövershagen
AFS Senesh-MÄ
FuTA-4301
FRAG-431 Prangendorf S-200
FRA-4321 Abtshagen S-75
FRA-4322 Fuhlendorf
FRA-4323 Hinrichshagen
FRA-4324 Neuenkirchen
FRA-4331 Barhöft S-125
FRA-4332 Nienhagen
FRA-4333 Kägstotf
FRA-4334 Kirchdorf
FRA-4335 Lanken
FRA-4351 Retschow S-300
Im Diensthabenden System der Luftverteidigung von 1962 bis 1990
 
Liebe Ehemalige der Fla-Raketentruppen und natürlich des 43.FRBr hier ist Platz für Eure Erinnerungen.
Schreiben und per Post oder per e-mail an unsere Kontaktadresse senden.
Wir stellen Eure Beiträge an dieser Stelle ein.
 
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In der vorliegenden Arbeit schildert Lothar Herrmann aus seiner Sicht die Entwicklung seines Truppenteils vom Fla-Raketenregiment zur Fla-Raketenbrigade.
  Die Büste Erich Weinerts, die viele Jahre im Stab der 43. FRBr in Sanitz stand, befindet sich heute im Garten von Bernd Kirchhainer. Der Garten ist Zwischenstation auf dem Wege zur Ausstellung "50 Jahre Garnisonstadt Sanitz" im Jahr 2012. Weiteres unter :
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/
 
Die Feuerzonen der 43. Fla-Raketenbrigade
 
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Bilder aus der 43. FRBr
 
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FRA-4324 Retschow -
Nach dem erfolgreichen Gefechtsschießen 1977
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Mittelpunktdeckung der FRA-4325 Neuenkirchen -
Nach dem Ende der FRT der NVA
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Die Berufssoldaten organisieren Verpflegung, Winter 1979
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Rakete auf Startrampe in einer FRAG
 
Mit freundlicher Unterstützung   © Thomas Kemnitz
(Bild 5 )

Weitere Bilder finden Sie auf der hervorragenden Homepage von Matthias Richter
Fotos zur FRAG-431 in Prangendorf
Fotos zum System S-200 "Wega"
Videos zum Start von Fla-Raketen

Sowie in der Galerie von www.lv-wv.de
Weitere Bilder über Retschow
Weitere Bilder über Retschow
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Erinnerungen an die 43. Fla-Raketenbrigade

Von 1976 bis 1980 in Retschow gedient
Kommandeur einer Fla-Raketenabteilung an der Küste

