Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Beitrag Nr.2a ~ Ergänzende Untersuchungsergebnisse
   zum U-2 Abschuss 1960

Der Abschuss der U-2 bei Swerdlowsk (heute Jekaterinenburg) am 1. Mai 1960

Die Veröffentlichungen im russischen Internet (Quellen siehe unten), auf denen dieser Artikel beruht, beziehen sich sowohl auf Dokumente einer Untersuchungskommission des sowjetischen Militärs als auch auf den Aussagen von Augenzeugen bzw. Teilnehmern der Gefechtshandlungen am 1. Mai 1960. Von zwei weiteren Kommissionen, der des KGB und der Staatsanwaltschaft, wurden die entsprechenden Akten noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben.
Der Pilot und Oberleutnant Francis Powers überflog am 1. Mai 1960 mit seiner U-2 von Peschawar kommend um 5.36 Uhr Moskauer Zeit die südliche sowjetische Staatsgrenze. Gegen 6.00 Uhr nahmen die Einheiten der Luftverteidigung im weiten Umkreis die Bereitschaftsstufe 1 ein. Als feststand, dass der Flug tief in das Landesinnere der Sowjetunion führte, erfolgte die Auslösung des Signals „Teppich“, worauf alle zivilen und militärischen Flugzeuge unverzüglich zu landen hatten. Dieses Signal befolgten die Jagdfliegerkräfte im Raum Swerdlowsk bewusst nicht. Ein Zusammenwirken der Jagdflieger mit den Fla-Raketentruppen war jedoch nicht organisiert. Bis zum Eindringen der U-2 in den Wirkungsbereich der 57. FRBr. stimmen die Darstellungen verschiedener Quellen über die stattgefundenen Ereignisse überein. Nach bisherigen Darstellungen ergeben sich mindestens zwei Varianten des Abschusses.
Der Autor Sergej Zelin bringt diesen Umstand mit der Überschrift seines Artikels „Der Grenzverletzer ist vernichtet. Aber wie und von wem?“ auf den Punkt. Für das Verständnis des folgenden Textes ist die genaue Betrachtung der beiden Skizzen von Notwendigkeit.

Karte anhand der Der Aufklärungs-
und Zielzuweisungsmittel
der Fla-Rakentruppen

Darstellung des Flugweges der U-2 anhand der
Funktechnischen Truppen der
4. sebständigen LV-Armee

Das Vorspiel:
Powers drang auf seinem Weg nach Norden in den Wirkungsbereich der 37. FRBr. bei Tscheljabinsk, südlich von Swerdlowsk, ein. Diese war mit Fla-Raketenkomplexen des Typs S-75 „Desna“ ausgerüstet. Die südlichen vier FRA der strukturmäßig sechs vorhandenen FRA deckten ein Objekt „Tscheljabinsk-40“ der sowjetischen Kernwaffenindustrie. Zwei der FRA befanden sich zu diesem Zeitpunkt zum Gefechtsschießen. Eine FRA fasste das Ziel auf, konnte aber wegen zu großer Entfernung keine Raketen starten. Die vierte FRA war technisch nicht einsatzbereit. Powers flog nun die Wirkungszonen der beiden nördlichen FRA (5.+6.) der 37. FRBr. an. Vor deren
Wirkungsbereich ereignete sich gegen 8.40 Uhr der erfolglose Versuch des Piloten Mentjukow, die U-2 mit seiner Su-T3 (Vorserienmuster der Su-9) zu rammen. Die neue Maschine befand sich auf einen Überführungsflug und war nicht mit Luft-Luft-Raketen ausgerüstet, besaß auch keine Bordkanone. Die 6. FRA der 37. FRBr erwies sich ebenfalls als nicht einsatzbereit.

