Die Luftverteidigung der DDR bis 1990



Die Geschichte der Flak- Batterie 1743

Aufgeschrieben von unserem Batteriechef Major a. D. Zönnchen

Mit der Einführung der Raketentechnik in die Luftabwehr wurden die Regimenter der 1. Fla- Division aufgelöst und auf dem Papier entstand die Struktur der neu zu bildenden Luftverteidigungsdivisionen und ihrer Fla- Raketenregimenter. Die als Führungskader vorgesehenen Berufssoldaten erhielten ihre Kommandierung zu Crash- Lehrgängen in Pinnow.
Die Auflösung der Flak- Batterie 147 mit Standort Frankenberg erfolgte im Zeitraum Oktober- Dezember 1960. Die Offiziere wurden nach Potsdam- Geltow zur Flakschule, die Unteroffiziere nach Wolfen in das Heimat- Flak- Regiment 15 versetzt. Von dort aus erfolgte die Kommandierung ausgewählter Kader zu den o. g. Kursen nach Pinnow und die anschließende Versetzung in die Technischen Abteilungen, Funktechnische Kompanien und Feuerbatterien.
Am 10. Juli 1961 wurde mit mir beim Eintreffen in Pinnow das Kadergespräch geführt, in dem mir mitgeteilt wurde, dass mein Einsatz als Chef einer 57mm- Flak- Batterie vorgesehen ist. "Sie sind ab heute Batteriechef der Flak- Batterie der IV. Feuerabteilung des Fla- Raketenregiments Stallberg. Ihr Regiment hat gestern nach Stallberg verlegt. Hier ist für Sie keine Ausbildung- fahren Sie hinterher!" Damit war ich Batteriechef ohne Unterstellten und ohne Technik.
Im Regimentsstab in Stallberg beschäftigte ich mich mit den anderen Batteriechefs zunächst mit viel Papierkram, aber auch vor Ort im zukünftigen, noch im Bau befindlichem Stammobjekt mit der Vorbereitung auf die zu erwartenden Aufgaben. Nach meiner Rückkehr aus dem Erholungsurlaub erwartete mich eine neue Aufgabe als "Verantwortlicher für den Stellungsbereich der Feuerabteilung Weggun". Untergebracht waren außer mir noch 1 Unterwachtmeister und 8 Kanoniere in den Baracken, denn die Kaserne wurde gerade gebaut. Unsere Hauptaufgabe bestand in der Bewachung der noch leeren Raketenstellung. Mit einer MPi 41 und 4 Karabinern 44 waren wir bestens ausgerüstet. Eine Nachrichtenverbindung zum vorgesetzten Stab existierte ebenfalls nicht und so erfuhren wir von den Ereignissen um den 13. August durch den Rundfunk. Das Abenteuerleben endete am 5. Oktober, ich durfte nach der Ablösung in Urlaub fahren.
Nach Stallberg zurückgekehrt, begann die personelle Auffüllung der Batterie, die sich von Mitte Oktober bis Ende November hinzog. Da die Unterkünfte in Weggun noch nicht fertig waren, bezogen wir Gastquartier in der II. Feuerabteilung in Eichhof, wo wir nach Zuführung der Technik auch sogleich mit der Gefechtsausbildung begannen. Parallel dazu begannen wir mit dem Ausbau der Flakstellung in Weggun als Voraussetzung für die Übernahme in das Diensthabende System der Luftverteidigung des Warschauer Vertrages (kurz: DHS). Ein erster Höhepunkt für die Batterie war die Übernahme in die 3. Luftverteidigungsdivision (3. LVD) Anfang Dezember. Den Festtagsurlaub (jeweils 50% zu Weihnachten und zu Neujahr) hatten wir uns redlich verdient

