Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Die Gefechtsbereitschaft und das Diensthabendes System


Die Gefechtsbereitschaft war in der Nationalen Volksarmee nach den gleichen Prinzipien wie im gesamten Warschauer Vertrag organisiert. Sie umfasste vier Stufen - die Ständige Gefechtsbereitschaft, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft, die Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr und die Volle Gefechtsbereitschaft. Diese Stufen galten für alle Teilstreitkräfte, Verbände, Truppenteile und Einheiten in gleicher Weise. Nach Waffengattungen und Diensten gab es Besonderheiten, die detailliert geregelt waren. Die Besonderheiten wurden vor allem durch die Bewaffnung bestimmt. Für Panzer gab es, verständlicher Weise, andere Festlegungen als für Jagdflugzeuge oder Fla-Raketen.

Die Gefechtsbereitschaft in den Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung :

SG  Die Ständige Gefechtsbereitschaft :

Diese Stufe galt, wie ihr Name sagt, ständig. Ihr wichtigste Festlegung war, das ständig 85% des Personalbestandes am Standort verfügbar sein mussten und Ausnahmen bei Übungen u.ä. vom Vorgesetzten genehmigt bzw. befohlen werden mussten. Die Bewaffnung und Munition befand sich in den Waffenkammer und Lagern. Die Kfz.-Technik war gewartet und in den Parks abgestellt. Die Fla-Raketentechnik befand sich in den DHS-Stellung in der befohlenen Bereitschaftsstufe des Diensthabenden Systems. Die Fla-Raketen befanden sich auf den Startrampen, den Transport-Ladefahrzeugen und in den Raketenbunkern, bei den FRK S-200 auf den Lademaschinen in den Bunkern. Die Mobilmachungstechnik wie die Flakgeschütze ZU-23 und ihre Zug-mittel waren gewartet, konserviert und im Park abgestellt.
In die Ständige Gefechtsbereitschaft eingebettet waren die Bereitschaftsstufen des Diensthabenden System der Fla-Raketentruppen der Luftverteidigung. In der Ständigen Gefechtsbereitschaft befanden sich ständig 50 % der FRA in der Bereitschaftsstufe 2 des DHS. Zum DHS finden Sie Ausführungen im Anschluss an die Stufen der Gefechtsbereitschaft.

EG  Die Erhöhte Gefechtsbereitschaft :

Diese Stufe diente der Vorbereitung weiterer Maßnahmen. Der Personalbestand wurde zu 100% in die Dienststellen befohlen. Alle FRA hatten die Bereitschaftsstufe 2 einzunehmen. Maßnahmen der Mobilmachung wurden nach gesondertem Plan vorbereitet. Die Durchläufe durch die Mobilmachungspunkte wurden geübt und die Technik der Mob.-einheiten auf Befehl entkonserviert. Die Anzahl der gefechtsbereiten Fla-Raketen wurde auf Befehl erhöht. Es wurde verstärkte Gefechtsausbildung nach speziellen Ausbildungsplänen in den Einheiten der FRA durchgeführt. Die Tarnung der Feuerstellungen wurde vervollkommnet und Scheinelemente zur Täuschung zur Entfaltung vorbereitet.

GK  Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr :

In dieser Stufe betrug die Übergangszeit in die Bereitschaft zum Start der Fla-Raketen für alle FRA S-75 und 125 3 Minuten und 30 Sekunden. Die Mobilmachung wurde vorbereitet und auf Befehl durchgeführt. Die Verlegung ausgewählter FRA in die Wechselfeuerstellung wurde unter größter Geheimhaltung und Tarnung vorbereitet und auf Befehl durchgeführt.

VG  Volle Gefechtsbereitschaft :

In dieser Stufe wurde die Führung von Gefechtshandlungen im vollen Kampfbestand zur Abwehr des Luftgegners vorbereitet. Alle Einheiten und Gefechtsstände befinden sich in der Startbereitschaft der Fla-Raketen bzw. der Bereitschaftsstufe 1, die Mobilmachung wurde durchgeführt. Geplante Manöver ausgewählter FRA in Wechselstellungen mussten auf Befehl ausgeführt werden. Die Anzahl gefechtsbereiter Fla-Raketen wurde erhöht. Die Rückwärtigen Dienste verließen die Objekte und begaben sich in die Dezentralisierungsräume.