Darstellung des Abschusses der U-2 nach Oberst-Ing. Samoilow:
Die 5. FRA, Nowikow, der 37. FRBr zögerte mit dem Start einer Rakete bis zum Übergang des Ziels in den Abflug und feuerte um 8.46 Uhr eine Rakete ab. Der Parameter (Abstand des seitlichen Vorbeifluges des Ziels zur FRA) soll 22 km betragen haben. Die Startentfernung (Entfernung des Ziels beim Start der Rakete) soll 32 km betragen haben. Die Rakete detonierte in der 53. Sekunde des Fluges, festgehalten durch einen Obertechniker in der Kabine „A“ der FRA von Nowikow. Der Autor Samoilow, damals 2. Zugführer in der FuTK dieser FRA, ist überzeugt, dass die Rakete das Ziel zum Absturz brachte. Die beiden FRA der 57. FRBr schossen demnach ca. 5-7 min später auf das niedergehende, sich bereits zerlegende Ziel.Man könnte davon ausgehen, dass die Rakete auf ein Ziel ansprach. Die Selbstzerlegung einer Rakete 13D erfolgt gewöhnlich in der 60. Sekunde (+/- 3 sec), wenn das Ziel nicht getroffen wird. Die mit ca. 200 m/s relativ langsam fliegende U-2 hätte in einer Entfernung um 40 km, außerhalb der durch die Schießregeln festgehaltenen Vernichtungs- zone der FRA, den entscheidenden Treffer erhalten können. Ebenfalls möglich sind aber Varianten, wonach die FRA von Nowikow auf die landende Su-9 bzw. das Paar MiG-19 schoss. Die Trümmerspur der U-2 zog sich über mehrere Kilometer südlich bis nördlich des Ortes Kossulino hin. Das würde mit dem von Samoilow angenommenen Flugkurs der U-2 übereinstimmen. Powers landete am Beginn dieser Spur 6 km südlich von Kossulino mit dem Fallschirm.Betrachtet man den Umstand, dass die beiden Schießenden der 1. FRA, Scheludko, und der 2. FRA, Woronow, der 57. FRBr in Auswertung des Ereignisses mit dem Rotbannerorden geehrt wurden und der Schießende der 5. FRA, Nowikow, der 37. FRBr leer ausging, dann dürfte diese Darstellung nicht die „offizielle“ sein. Diese kommt in der folgenden Darstellung des Generalleutnants G.S.Legassow zum Ausdruck.

Karte Samoilow:

Die Buchstaben A-E kennzeichnen die Orte des Niedergangs der Trümmer der U-2, 5 km südlich bis 4 km nördlich von Kossulino. Powers landete am Fallschirm am südlichen Anfang der Trümmer- spur, 6 km südlich von Kossulino.

A – Fundort der linken Tragfläche der U-2, ca. 5 km südlich Fundplatz C bei Kossulino.
B – Fundort der Reste der rechten Tragfläche mit Zusatztank, ca. 10 km südöstlich Fundplatz
C – Fundort des Rumpfes ohne Triebwerk und Leitwerk, ca. 1 km südwestlich Kossulino
D – Fundort des Triebwerkes ca. 4 km nordwestlich Fundplatz C
E – Fundort des Leitwerkes ca. 12 km nördlich des Fundplatzes C (korrigiert im Forum auf 1,2 km statt 12 km).

1 – 1. FRA der 57. FRBr, Kommandeur Scheludko
2 – 2. FRA, Schießender Woronow
3 – 3. FRA, Kommandeur Smirnow
4 – 4. FRA, Kommandeur Schugajew
5 – Stadt Swerdlowsk, jetzt Jekaterinenburg
6 – Flugplatz Kolzowo
7 – Haltepunkt/Ortschaft Kossulino
8 – 5. FRA der 37. FRBr, Kommandeur Nowikow
9 – 6. FRA, Kommandeur Schtschelkunski. Die FRA schoss nicht wegen Ausfall Technik.
10 – Absturzort der MiG-19 des Obltn. Safronow.
11 – Ort der Landung Powers mit Fallschirm.
12 – Zündung des Gefechtsteils der Rakete der 5. FRA
13 – Flugkurs der U-2 mit dem Piloten Francis G. Powers
14 – Ferne Grenze der Vernichtungszone des FRK S-75 in einer Höhe von 20 km.

Der Raketenverbrauch bei der 1.+2. FRA ist falsch (?) eingezeichnet. Scheludko schoss drei Raketen
und Woronow nur eine.