Die im Objekt verbliebene Hälfte feierte, wie es sich gehört, mit Stollen, Festtagsbraten und Glühwein aus dem guten"Gamza"- Rotwein.
Am 15. Januar war es dann soweit. Die Kaserne in Weggun war bezugsfertig und wir verlegten mit Sack und Pack und Flak. Nun begann der übliche Kasernendienst, ergänzt durch Arbeitseinsätze in der Freizeit, um das Objekt bewohnbar zu machen, d.h. Wege anzulegen und den Erdaushub zwischen den Blöcken einzuebnen. Natürlich wurde weiter am Stellungssystem gearbeitet. Zweimal übten wir auch "Militärcamping" mit unseren kleinen Zeltbahn- Zelten. Wecken war dann mit Sonnenaufgang um 04.00 Uhr und Dienstschluss um 20.00 Uhr mit Baden im Pegnitzsee. Nicht unerwähnt soll sein, dass die Wachgestellung einen großen Teil des Dienstplanes ausfüllte.

Im Monat Juli 1962 verlegten wir zur Vorbereitung auf das Gefechtsschießen in ein Zeltlager auf dem Behelfsflugplatz Tutow. Das anschließende Gefechtsschießen auf dem Flak- Schießplatz Zingst- "Sundische Wiese" erfüllten wir mit der Note "Sehr Gut". Das gute Ergebnis wurde von einem tragischen Unglücksfall überschattet: Beim Batterieschießen im "Spiegelbildverfahren" gab es am 3. Geschütz eine Ladehemmung. Die Bedienung brachte das Rohr in "Null- Lage"- es zeigte dann auf die Bedienung des 1. Geschützes, die blitzartig in Deckung ging. Beim Versuch, die verklemmte Granatpatrone zu entfernen, verlor der Offizier des Waffentechnischen Dienstes Oberleutnant Lauckner zwei Finger der rechten Hand. Nachhaltig ist wohl auch jedem Teilnehmer die Mückenplage in Erinnerung geblieben.
Die Rückverlegung erfolgte mit einem Umweg über Burg Stargard, wo wir die Flak- Batterie zum Schießen aus dem DHS herauslösten. Am 20. August übernahmen wir das DHS in Weggun- der Alltag hatte uns wieder!
Am 07. Oktober war es dann soweit, ich wurde zum Oberleutnant befördert, außerdem wurde ein Großteil der Kanoniere nun endlich "Gefreiter" und die schon länger in der Batterie dienenden Unteroffiziere "Unterwachtmeister". Im Herbst 1962 erfolgte unser Einsatz zur Kartoffelernte im Kreis Ückermünde. Untergebracht wurden wir in unserer alten Unterkunft in Eichhof, der Einsatzort war Neudorf.

Auf dem ersten Kfz- Marsch dorthin, es war der 9. Oktober, überholte am Ortsausgang Wilhelmsburg ein ziviler Kradfahrer das letzte Fahrzeug unserer Kolonne und stürzte auf dem Sommerweg. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus an den erlittenen inneren Verletzungen.

Am 15. Oktober kehrten wir nach beendeter Erntehilfe in unseren Standort zurück und am 16. Oktober erhielt ein Teil des Personalbestandes Urlaub. Der war aber nur kurz, denn bereit am 18. Oktober wurden sie per Telegramm wegen der "1. Kuba- Krise" zurück gerufen. Der Gefreite Wurche kam mit Taxi und erhielt für seinen Verstoß gegen die Urlaubsvorschrift (er hatte als Urlaubsanschrift seine Heimatadresse angegeben, aber sich nicht dort aufgehalten- deshalb erreichte ihn das Telegramm "Sofort zurück zur Dienststelle" erst verspätet) das "Leistungsabzeichen der NVA"- was ihn während des Studiums zum Aktivistenstipendium verhalf!
Wir bezogen unsere im Sommer fertig gestellten Mannschaftsbunker. Als wir am 18. November wieder unsere Unterkünfte zurückkehren durften, lag bereits Schnee.
Ein ungewöhnlich harter Winter stand uns bevor!
Zeitweilig sank die Quecksilbersäule bis auf -28C und es hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass Wölfe über die zugefrorene Oder in die Wälder um Weggun gelangt seien. Deshalb durfte zeitweilig nur in Begleitung eines Offiziers mit Pistole zur Stellung marschiert werden.

