Die Luftverteidigung der DDR bis 1990

Buchbesprechung für 43.Fla-Raketenbrigade "Erich Weinert"



Martin Kunze



Bernd Kirchhainer / Dieter Reichelt / Lothar Herrmann
43. Fla-Raketenbrigade Erich Weinert. Fakten und Geschichten.
Steffen Verlag, Friedland 2012, 381 Seiten, Preis:19,95 Euro
ISBN 978-3-942477-31-4



Hüter des Luftraums über der Ostseeküste



Sie kamen von der Flak, von der Artillerie, manche auch von den Panzern und den Mot.-Schützen. Sie bezogen vielfach provisorische Unterkünfte in Einödstandorten oder lebten zunächst in Zeltlagern. Sie erhielten zuvor oder im Verlauf der Aufstellung ihrer Einheiten eine hochqualifizierte Ausbildung in Geltow, Pinnow, Minsk, Gatschina, Baku und anderen Orten. Die Mehrzahl von ihnen gehörte zunächst zum Fla-Raketenregiment 18. Und als der mit Befehl vom 12.10.1971 gegründete Verband, dem sie später alle angehörten, seine höchste Einsatzbereitschaft erlangt hatte, waren sie in der Lage, den Luftraum über der Ostseeküste der DDR mit vier modernen Fla-Raketensystemen zu schützen, mit S-75 "Wolchow", S-125 "Newa", S-200 "Wega" und S-300 "Angara". Sie - das waren die Soldaten und Zivilbeschäftigten der 43. Fla-Raketenbrigade (FRBr) "Erich Weinert". Sie waren stolz auf die Namensgebung "Weinert" für eine ihrer Kasernen, eine der Wohnsiedlungen, eine Schule und für ihren großen Verband, und sie retteten das dabei gesetzte Denkmal nach der "Wende" vor dem Verschwinden.

Mit dem hier vorliegenden Buch setzen sie sich nun ein weiteres, gemeinsames Denkmal. Das Buch, in Format, Farbgestaltung und gelungenem Layout nahtlos zu den bereits vom Steffen-Verlag herausgegebenen Bänden zum Thema Fla-Raketen passend, hinterlässt schon äußerlich einen sehr guten Eindruck. Der von den Herausgebern verfassten Einführung folgt in seinem Teil 1 die relativ kurze, mit Fotos untersetzte, Beschreibung von Struktur, Technik und Gefechtsmöglichkeiten. Daran anschließend erläutert der letzte Kommandeur der Brigade die Führung dieses als Einzigem in der NVA mit 4 Fla-Raketensystemen ausgestatteten taktischen Verbandes der Fla-Raketentruppen, darunter dem seinerzeit weltweit modernsten System S-300 "Angara". Im Teil 2 wird die nach Jahren geordnete Chronik aufgeführt, von der 1958 begonnenen Aufstellung der Fla-Raketentruppen der NVA bis zur Abwicklung der 43. FRBr zum 3.10.1990.

Die Darstellungen jener Details der Geschichte des Verbandes, die der Leser bis dahin vielleicht vermisst, überlassen die Herausgeber, und das ist das Ungewöhnliche an diesem Buch, den im Teil "Geschichten" zu Wort kommenden rund 65 (fünfundsechzig) Zeitzeugen. Aus deren manchmal kurzen, zum Teil auch mehrere Seiten umfassenden Berichten entsteht ein repräsentatives Bild von Aufbau und Entwicklung dieser Brigade, sachlich, humorvoll, immer wieder auch kritisch oder sogar selbstkritisch. Es schreiben Soldaten, Unteroffiziere und Fähnriche, Zivilbeschäftigte, Ehefrauen aus der eigenen Heimat oder mitgebracht aus dem großen Bruderland, Offiziere vom Zugführer aufwärts bis zum Stellvertreter des Brigadekommandeurs, Kraftfahrer, Techniker, Lehrerinnen, Elektronikspezialisten und Kommandeure aller Stufen. Der Leser wird bekannt gemacht mit allen Facetten des täglichen Lebens der Einheiten, vom Stellungsbau über den lang andauernden Dienst im "DHS", dem Diensthabenden System, bis zu den taktischen Übungen auf Übungsplätzen in der DDR und auf dem berühmt-berüchtigten Fla-Raketen-Schießplatz Aschuluk am Rande der kasachischen Steppe. Er bekommt einen ehrlich-kritischen Einblick in die Probleme, die das Soldatenleben so nebenbei geboten hat, von plötzlichen Versetzungen und von Kommandierungen zu Lehrgängen in der Sowjetunion, von Wohnungssuche, fehlenden Arbeitsplätzen für die Ehepartnerin oder Schulwechsel für die Kinder. Es wird auch dienstlich nichts verschwiegen, nicht die auch hier wirkenden Fakten der EK-Bewegung, nicht die Betroffenheit, wenn eine Einheit ohne Erfolg und mit hängenden Köpfen aus der Steppe zurückkam oder wenn es um die Freuden und Leiden der Zusammenarbeit mit den "Waffenbrüdern" geht. Es ist dieser Teil des Buches, der den Leser mitfühlen lässt, der ihm das Gefühl gibt, mitten drin zu sein im Leben der Brigade. Und noch etwas ist zu erkennen: Der Stolz aller Schreibenden, in dieser Truppe gedient zu haben, der Zusammenhalt innerhalb der Einheiten und zwischen diesen, die persönlich gefühlte Verantwortlichkeit dafür, den Luftraum ihrer Heimat über der Ostseeküste sicher zu schützen. Von besonderem Interesse sind auch jene Berichte, in denen über die Auflösung der Brigade erzählt wird, die Abgabe der sensitiven Technik, das erste Zusammentreffen mit dem einstigen "Gegner" - den Angehörigen der Bundeswehr - und über die beginnende Suche nach neuen Lebensinhalten. Jene Notizen, die über die Zufriedenheit der Familien beim ehemaligen Leben in den Wohnsiedlungen berichten und jene, die Aussagen über das enge Zusammenwirken der Einheiten mit dem zivilen Bereich treffen, ob bei Havarien und gegenseitiger Instandsetzung von Technik oder bei der Hilfe für die umliegenden Ortschaften in mehreren Katastrophenwintern, widerlegen so manches heute propagierte Schema zum Leben vor 1990. Diese Berichte nehmen zwei Drittel des Buchumfanges ein. Ohne diese "Geschichten" jedoch wäre das Leben der FRBr 43, deren Wirkungsbereich die gesamte Ostseeküste von Wismar bis zur Insel Rügen war, nicht zu erfassen gewesen. Die im Teil 4 des Bandes vorgestellte Fotogalerie bietet bislang wenig bekannte Einblicke in das ehemals streng geheim gehaltene Leben der Fla-Raketentruppen der NVA. Im Teil 5 findet der Leser Kopien wichtiger Dokumente, Übungsergebnisse, Personal- und Technikübersichten sowie eine Abkürzungs- und Literaturübersicht. Die hier geübte Art und Weise der Vorstellung einer militärischen Einheit lässt den Wunsch nach ähnlich gestalteten Veröffentlichungen aufkommen.

 
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