Darstellung des Abschusses der U-2 nach Generalleutnant G.S.Legassow:
Doch Vorsicht! Die Skizze ist nicht maßstabsgerecht! Sie soll nach den Worten des Generalleutnants nur dem allgemeinen Verständnis dienen! Legassow, damals stellvertretender Leiter einer Untersuchungskommission der Militärs, ließ die Gefechtshandlung der 5. FRA der 37. FRBr mit ihrem Kommandeur Nowikow vollkommen unberücksichtigt. Diese FRA ist auf der Skizze nicht einmal dargestellt. Ihre Vernichtungszone reichte etwa bis zu dem Punkt, der 8.40 Uhr von der Su-9 und der U-2 bei dem erfolglosen Rammversuch durchflogen wurde. Die 5. FRA lag von dort in nordwestlicher Richtung. Die drei dargestellten FRA gehörten zum Bestand der 57. FRBr. Sie waren mit Fla-Raketenkomplexen des Typs SA-75 „Dwina“ mit Raketen 1D/11D ausgerüstet. Nördlich lag die 1. FRA unter ihrem Kommandeur Scheludko. Südlich davon bei Kossulino war die 2. FRA entfaltet, die an diesem Tag von ihrem Stabschef Woronow geführt wurde. Die 3. FRA unter ihrem Kommandeur Smirnow lag von hier aus in westlicher Richtung, ebenfalls nicht auf der Skizze dargestellt. Nördlich von dieser lag die 4. FRA unter ihrem Kommandeur Schugajew, der die MiG-19 abschoss. Die Su-9 setzte 8.42 Uhr zur Landung auf dem Flugplatz Kolzowo bei Swerdlowsk an. Powers flog inzwischen einen Bogen, um sich Swerdlowsk von Osten zu nähern. Angeblich flog er ihn als Ausweichmanöver im Ergebnis des Rammversuchs durch die Su-9. Tatsächlich dürfte er die Su-9 nie gesehen haben, weil sie unter ihm flog.
Vom Flugplatz Kolzowo startete 8.43 Uhr ein Paar MiG-19. Beide schwenkten 8.53 Uhr auf den Kurs der U-2 ein, konnten sie jedoch mit 15.000 m in der Höhe nicht erreichen. Die 2. FRA, Woronow, startete 8.53 Uhr eine Rakete. Angeblich befanden sich die Startrampen des 2. und 3. Kanals in der Verbotszone, eine Sicherheitsvorrichtung, die den Start der Raketen in Richtung Antennenanlage der Sende-/Empfangskabine P verhindert.
Technisch ist es jedoch nicht möglich, dass sich zwei Startrampen gleichzeitig in der Verbotszone befinden, wenn sie entsprechend der Vorschrift entfaltet sind. Wahrscheinlicher ist, dass der Leitoffizier vergaß, die Startkreise der beiden Kanäle zu schließen. Die Rakete traf das Ziel im hinteren Bereich. Powers stieg aus. 8.55 Uhr wurden die herabfallenden Trümmer der U-2 von einer Raketensalve der 1. FRA Scheludko getroffen.
Legassow vermerkt nur eine „2. Rakete“. Von beiden Schießenden gingen keine eindeutigen Meldungen über die Zielvernichtung an den vorgesetzten Gefechtsstand. Daraufhin wurde dort davon ausgegangen, dass das Ziel nicht vernichtet wurde. Jetzt traf in diesem Raum das Paar MiG-19 ein und wurde als Ziel Nr. 8630, die Zielnummer der U-2, weiter geführt – eine Zielverwechslung mit tragischen Folgen. 9.20 Uhr setzte das zum Flugplatz zurückkehrende Paar MiG-19 zur Landung an. Bis dahin war noch immer nicht die Zielverwechslung bemerkt worden.
Die 4. FRA der 57. FRBr eröffnete um 9.23 Uhr das Feuer auf die zweite ohne Kennung fliegende MiG-19 und vernichtete sie. Gesamtverbrauch an Raketen nach dieser Darstellung: 2 Raketen auf die U-2, 3 Raketen auf die MiG-19.
Den mit der Trümmerspur nicht übereinstimmende Kurs der U-2 erklärt man mit einer Abdrift der vom Himmel fallenden Reste der U-2 infolge starker Höhenwinde. Auf die Klärung der vielen Widersprüche muss an dieser Stelle verzichtet werden. Dazu wären auch weitere ergänzende objektive Angaben zur Klärung des Sachverhaltes notwendig. Es wäre überhaupt die Frage, inwieweit der Personalbestand und die Untersuchungskommissionen damals auf Grund fehlender Erfahrungen in der Lage waren, die Vorgänge richtig zu bewerten. Auch übten politische Befindlichkeiten und Gerangel zwischen den Waffengattungen eine große Rolle.
Die wichtigsten Widersprüche wären:
Der Gesamt-Raketenverbrauch soll nach verschiedenen Quellen (u.a. Samsonow) bis zu 7 Raketen auf die U-2 und 8 Raketen auf das Paar MiG-19 bzw. Su-9 betragen haben. Das wird mit den vorliegenden Skizzen nicht erklärt.
Als die FRA von Woronow in Richtung Nordost auf die bereits abfliegende U-2 die angeblich entscheidende Rakete startete, bemerkte der Leitoffizier „passive Störungen“ im Zielbereich. Die U-2 besaß allerdings keine Vorrichtung zur Erzeugung passiver Störungen. Woher kamen sie?
War das die Detonationswolke einer zuvor von einer anderen FRA gestarteten Rakete, eben die von Nowikow?
Eine Untersuchungskommission stellte fest, dass die U-2 von einer Rakete getroffen wurde, die von hinten im Winkel von 24° an sie heranflog und in einem Abstand von 15 m unter dem Heck detonierte.
Musste deswegen die U-2 im Auswertebericht der Militärs diesen merkwürdigen Bogen um die 6. FRA der 37. FRBr fliegen, damit sie von Woronow von hinten getroffen werden konnte?
Durch diesen größeren Bogen ergibt sich bei maßstabsgerechter Darstellung eine längere Flugstrecke. Um zu den angegebenen Zeiten an den auf der Skizze vermerkten Punkten zu sein, hätte die U-2 mit Schallgeschwindigkeit fliegen müssen. Das konnte sie nicht! Der Abschuss der U-2 hätte an den Offiziersschulen und Militärakademien der Luftverteidigung des Warschauer Vertrages für die heranwachsenden Kader ein Lehrbeispiel sein müssen. Fast alles, was bei der Abwehr eines ungebetenen Eindringlings schief gehen konnte, traf ein. Dafür gab es objektive Gründe, die bei den in späteren Jahren in Vietnam folgenden Gefechtshandlungen ausgemerzt waren.