Im November 1976 zogen wir in die frei gewordene Wohnung meines Vorgängers ein. So schnell hatten wir noch nie eine Wohnung bekommen. Es war eine 2 ½-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss. Unsere 12-jährige Katrin war zwar verärgert, dass sie schon wieder die Schule wechseln musste, freute sich aber über ein eigenes Zimmer, das ihr offensichtlich gut tat. Der scheidende Kommandeur, Oberstleutnant Mahlke, stellte mir seine Stellvertreter und die Kompanieführer ausführlich vor. Stellvertreter und Stabschef war Major Gambke, der 1971 die Militärakademie absolviert hatte. Ich kannte ihn schon aus dem FRR-14, in dem wir gemeinsam gedient hatten. Stellvertreter des Kommandeurs und Ingenieur der Abteilung war Major Forkert. Er war ein exzellenter Praktiker, der sich ebenso wie der Stabschef Hoffnungen auf die Nachfolge des Kommandeurs gemacht hatte. Als Stellvertreter für Politische Arbeit lernte ich Major Sell kennen und schätzen. Mein Stellvertreter für Rückwärtige Dienst wurde Hauptmann Splettstößer. Er hatte seinen Weg vom Kfz-Schirrmeister ohne Offiziersschule in diese Dienststellung genommen. Er war ein schwieriger Charakter, den man erst für sich gewinnen musste. Für einen Anfänger in der Dienststellung des Kommandeurs waren es so gesehen keine optimalen Startbedingungen. "So ist das Leben" sagt der Franzose, allerdings auf französisch. Die Einheitskommandeure waren erfahrene und ebenfalls nicht ganz unkomplizierte Männer. Hauptmann Müller war Kompaniechef der Funktechnischen Kompanie. Ein ausgezeichneter Spezialist, der später Ingenieur einer Abteilung wurde. Der Batteriechef der Startbatterie, Hauptmann Künzel, war ein talentierter Offizier, dem es etwas an das Stehvermögen fehlte und der ein etwas eigenwilliges Verhältnis zu Ordnung und Disziplin hatte. Die Technische Kompanie wurde von Major Kranich geführt. Er war der älteste unter den Kompanieführern. Er hatte keinen besonderen Ehrgeiz und wusste, dass seine Kompanie nur selten im Mittelpunkt stand. Die Führungskompanie wurde erst ein Jahr später eigenes Strukturelement der FRA.
Die Feuerstellung der Abteilung lag in einem ausgedehnten und stark bewaldeten Sperrgebiet. Neben dem Hügel, auf dem die Sende-Empfangskabine stand, gab es einen Angelteich. Hier hatte der ehemalige Kommandeur immer gesessen, wenn er Dienst als Schießender hatte, und mit Hingabe geangelt. Der Teich war entstanden, als der Mittelpunkt mit dem DHS-Gebäude gebaut wurde. Den Erdstoff für die Wälle grub man hier aus, so dass ein Loch entstand und sich langsam mit Wasser füllte. Mahlke setzte Fischbrut ein, und so entstand sein ganz persönliches Angelgewässer.
Das Ringstraßensystem zwischen den Startrampen war in einem schlechten Zustand und musste ständig ausgebessert werden. Die Startrampenstellungen hatten keine Tarndächer.
Ende Oktober 1976 kam mein Politstellvertreter, Major Sell, zu mir und meinte: "Genosse Major, wir sollten uns im Territorium und bei den Waffenbrüdern sehen lassen." Wir besuchten dann, wie es Sitte war, den ersten Sekretär der SED-Kreisleitung und den Vorsitzenden des Rates des Kreises Bad Doberan. Nach den üblichen freundschaftlichen und unverbindlichen Gespräche fuhren wir weiter zum Direktor des Volkseigenen Gutes Vorderbollhagen, Manfred Breda. Wir waren uns auf den ersten Blick sympathisch und verabredeten einen kurzfristigen Skattermin. Dann ging es weiter zu den Waffenbrüdern auf die Halbinsel Wustrow bei Rerik. Unsere Abteilung hatte seit einiger Zeit Kontakte zu dem dort stationierten Funktechnischen Bataillon der Sowjetarmee hergestellt. Das war sinnvoll, denn die Berührungspunkte waren deutlicher als bei einem Panzerbataillon.