Das Diensthabende System der Fla-Raketentruppen

Die diensthabenden Kräfte der Fla-Raketentruppen (FRT) waren Bestandteil der DHS-Kräfte der LSK/LV. Die Aufgaben des DHS konnten nur gemeinsam mit den Jagdfliegern, den Funktechnischen Einheiten und den sicherstellenden Kräften aller Waffengattungen in den LSK/LV erfüllt werden.

Das DHS wurde durch den Befehl 90 des Stellvertreters des Ministers und Chef der LSK/LV geregelt. In diesem Befehl waren folgende Hauptaufgaben für das DHS festgelegt :

Die Aufklärung des Luftraumes, die Ortung und Beobachtung von Luftfahrzeugen nach Überflug der Linie ..., diese Linie lag ca. 130 km vor der Grenz- und Küstenlinie der DDR. Die Luftverbindungswege von und nach Berlin bildeten dabei einen ständigen Schwerpunkt

Die Meldung der Luft- und Gefechtslage automatisiert und nichtautomatisiert. Die Luftlage erarbeiteten die Aufklärungs- und Informationszentren (AIZ) der 1. und 3. Luftverteidigungsdivision und stellten diese über diensthabende Funknetze der Einheiten und Truppenteilen im Nord- bzw. Südraum der DDR zur Verfügung.

Die diensthabenden Kräfte der Jagdflieger hatten gegen Luftfahrzeuge, die widerrechtlich in den Luftraum eindringen zu handeln. Die diensthabenden FRA hatten dazu bereit zusein. Es gab während des Bestehen des DHS, dank der Vernunft beider der sich gegenüberstehenden Seiten, keinen einzigen Raketenstart der FRT der DDR. Der Chef der LSK/LV sagte bei einem Besuch in einer FRA der 43. FRBr. " wenn unser Fla-Raketentruppen ihre Raketen starten müssen, dann hat der 3. Weltkrieg begonnen."

Das DHS hatte günstige Bedingungen zuschaffen für die Abwehr eines überraschenden Angriffes des Luftgegners.

Dazu hatten die Gefechtsstände, die sich ständig im DHS befanden, die Überführung der Führungsorgane und Truppen in höhere Stufen der Gefechtsbereitschaft zu führen.

Unterstützung der Volksmarine bei der Aufklärung und Bekämpfung widerrechtlich eingelaufener Überwasserziele durch küstennahe Einheiten der FuTT und FRT.

Benachrichtigung der Truppen über Satellitenüberflüge des Gegners und rechtzeitige Durchführung der erforderlichen Maßnahmen. Eine Maßnahme gegen die elektronischen Aufklärungssatelliten des Gegners. Diese Maßnahme wurde mit den Signalen "rot" und "grün" gesteuert. Bei Signal "rot" war die Abstrahlung für alle Raketenleitstationen verboten und die Abfrage von Raketen-antwortsendern durfte nicht durchgeführt werden.

Kontrolle der Flugregime im Luftraum der DDR laut Hauptflugregeln.

Es gab eine Reihe weiterer Aufgaben, die allerdings die Arbeit der FRT im DHS nur wenig tangierten.

Den Befehl zur Eröffnung von Vernichtungsfeuer erteilte :

  • der Minister für Nationale Verteidigung oder
  • der Oberkommandierende der GSSD oder
  • der Stellvertreter des Ministers und Chef LSK/LV.
Ziffer 13 des Befehl 90/85

Die diensthabenden Besatzungen der Einheiten und Gefechtsstände wurden durch den Leiter der diensthabenden Besatzung mit folgenden Worten vergattert :

"Zur Durchführung des Diensthabenden Systems in der Zeit vom ... bis zum ... verpflichte ich sie, getreu
dem geleisteten Fahneneid, im festen Klassen- und Waffenbündnis mit der Sowjetarmee und den
anderen Bruderarmeen alle gestellten Gefechtsaufgaben zum Schutze des Luftraumes der
Deutschen Demokratischen Republik und der sozialistischen Staatengemeinschaft
mit hoher Disziplin und Initiative zu erfüllen !
Diensthabender ...."