B. Keuthe

Karte Legassow:

Darstellung der Ereignisse am 01.05.1960 auf Grundlage der Angaben der Raketenleitstationen der beteiligten Fla-Raketenabteilungen nach Generalleutnant G.S.Legassow, 1998.

Deutsche Übersetzung der russischen Erklärungen:
1 - zur Landung ansetzend
2 - Beschuss des falschen Zieles, statt U-2 (Ziel-Nr. 8630) eine MiG-19
3 - Vernichtungszonen der Fla-Raketenkomplexe S-75
4 - Su-9 nach Attacke zur Landung übergehend
5 – ungefähr
6 - Zeitangaben am Kurs
7 - Raketenflugbahn, Zündung des Gefechtsteils am Ziel
8 - fehlerhafte Begleitung der MiG-19 anstelle der U-2 als Ziel Nr. 8630
9 - Beginn
10 - Ende
11 - Grenze der Vernichtungszone
12 - 2 MiG-19 verfolgen das Ziel 8630
13 - die 2. Rakete trifft die Trümmer der U-2
14 - die 1. Rakete vernichtet die U-2
15 - Kurs der U-2 (Ziel Nr. 8630)
16 - erfolglose Attacke der Su-9

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Quellen:
VKO Nr. 4/2012 (65), Jurij Knutow, Direktor des Museums der Luftverteidigung des Landes –
„Korrektur gestattet!“
VKO Nr. 4/2012 (65), Boris Samoilow, Oberst-Ing. im Ruhestand – „Das Rätsel des 1. Mai 1960“
VKO Nr. 4/2012 (65), Sergej Zelin – „Der Grenzverletzer ist vernichtet. Aber wie und von wem?“
www.vpk-news.ru/articles/6393, Oleg Falitschew – „Kampf am Himmel über dem Ural“
www.airwar.ru, Wladimir Samsonow, Augenzeuge auf dem Gefechtsstand der 4. LV-Armee –
„Wer schoss Powers ab?“
www.forum.guns.ru/forummessage/71/561117-m26959478.html – „Erneut zur U-2 von Powers“


Foto: B. Keuthe.
Eine U-2 im Pavillon der USAF
im Luftwaffenmuseum in Duxford,
England, 2011

Foto: www.airwar.ru
Eine Su-9 im russischen
Zentralen Luftwaffenmuseum
in Monino

 

 
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