Der Gedanke der Waffenbrüderschaft ist so alt wie die Tatsache, dass es Streitkräfte gibt. Sie wird nach Inhalt und Form immer von den Kommandierenden bestimmt. So war es auch in der NVA. Waffenbrüderschaft wurde bei uns als politisches Ritual verstanden, und was über das Übliche hinaus ging, wurde fast immer argwöhnisch beäugt. Das war im Falle unserer Partner in Rerik die sowjetische Seite und später bei meinen Begegnungen mit polnischen Fla-Raketensoldaten waren es unsere Organe, die argwöhnten. Ich verstand den Begriff der Waffenbrüderschaft ganz praktisch und ganz persönlich. Praktisch in dem Sinn, dass etwas für die Lösung meiner militärischen Aufgaben dabei herauskam. Mit unseren Freunden auf der Halbinsel Wustrow organisierten wir die Übernahme der Funkmessinformationen des sowjetischen Funktechnischen Bataillons Rerik, das quasi der westlichste Funkmessposten für unsere Fla-Raketenabteilung war. Dazu brachten wir einen eigenen Ableser auf den sowjetischen Bataillonsgefechtsstand, der die Luftlage über Funk an uns sendete. Damit hätten wir im Ernstfall über eine Luftlage verfügt, die näher an der Echtzeit lag als die des allgemeinen Netzes. Wir bildeten mit unserer Trainings- und Kontrollapparatur die sowjetischen Funkorter aus und führten Wettbewerbe zwischen den Planzeichnern durch, die die Luftlage darstellten. Das stand zwar alles nicht im Plan der Waffenbrüderschaft, war aber für beide Seiten nützlich. Selbstverständlich bestimmten auch Sportwettkämpfe die Begegnungen zwischen den Angehörigen unserer Einheiten. Im Objekt unserer Freunde auf der Halbinsel Wustrow führten wir regelmäßig Wettkämpfe im Pistolenschießen der Offiziere durch. Unsere Schießergebnisse wurden von mal zu mal besser. Bald hatten wir das Niveau unserer sowjetischen Freunde erreicht. Beim Anlegen der Schutzausrüstung schlugen wir sie aber immer. Das mochten und konnten sie nicht, und gute Verlierer waren sie auch nicht. Diese Disziplin wurde bald aus dem Wettkampfplan gestrichen. Die wechselseitige Einladung zu Feierlichkeiten und anderen Höhepunkten bot vielen Angehörigen beider Armeen die Möglichkeit, sich persönlich kennen zu lernen, die gern wahrgenommen wurde.
Wir haben uns in den Jahren unseres gemeinsamen Dienstes im Kreis Bad Doberan auch oft mit unseren Familien getroffen. Es war eine herzliche, aber dennoch distanzierte Freundschaft, die sich entwickelte. Bestimmte Leute im Umfeld des sowjetischen Kommandeurs Naumow sahen es nicht besonders gern, dass sich so enge Kontakte zwischen uns heraus gebildet hatten.
1979 fand diese enge Waffenbrüderschaftsbeziehung dann ein jähes Ende. An einem Wochenende kam Naumow mit seiner Frau Anna nach Retschow. Sehr ernst eröffnete er uns, dass er einen Marschbefehl nach Fernost erhalten habe. Wir gingen sehr traurig auseinander und sahen uns nie wieder.

Hauptelemente der Ausbildung einer FRA S-75 waren die allgemein-militärische und politische Ausbildung, die Spezialausbildung in den Einheiten und die Ausbildung zum Herstellen der Geschlossenheit der Abteilung. Dazu gehörten die halbjährlichen Prüfungsschießen auf reale Ziele, Abbau und Aufbau des Fla-Raketenkomplexes und Trainings zur Verlegung mit und ohne zerlegbare Laderampe. Ein paar Worte zur zerlegbaren Laderampe. Mit diesem Gerät war es möglich, auch während des Eisenbahntransports die Technik einer Abteilung bei einem Halt auf freier Strecke zu entladen. Bei der Verlegung ins Feldlager nach Lieberose war diese Variante obligatorisches Ausbildungselement.
Das Marschband einer FRA S-75 in Gefechtsstärke umfasste einschließlich Flakbatterie und Rückwärtiger Dienste 70 bis 75 Fahrzeuge und Anhänger. Das Marschband konnte schon mal eine Länge bis zu 2.000 m und mehr erreichen. Ins Feldlager verlegten wir in der Regel mit 30 Fahrzeugen und Hängern. Verlegeübungen an andere Standorte, in das Feldlager in Lieberose und zum Gefechtschießen in der UdSSR mit dem realen Start von Fla-Raketen, waren regelmäßige Ausbildungshöhepunkte.