Insgesamt verlief das Jahr 1963 etwas ruhiger. Diesmal verlegten wir zur Vorbereitung auf das Gefechtsschießen zum JG 2 auf den Flugplatz nach Trollenhagen. Die Rückverlegung erfolgte bei hochsommerlichen Temperaturen von über 30C im Landmarsch über unbefestigte Landstraßen und Feldwege. Die Funken aus den Auspuffen der ATS setzten das trockene Gras in den Straßengräben in Brand und unser "Spieß", der mit seinem Fahrzeug den "Technischen Schluss" der Kolonne bildete hatte reichlich Gelegenheit, sich als Feuerwehrmann zu betätigen. Rußgeschwärzt erreichte er mit seinen Mannen bei Fürstenwerder wieder den Anschluss an das Marschband. Das Schießen selbst beendeten wir mit guten und sehr guten Noten, im Rahmen des Wettbewerbs der Flak- Batterien belegten wir den 2. Platz im Rahmen der LSK/LV.
In Vorbereitung des Ausbildungsjahres 1963/64 wurde durch das Personal der Flak- Batterie eine Ausbildungs- Batterie aufgestellt, welche die neu eingestellten Soldaten für die Funktechnische Kompanie und die Startbatterie ausbildete. Als Batteriechef fungierte ich, Zugführer war Leutnant Seifert. Die Vereidigung fand in Pasewalk statt. Oberleutnant Wickfelder leitete während dieser Zeit den Dienstbetrieb in der Batterie 1743, denn es gab keine Abstriche in der Gefechtsbereitschaft. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres erfolgte nur noch die Auffüllung der Führungsgruppe, des Messzuges und des 1. Feuerzuges mit Wehrpflichtigen; der 2. Feuerzug wurde mit ausgebildeten Reservisten aus dem Einzugsgebiet aufgefüllt. Deren Ausbildungsstand war recht unterschiedlich und es galt nach jedem Vierteljahr mit dem Wechsel dieses Personalbestandes in kürzester Zeit den vollen Kampfwert der Einheit wiederherzustellen.
Das Vorbereitungslager auf das Gefechtsschießen fand diesmal in Peenemünde statt. Das Schießen selbst wurde mit der Note "Sehr Gut" abgeschlossen.
Nach dem Schießen begann die systematische Auflösung der Batterie. Die Aufgaben im DHS mussten zwar noch erfüllt werden, aber das war in erster Linie Aufgabe der Führungsgruppe und des Messzuges, der Rest des immer geringer werdenden Personalbestandes wurde vornehmlich zu Sicherstellungsaufgaben herangezogen.
Nachdem im Ausbildungsjahr 1964/65 die Abteilung vom Gefechtsschießen in der Sowjetunion zurückgekommen war, begann die Auflösung der Batterie 1743. Die Technik wurde konserviert und unter den Schleppdächern abgestellt. Parallel dazu begannen die ersten Abversetzungen und Umsetzungen, die mit der Entlassung im Oktober abgeschlossen wurden.
Mit einem Teil der Führungsgruppe wurde der Nachrichtenzug aufgefüllt, der Rest des Personalbestandes wurde in die Funktechnische Kompanie und die Startbatterie versetzt.
Oberleutnant Wickfelder wurde in die Funktechnische Kompanie versetzt, Oberleutnant Seifert übernahm die RBS, ich selbst wurde in den Regimentsgefechtstand als OpD versetzt.
So vollendete sich die Geschichte der Flak- Batterie 1743 nach 4 Jahren ihres Bestehens.



    

 

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