Im Diensthabenden System der FRT gab es vier Bereitschaftsstufen
BSFAR Die Bereitschaft zum Start der Fla-Raketen
B-1 Die Bereitschaftsstufe 1
B-2 Die Bereitschaftsstufe 2
B-3 Die Bereitschaftsstufe 3

 

Zeiten zur Einnahme :
BSFAR aus B-2 3 min. 30 sec
  B-1 2 min.
 
B-1 aus B-2 6 min.
BSFAR aus B-2 3 min. 30 sec
  aus B-3 20 min.
B-2 aus B-3 60 min
 

Für die Einnahme der verschiedenen Bereitschaftsstufen waren Signale der Alarmsirenen in den Feuerstellungen, Kasernenobjekten und Wohnblöcken festgelegt, die jeder auswendig beherrschen musste. Das System funktionierte, weil es Bestandteil der Ausbildung war und ständig trainiert wurde.

Die Bereitschaftsstufen des Diensthaben Systems hatten in den Fla-Raketentruppen folgende Charakteristik :

BSFAR Die Bereitschaft zum Start der Fla-Raketen
Die gleichen Charakteristika wie die Bereitschaftsstufe - 1. Zusätzlich wurden durch den Leitoffizier die Startkreise geschlossen und der Oberschaltmechaniker der Startbatterie gab drei Fla-Raketen in Vorbereitung. Auf Befehl wurde Zielsuche in extrem geringen Höhen mit der Raketenleitstation (RLS) durchgeführt. Es bestand nur noch eine Sicherheitsstufe die den Start der Raketen verhinderte - es war verboten die RLS auf Gefechtsarbeit zu schalten.

B - 1 Die Bereitschaftsstufe -1 hatte folgende Charakteristika :

  • die diensthabend Gefechtsbesatzung befand sich an den Arbeitplätzen,
  • die Fla-Raketentechnik war eingeschaltet und die Funktionskontrolle durchgeführt,
  • die Stromversorgung erfolgte von Aggregat,
  • die Automatisierungstechnik war eingeschaltet und einsatzbereit,
  • die Aufklärungs- und Zielzuweisungsmittel (AZM) der FRA waren eingeschaltet und führten Aufklärung durch,
  • die Luftlage der eigenen AZM und der Funktechnischen Truppen wurde auf dem GS der FRA dargestellt,
  • die Nachrichtenverbindungen über Funk, Richtfunk und Draht waren in Betrieb,
  • die Startrampen waren mit Fla-Raketen beladen und die OScha verbunden.

B - 2 Die Bereitschaftsstufe - 2 hatte folgende Charakteristika :

  • die diensthabende Gefechtsbeatzung befand sich in der Feuerstellung und auf den AZM,
  • die Fla-Raketentechnik war einsatzbereit und zum Einschalten vorbereitet, es konnten Wochenkontrollen
    oder Gefechtsausbildung mit Einhaltung der Übergangszeit durchgeführt werden,
  • die Automatisierungstechnik war zum Einschalten vorbereitet,
  • die AZM waren einsatzbereit, führten Kontrollarbeiten oder Gefechtsausbildung durch,
  • die Nachrichtenverbindungen waren einsatzbereit und arbeiteten nach Plantabelle,
  • die Startrampen waren beladen und die OScha getrennt.

B - 3 Die Bereitschaftsstufe - 3 hatte folgende Charakteristika :

  • die diensthabende Gefechtsbesatzung war in den Einheit eingeteilt,
  • der diensthabende Offizier des Gefechtsstandes befand sich mit dem diensthabenden Nachrichten und der
    SVA in der Feuerstellung und sichert die Alarmierung der diensthabenden Gefechtsbesatzung auf Signal vom
    vorgesetzten Gefechtsstand,
  • an der Fla-Raketentechnik und den AZM konnten Monatskontrollen und Gefechtsausbildung durchgeführt werden.

Für die Durchführung von Halb-Jahres-Kontrollen an der Fla-Raketentechnik und Manövertrainings wurden den Fla-Raketenabteilungen erhöhte Übergangszeiten gewährt.

Das Diensthabend System konnte für einzelne Funktionen durch aus sehr belastend sein. So waren für Offiziere bis zu 10 24-Dienste und für Soldaten und Unteroffiziere bis zu 20 Tagen DHS am Stück durchaus keine Seltenheit. Diese Belastung konnte auch durch die finanzielle DHS-Zulage und die verbesserte Verpflegung im DHS nicht kompensiert werden.

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