Für die Technische Kompanie gab es die Ausbildung und Überprüfung zur Montage und zur Betankung von Fla-Raketen. Eine komplizierte und nicht ungefährliche Angelegenheit. Die Handgriffe und der vorgeschriebene technologische Ablauf mussten hunderte Male trainiert werden bis sie auch unter schwierigen Bedingungen beherrscht wurden. Das Jahr 1977 war für mich besonders hart. Bereits im Frühsommer waren wir im Feldlager in Lieberose. Hin- und Rückverlegung verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Im Feldlager wurde dann die Überprüfung der Stromversorgung meiner Abteilung mit "ungenügend" bewertet, und das Prüfungsschießen auf reale Ziele ging ebenfalls an den Baum. Das Tochtersichtgerät an meinem Arbeitsplatz fiel aus, und ehe ich mich versehen hatte, war das Prüfungsschießen vorbei. Vier Ziele durchgelassen - Gesamtnote "ungenügend". Ich war fix und fertig, als ich mit der Abteilung wieder daheim war. Im September wollten wir beim Gefechtsschießen um die Wanderfahne der 43. FRBr kämpfen. Anfang Juli kam der Brigadekommandeur, Oberst Prottengeier, und sein Stellvertreter zu uns. Kein böses Wort. Wir analysierten die Ergebnisse und kamen zu dem Schluss, dass die Grundlagen vorhanden waren, und wir zielstrebig daran arbeiten mussten, um eine Wiederholung der Fehler von Lieberose zu vermeiden. Die Ursachen für schlechte Bewertungen der Leistungen einer Abteilung lagen immer konkret bei Einzelnen. In diesem Fall beim Leiter der Stromversorgungsanlage, der seinen Kontrollpflichten nicht nachgekommen war und beim Leiter der Rundblickstation, der sich beim Prüfungsschießen nicht an seinem Platz befand. Beides wurde im Gespräch ausgewertet und disziplinarisch "gewürdigt". Die Konzentration der Vorgesetzten auf uns war unangenehm, aber sie brachte auch Vorteile. Man räumte uns zusätzliche Möglichkeiten zur Ausbildung ein, die wir sonst nicht gehabt hätten. Um es kurz zu machen: Wir erhielten beim Gefechtsschießen in der Sowjetunion die Bewertung "ausgezeichnet" und retteten das Gesamtergebnis der 43. Fla-Raketenbrigade, weil wir ein Ziel bekämpften, dass unser Nachbar durchgelassen hatte. Die großen Verlierer des Feldlagers Lieberose erhielten danach die Wanderfahne, die damals eine begehrte Auszeichnung war. Das schönste Fähnchen aber erhielt ich von meiner Startbatterie. Es trägt die Nummer 6166029 und saß auf den Staurohrpfropfen jener Fla-Rakete, die uns den Erfolg gebracht hatte. Es hat noch heute einen Ehrenplatz bei mir. Ein solches Fähnchen war an jedem Staurohr einer Rakete angebracht und diente der Kontrolle, ob das Staurohr beim Start richtig ausgefahren war. Man fand es nach dem Start, meist erst nach längerem Suchen, im Umfeld der Rampenstellung. Dieses Souvenir von meinen "Batzen", wie sich die Soldaten der Startbatterie gern selbst nannten, ist eine Auszeichnung, auf die ich sehr stolz bin.

Im Oktober fuhr ich erst einmal mit meiner Familie in den Urlaub nach Geising. Wir hatten unser neues Familienmitglied Peter den I., einen Kater, dabei. Erstmals fuhren mit dem eigenen Auto, einem Saparoshjez (Sapo) - "leichter Panzer" aus der Sowjetunion. Während eines Halts bei Dresden wäre unser Kater fast davon gelaufen. Erst nach intensivem Suchen fanden wir den Ausreißer wieder. Wahrscheinlich konnte er mit seinem feinen Gehör den Lärm des russischen Motors nicht länger ertragen. Um eine Wiederholung zu verhindern, bekam Peter ein Halsband und daran eine drei Meter lange Leine. Wir hatten in Geising Glück und bekamen direkt gegenüber vom Ferienheim eine Garage, in der wir unseren "Sapo" und Peter den I. unterbringen konnten. Alles klappte wunderbar. Als wir nach dem Urlaub wieder nach Haus kamen, überquerte kurz vor Bad Doberan eine Rotte Wildscheine die Straße. Ich erwischte den letzten Überläufer der Rotte. Es rumpelte beachtlich, und dann standen wir. Ich stieg aus, sah hinter dem Auto das Tier liegen und überlegte, was zu tun sei. Als ich mich gerade entschieden hatte, den "Abschuss" mitzunehmen und das Auto etwas zurücksetzen wollte, rappelte sich das Schwein auf und war im Nu im Wald verschwunden. Oh, oh, wenn das Vieh in meinem Kofferraum wach geworden wäre?! Wir fuhren schnell nach Hause.

Kurz nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub gab es ein unangenehmes Ereignis. Man musste mich mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus nach Kühlungsborn bringen, weil ich ohne sichtlichen Grund das Bewusstsein verloren hatte. Zuerst vermutete man einen Hirnschlag. Das war zum Glück nicht der Fall. Die Ärzte meinten dann, es sei eine temporäre Durchblutungsstörung. Nach einer Woche wurde ich wieder entlassen, mit der Auflage mich im Zentralen Armeelazarett in Bad Saarow gründlich untersuchen zu lassen. Auch dort fanden die Ärzte keine Ursache für meinen "black out". Ich hatte bis zum Ende meiner Dienstzeit dann keine weiteren gesundheitlichen Ausfälle.

Nach dem Gefechtsschießen 1977 standen wir im Folgejahr weniger unter Druck, weil die anderen Abteilungen dran waren. Planmäßige Kontroll- und Wartungsarbeiten, das Diensthabende System und die Gefechtsausbildung bestimmten den Lebensrhythmus der Abteilung. Dazu kamen ab und zu, natürlich immer zur Unzeit, die allseits gefürchteten besonderen Vorkommnisse. Dazu zählten Kfz.-Unfälle, Beschädigungen der Technik, unerlaubte Entfernungen u.ä.
Wir waren stets bemüht, gute Kontakte zum Umland zu halten. Der Bürgermeister der Gemeinde Retschow und der LPG-Vorsitzende waren unsere regelmäßigen Gesprächspartner. Wir halfen ihnen, und sie halfen uns. Die Wohnsiedlung war Bestandteil der Gemeinde Retschow und so finanzierte der Bürgermeister bei notwendigen Arbeiten das Material und unsere Berufssoldaten und Zivilbeschäftigten führten die Arbeiten aus. Bei unseren Beziehungen zum Volkseigenen Gut Vorderbollhagen war das schon schwieriger. Der Einsatz von Personal und Technik im zivilen Bereich war ohne Genehmigung streng verboten. Wir loteten die Möglichkeiten aus, im Rahmen der Vorschriften zu handeln, und fanden Lösungen, die die bestehende Vorschriften nicht verletzten.

"Die Frauen sind unser Hinterland", war ein Spruch, der bei Veranstaltungen, an denen die Ehefrauen und Lebensgefährtinnen teilnahmen, gerne geklopft wurde. Es gab zwei Bereiche in meiner Tätigkeit als Kommandeur, in denen ich nicht besonders erfolgreich war. Der erste war die Arbeit mit den Zivilbeschäftigten und damit mit der Gewerkschaft, und beim zweiten handelte es sich um die Arbeit mit den Ehefrauen in der Wohnsiedlung. Ich habe dabei viele Möglichkeiten vergeben, über die Ehefrauen Einfluss auf die Stimmung meiner Berufssoldaten zu nehmen. Das bedauere ich heute, weil es objektiv gesehen keine echten Gründe gab, sich dieser Aufgabe nicht zu widmen. Meine Frau arbeitete inzwischen bei der Arbeiter- und Bauerninspektion in Bad Doberan als Sekretärin, und unsere Tochter ging in dieser Stadt in die Polytechnische Oberschule.
An der Bushaltestelle und beim Einkauf musste meine Frau den Unmut anderer Frauen über sich ergehen lassen, den ich durch die eine oder andere Entscheidung ausgelöst hatte. Das war nicht einfach für sie und führte manchmal zu Spannungen zwischen uns. Auch in der Zeit, als wir in Retschow lebten, setzte meine Frau ihr Fernstudium in Meißen fort. Regelmäßig musste sie vom Norden in den Süden nach Meißen reisen und an den aktiven Studien teilnehmen. Es war aufwendig, aber es machte ihr Freude, mit anderen Gleichgesinnten über Kunst, Kultur u.a.m. zu debattieren. 1979 schrieb sie eine sehr gute Abschlussarbeit , und im Juli bekam sie ihr Zeugnis.
Mit unserer Tochter Katrin bemühten wir uns um einen Platz für sie an der Erweiterten Oberschule. Sie bekam eine Option für einen Abitur-Platz mit Berufsausbildung in Dorf Mecklenburg.

Im Verlaufe des Jahres 1978 wurde mir mitgeteilt, dass ich im Mobilmachungsfall eine Fla-Raketenabteilung im Süden der Republik einsatzbereit machen und ins Gefecht führen müsste. Gleichzeitig wurde mir bekannt gegeben, welche Berufssoldaten der 43. FRBr mit mir den Kern dieser Abteilung bilden würden.

Siegfried Horst



Vom Infanterieregiment-28 zur 43. Fla-Raketenbrigade!

Erinnerungen von Lothar Herrmann

Im Jahr 1956 begann meine militärische Laufbahn mit der Grundausbildung im Infanterie-regiment-28 in Rostock, sein Kommandeur war damals Major Klepsch. Die Gelände-ausbildung war hart, aber von hoher Qualität. Die Schießausbildung erfolgte an allen in der Kompanie im Einsatz befindlichen Schützenwaffen. Die Abschlussübung fand im Rahmen einer Divisionsübung auf der Insel Rügen statt.

1956 begann die Ausbildung an der Flak-Artillerie-Schule in Geltow. Im 2. Lehrjahr wurden einige Offizierschüler als Gruppenführer zur Ausbildung von Reservisten in der 1. Flak-Division eingesetzt. Beim Vorbereitungslehrgang im Flak-Regiment Eggersdorf machte ich erstmals die Bekanntschaft mit Hptm. Peter Prottengeier, meinem späteren Kommandeur im FRR-13 und in der 43. FRBr. Bei der Reservistenausbildung im Flak-Regiment in Frankenberg hatte ich den ersten "Sichtkontakt" mit dem damaligen Major Heinz Trautsch.
1959 wurde ich mit weiteren Offizierschülern nach vorzeitigen Abschlussprüfungen in einen Funkmesslehrgang eingegliedert, auch hier gab es 1960 ein vorzeitiges Ende. Mit einigen anderen Offizieren wurde ich nach Strausberg zur "Abteilung Luftschutz" verfrachtet. Zu meinem nicht geringen Erstaunen war ich plötzlich Bau-Zugführer im Pionier- und Bau-Bataillon-14. Das Endziel dieser Reise war die zukünftige Feuerstellung der späteren FRA Fürstenwalde, die sich im Endstadium des Ausbaus befand. Es stellte sich heraus, dass dort nahezu alle Offiziere ausgewechselt wurden. Als Grund wurde ein Zusammenbruch der Disziplin angegeben. Von dort wechselten wir zur Baustelle Prötzel. Der Kommandeur Hptm. Beier und der Bauleiter waren die einzigen Spezialisten im Pionierwesen. Stabschef wurde der berühmte Hauptmann Leskin. Zum Bau ist nur zu sagen, dass endlich der Bagger und andere technischen Hilfsmittel wirklich produktiv zum Einsatz kamen. Persönlich "qualifizierte" ich mich im Bau von Feuerstellungen, Straßen und Zäunen aller Art. Mein Kompaniechef war Oberleutnant Jentsch, dem ich in der Folgezeit in verschiedenen Dienststellungen wieder begegnete.
Kurz vor der Verlegung zur nächsten Baustelle Klosterfelde wurde ich zu einer Aussprache geladen. Nach kurzer Kontrolle meines "Sündenregisters" wurde aber das Ergebnis der Besprechung eine echte Überraschung, ich wurde zum Kfz-Zugführer ernannt. Mein Hinweis auf das Fehlen einer Fahrerlaubnis wurde mit der Bemerkung hinweggefegt, dass es nicht um Fachwissen, sondern um die Herstellung von Disziplin und die Arbeitsorganisation ginge. Für die Fachfragen hätte ich ja zwei Unteroffiziere. Verantwortlich war ich für ca. 30 Lkw und Kipper, einen Bagger, weitere Baumaschinen und die Arbeitsorganisation, besonders für Entladung von Eisenbahntransporten und Baustofftransporten. Erstaunlicherweise lief es gut. Ende des Jahres 1960 wurde ich dann als Feuerzugführer zur Flak-Batterie in Prötzel versetzt. Wir übernahmen die Technik, begannen die Ausbildung und bereiteten uns auf das erste Gefechtsschießen vor, Das war mir vertraut, da ich selbst in einer Geschützbedienung mehrmals geschossen hatte. Aber natürlich war ich vor dem Schießen wieder weg. Diesmal landete ich im LAR-12 in Pinnow und wurde dort als Obertechniker für die Kabine PAA ausgebildet. Im Zeitraum von 1962 bis 1963 erfolgte mein Einsatz in der FRA-232 (vormals FRA-172) nacheinander als 2. Zugführer der FuTK, Kompaniechef der FuTK und zuletzt als Stellvertreter des Kommandeurs der FRA.

Von 1963-1965 war ich als Oberoffizier Funktechnische Einrichtungen im Fla-Raketen-ingenieurdienst des FRR 23 (vormals FRR-17) eingesetzt. Im FRR-23 wurden in diesem Zeitraum unter Führung des Regimentskommandeurs, Major Keine, große Anstrengungen zur Senkung der Normzeiten unternommen (beim Stellungswechsel der FRA wurde eine Zeit von 30 Minuten erreicht und in der TA die Arbeitsproduktivität einer Technischen Kompanie von 12FAR/Stunde).
Nach dem Studium an der "Artilleriehochschule für Ingenieure" in Kiew erfolgte 1970-1977 mein Einsatz als Leiter des Fla-Raketeningenieurdienstes im FRR-13. 1970 begann dort die Umrüstung von den FRK "Dwina" auf die FRK "Wolchow" mit gleichzeitigem Austausch der Fla-Raketen 11D durch 20D. Nach der Inbetriebnahme der neuen Technik wurde die alte Technik an neue Nutzer übergeben.
Infolge der Einlagerung der Raketen in die C-Objekte musste mehrfach der Technologische Ablauf zur Vorbereitung der Fla-Raketen zum Verschuss geändert werden, wobei große Anstrengungen zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bis auf 12/Stunde gemacht wurden. Neben Offizieren des FRID war daran auch Ltn. Peter Ganß beteiligt, der später Leiter der Politabteilung der 43. FRBr wurde.

Von 1977 bis 1988 war ich dann Stellvertreter des Kommandeurs und Leiter des Fla-Raketeningenieurdienstes der 43. FRBr in Sanitz bei Rostock. Somit war ich wieder am Ausgangsort meiner militärischen Laufbahn angekommen, die ich dort 1988 beendete. Parallel zur Einarbeitung in der Funktion war selbständige Qualifizierung angesagt. Schwerpunkte waren der Fla-Raketenkomplex S-125, das Automatisierte Führungssystem, die neuen Probleme der Sicherstellung mit Fla-Raketen und die Arbeit als Schießender der FRBr. Erleichtert wurde die Arbeit durch das gute Kollektiv der Führung und einen qualifizierten Fla-Raketeningenieurdienst.
Die Dislozierung an der Küste brachte einige Besonderheiten mit sich. Fast täglich gab es Aktivitäten der NATO-Luft- und Seestreitkräfte von der Aufklärung bis hin zu provokativen Anflügen. Wegen der exponierten Lage im System der Luftverteidigung wurden im Regelfall neue Fla-Raketensysteme (S-200, S-300) und automatisierte Führungssysteme zuerst in der 43. FRBr eingeführt. Zusammen mit den laufenden Modernisierungen ergaben sich daraus besonders hohe Anforderungen an die Führungstätigkeit.

Ein besonderer Höhepunkt war das Gefechtsschießen 1989 in Aschuluk, wobei das Prüfungsschießen automatisiert unter Führung des Brigadekommandeurs mit vier verschiedenen Waffensystemen und im Zusammenwirken mit dem JG-9 und einem Regiment der Truppenluftabwehr durchgeführt wurde. Nach meinen bisherigen Erkenntnissen war und ist ein so kompliziertes Prüfungsschießen einmalig. Das Gefechtsschießen wurde mit der Note "Gut" abgeschlossen. Dabei erfüllte die FRA-4351 das Erstschießen mit dem Fla-Raketenkomplex S-300 mit ausgezeichneten Ergebnissen.

Lothar Herrmann

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